Offener Brief von Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg an Koordinierungsstelle attac Deutschland

Offener Brief von Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg an Koordinierungsstelle attac Deutschland

Ihr droht Marie-Dominique Vernhes und der AG Gesundheit von attac Hamburg mit Rausschmiß aus attac. Der Grund ist die Rede von Marie-Dominique, die sie am 5. Februar auf dem Jungfernstieg auf der Kundgebung „Wir wollen wieder tanzen“ gehalten hat. Auf dieser Kundgebung haben außer Marie-Dominique noch ein Gewerkschaftskollege, eine Pflegerin und ein Studentin gesprochen. Sie hielten quasi linke Reden vor einem aufmerksamen ZuhörerInnenkreis. Also das, was wir uns seit vielen Jahren immer wünschen. Und selten verwirklichen konnten!

Diese Kundgebung hatte denselben TeilnehmerInnenkreis wie die vorangegangenen Großdemos (die letzte am 8. Januar 2022 hatte 25.000 – 30.000 Teilnehmende!). Der Hamburger 1. Bürgermeister Tschentscher konzedierte, daß es Demonstrierende aus der „bürgerlichen Mitte“ seien. Wir präzisieren: Es waren in großer Mehrzahl Lohnabhängige, besonders viele aus dem Pflegebereich, Soloselbstständige, auch viele Studierende.

Bei euch ist die Hauptanschuldigung das „Zusammengehen mit rechtsradikalen Kräften“.

Eure Anschuldigungen gegen Marie-Dominique beruhen auf dem Kontaktschuldprinzip, bekannt aus der Mc Carthy-Zeit in den USA: https://www.bedeutungonline.de/was-ist-kontaktschuld-bedeutung-definition-erklaerung/

Genau diesen Fakt, die Teilnahme von rechtsradikalen Kräften an den Großdemos bis Januar, bis zu dem Verbot durch den Senat, haben wir in Berichten zu verschiednen Großdemos beschrieben:

Von Alwin Altenwald
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2021/12/05/wieder-grosse-demo-der-impfkritiker-in-hamburg/
Von Bernd Schöpe
https://www.novo-argumente.com/artikel/gefaehrliche_proteste
Von Hanna Mittelstädt
https://edition-nautilus.de/autorinnen/mittelstaedt-hanna/
Eine Einschätzung von Mehmet Yildiz (MdBü)
http://mehmet-yildiz.de/blog/2022/01/08/umgang-mit-corona-der-begriff-der-solidaritaet-wird-von-den-herrschenden-fuer-eigene-zwecke-missbraucht/

Auch Norbert Häring beschreibt diesen Fakt nach seiner Teilnahme an vier Demos in Frankfurt/M., direkt vor eurer Haustür!

https://norberthaering.de/news/demo-buecher/

Unser Vorwurf ist, daß ihr euch nicht schlau gemacht habt, bevor ihr den Hammer der Androhung eines Ausschlußverfahrens gegen Marie-Dominique und die AG Gesundheit geschwungen habt!

Auf wessen Darstellung der Hamburger Kundgebung beruft ihr euch? Benennt sie bitte.

Uns erschrecken eure Methoden!

Warum habt ihr nicht, bevor ihr derartige Anschuldigungen loslaßt, euch an Marie-Dominique gewendet? Warum habt ihr euch nicht schlau gemacht über den Charakter der Hamburger Samstag-Großdemos mit der marginalen Beteiligung von Rechtsextremen?

Wir haben uns noch vor einigen Monaten solidarisch erklärt als euch von staatlicher Seite die Gemeinnützigkeit aberkannt werden sollte.

Macht eine politische Kertwende und entschuldigt euch bei Marie-Dominique und der AG Gesundheit!

Wir vom Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg werden weiterhin – wie seit vielen Jahren – mit Marie-Dominique zusammen arbeiten. Manchmal ist es so, daß in einem Ort eine Person für eine Organisation steht, ihr „Gesicht“ ist. Für uns ist es seit 17 Jahren Marie-Dominique. Diesen Ruf hat sie sich als kompetenter, aktiver und freundlicher Mensch wie selbstverständlich erarbeitet!

Attac kann froh sein, daß sie AktivistInnen wie Marie-Dominique in ihren Reihen hat!

Noch eine Schlußbemerkung:

Wenn ihr derartige Methoden – noch dazu in den eigenen Reihen – praktiziert, wie soll dann ein solidarisches Miteinander in der Zukunft vor sich gehen? In dieser Zukunft wird es darum gehen, die Abwälzung der Kosten der Coronamaßnahmen auf die Bevölkerung -bei gleichzeitiger weiterer Bereicherung der Konzerne- abzuwehren. Und es wird darauf ankommen, die Festschreibung der Grundrechtseinschränkungen zu verhindern. Ein Kampf, in dem alle gebraucht werden!

Mit freundlichen Grüßen

Jour Fixe Vorbereitungsgruppe Gewerkschaftslinke

Redaktion Jour Fixe Infos

10 Replies to “Offener Brief von Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg an Koordinierungsstelle attac Deutschland”

  1. Genau!

    Wie sollen wir Einfluss auf eine Bewegung von Lohnabhängigen bekommen, wenn wir sie ungeprüft als rechtsradikal denunzieren?
    Man muss die rechte Ideologie zurückdrängen, das können und müssen wir selber tun.
    Wir dürfen diese Bewegung nicht dem Mainstream und den Rechten überlassen.

    Als demonstrierender Zaungast erreicht man höchsten das Gegenteil.

    Alles Gute Peter

  2. Ich danke Euch von Herzen! Plötzlich wird man von Parteilinken als asymptomatisch RECHTS beschimpft. Unfassbar! Allein die Unterscheidung Impfpflichtgegner – Impfgegner ist intellektuell zu hoch. Die Sprache der Herrschenden wird 1:1 übernommen, um Genossen und Genossinnen sozial zu zerstören! Denn oft – ohne zu prüfen, also ohne das Gespräch zu suchen – wird man nicht nur als rechts, sondern gar als Holocaustverharmloser beschimpft, von Christiane Schneider per se als Nazi diffamiert. Eine schlimmere Beleidigung ist in Deutschland kaum möglich. Linke möchten Linke aufgrund einer anderen Haltung sozial vernichten. Das macht mir Angst! Das geht zu weit! Genug ist genug!

    • Mein Nachbar – wohnt über mir – hatte Wasserschaden – er ist ein Bürgerlicher (um Deinen Vorwurf aufzunehmen) – haben zusammen Wasser geschöpft, damit wir nicht alle in unserem Barmbekbacksteinhaus unter Wasser stehen. Hat an meiner politischen Haltung nichts geändert oder worum sorgst Du Dich?

      Du erwartest, man solle seine persönliche Freiheit aufgeben? Harter Tobak! Der Impfstoff sollte schützen, nicht die Ungeimpften. Du impfst Dich mit Impfstoffen, entwickelt und vertrieben von Bürgerlichen. Und wirfst anderen vor, sie würden mit Bürgerlichen gemeinsam für Grundrechte eintreten? Da komme ich logisch nicht hinterher.

      Und was heißt links-solidarisch? Solidarisch womit?

    • So, so, der bürgerlichen Klientel geht es „nur“ um ihre „individuelle persönliche Freiheit“.
      Ab wann darf man denn deiner Meinung nach um seine bürgerlichen Freiheiten kämpfen?
      Oder ist das generell rechts?

  3. Liebe KollegInnen vom Jour Fix HH,
    gut gebrüllt! Danke.
    Neben der unsäglichen Kontaktschuldsache, die die eh schon schwache Linke noch weiter schwächt, noch folgendes:
    Auf der TTIP Demo in Berlin vor Jahren waren auch Merkel Galgen von Pegida und Co. zu finden. Damals kam keiner auf die Idee, das diskreditierend zu finden. Das waren noch schöne Zeiten damals…

    Von daher Kokreis von ATTAC Deutschland:
    Eine Kiste Orangen bleibt eine Kiste Orangen, auch wenn sich darin eine Spinne befinden sollte.
    Das gebietet die kategoriale Logik.

    Ansonsten liebe KollegInnen – weiter so mit Herz und Hirn – Rolf

  4. Als jemand, der sich zum erweiterten Netzwerk der JFI Hamburg zählt, habe ich immer weniger Verständnis, was hier alles veröffentlicht wird. Das auch in diesem offenen Brief geäußerte Kern-Argument für die Teilnahme an den Protesten der Maßnahmenkritiker ist denkbar schwach: Bei vielen Demos, egal welchen Themas, dürften in großer Mehrzahl Lohnabhängige dabei sein. Das allein sagt doch überhaupt nichts aus.

    Es ist ja richtig, dass Bewegungen gerade in der Anfangszeit diffus sind und dass Linke sich einbringen sollten, sofern das sinnvoll erscheint. Das sehe ich bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen aber überhaupt nicht. Da geht es dem Redebeiträgen, Transparenten und selbstbeschriebenen Schildern nach in erster Linie um individuelle Freiheitswünsche, aber fast nie um soziale Fragen. Aus den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen wird keine deutsche Gelbwesten-Bewegung, so sehr sich das offenbar einige im Vorbereitungskreis wünschen. Bitte kommt zur Besinnung, der Winter ist bald vorbei.

    Solidarische Grüße

    • In meinen Augen zeigt das das ganze Elend der Linke komprimiert.

      „Bitte kommt zur Besinnung, der Winter ist bald vorbei.

      Solidarische Grüße“

      1. Zur Besinnung kommen kann man nur, wer besinnungslos ist. –> Eine Kritik, die unterstellt, man wäre besinnungslos, ist gelinde gesagt unfair bis unverschämt.

      2. Olaf Scholz sprach schon vom nächsten dunklen Winter, die Lockerungen in D sind ein Witz im Vergleich zu Norwegen, Dänemark, selbst Österreich. –> Die Aussage, bald wäre es durchgestanden, ist falsch.

      3. „Solidarische Grüße“, das garniert noch mal so schön verdreht nach den fast schon niederträchtigen und falschen Worten. Arme SOLIDARITÄT! So oft missbräuchlich genutzt. Oder andersherum: Ja, dann zeige doch auch Andersdenkenden gegenüber Solidarität. Man ist ja so solidarisch (der eigenen peer-group gegenüber, deren Mitglieder die gleichen Interessen verfolgen wie man selbst).

      • Liebe Simone,

        die Teilnahme an den Protesten an sich und speziell die Begründung der Teilnahme finde ich alles andere als sinnvoll, sie folgen aus meiner Sicht aus einer falschen Einschätzung der Proteste sowie der Gesamtlage. In diesem Sinne appelliere ich an die Kolleginnen und Kollegen, das politische Bewusstsein, für das ich jahrelang die zentrale Akteure des Netzwerks so sehr geschätzt habe, wiederzuerlangen, sich also wieder politisch zu besinnen. Du siehst das sicher gänzlich anders, aber warum ist meine Schlussfolgerung unfair oder unverschämt?

        Sicherlich schwingt in dem Satz „Der Winter ist bald vorbei“ die Hoffnung mit, dass das schlimmste bald durchgestanden ist. Für dich mögen das die Maßnahmen sein, mir geht es hier aber auch um die Entwicklung des Virus – ich hoffe sehr, dass sich die Tendenz fortsetzt, dass neue Mutationen weniger gefährlich sind und selbstverständlich müssen dann auch sämtliche Maßnahmen aufgehoben werden. Sollte das nicht passieren, wird politischer Druck notwendig sein, klar.

        Zum Thema Umgang mit Andersdenkenden noch ein Wort: Ich bin mit Leuten aus dem Vorbereitungskreis seit langem und auch zu diesem Thema im engen Austausch. Dass wir in Sachen Pandemie und Pandemiebekämpfung unterschiedliche Auffassungen haben, war lange kein Problem. Wir haben freundschaftlich und offen darüber fast zwei Jahre diskutiert. Für mich ist aber eine Linie überschritten, wenn etwa dieser offene Brief hier überschrieben ist mit „Offener Brief von Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg“ oder der sehr geschätzte Kollege Dieter auf der Kundgebung am Jungfernstieg behauptet, die meisten der Jour Fixe Initiative würden die Teilnahme unterstützen.

        Was am Aussprechen solidarischer Grüße in einer Nachricht an andere Teile eines Netzwerks, zu dem ich mich im erweiterten Sinne auch zähle, falsch oder fast schon niederträchtig sein soll, verstehe ich wirklich nicht.

        Solidarische Grüße,
        Sebastian

  5. Liebe Gewerkschaftslinke,

    ich lese hier häufig mit und finde vieles was Ihr macht sehr gut. Aber als ich heute nach längerer Zeit mal wieder auf Eure Homepage geguckt habe, ist mir echt die Hutschnur geplatzt. Ich hätte nie gedacht, dass Ihr mal zu dem verwirrten Teil einer Linken gehört, die mensch auf „Anti-Corona-Maßnahmen“-Demos antrifft und ich kann nur schreiben: Ich habe mich wohl echt in Euch geirrt.

    Mir geht es nicht prmär um die Nazis, die sich bundesweit auf diesen Demonstrationen herumtreiben. Das wäre ein schlechtes Argument, man könnte sie ja vertreiben (tut Ihr das? Das in HH Nazis in eigenen Blöcken mitlaufen, ist ja belegt). Mir geht es darum, dass Ihr Euch total verrant habt und den Charakter dieser Bewegung aus meiner Sicht vollkommen falsch einschätzt.

    Bei diesen Demos geht das Kleinbürgertum auf die Straße, dass ganz individualistisch ohne Maske und Impfung Schuhe einkaufen möchte. Ich gehe gerne bei der Kritik an der Linken mit, die es nicht geschafft hat, irgendwelche sinnvollen Positionen während der Corona-Pandemie aufzustellen. Die Lösung kann aber nicht sein, mit einem Haufen irrer Kleinbürger auf der Suche nach „Bewegung“ durch die Innenstädte zu laufen. Es hat schon einen Grund, warum keine dieser „Spaziergänge“ nur einen Hauch von solidarischen Forderungen hat.

    Ich hoffe, Ihr geht nochmal tief in Euch und analysiert diese „Bewegung“ noch einmal anstatt emotionalisiert „den Massen“ hinterherzulaufen.

    Solidarische Grüße
    Ein Mitleser

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