BETRIEBSBESETZUNG. Eine wirksame Waffe im gewerkschaftlichen Kampf!
Dieses Buch (*) über Betriebsbesetzungen schrieb Rainer Thomann 2009/2010. In der Wirtschaftskrise häuften sich die Massenentlassungen und Betriebsschießungen: Inn der Schweiz, in Italien, Frankreich und Deutschland formierten sich Widerstände bis hin zu Betriebsbesetzungen.
Rainer Thomann schildert diese ausführlich: Bei Officine in Bellinzona (Schweiz), Borregaar-Attisholz bei Solthurn (Schweiz), INNSE Mailand, IVECO Suzzara (Italien), Holcim Torrdonjimeno (Spanien). Nur die Kämpfe bei Officine und INNSE waren erfolgreich!
Er schildert weitere Kämpfe: Continental Clairoix (Frankreich), Videocon Anagni (Italien), Fiege Brembio (Logistikmulti Italien) und geht auf die Kämpfe bei GHB (Gesamthafenbetrieb) Bremerhaven und Bremen ein, bei Mdexx, Ventilatorenhersteller (Bremen), BSH- Bosch Siemens Hausgeräte (Spandau), Mahle, Kolbenherstellung (Alzenau).
Heute, 15 Jahre später, hat sich die Krisenlage wesentlich zugespitzt. Kapitalistische Großmächte führen Kriege gegeneinander um die Weltdominanz. Wir steuern auf einen 3. Weltkrieg zu. Die deutsche Regierung formt die Gesellschaft auf Kriegsrüstung um. In dieser Situation stehen (auch) in der deutschen Autobranche, dem Glanzstück der deutschen Industrie, Massenentlassungen und Betriebsschießungen an. (Nicht nur in ihr). Die betroffenen KollegInnen stehen vor der Frage wie sie sich wehren. Was Jahrzehnte im Anti-Kriegskampf galt „Schwerter zu Pflugscharen“ wird von der deutschen Kriegsindustrie jetzt umgedreht: Konversion in Rüstungsbetriebe! Dieses Buch von Rainer Thomann ist eine wertvolle Hilfe, aus den Erfahrungen – ob Siege oder Niederlagen – zu lernen.
Die Aufgabe von GewerkschaftsaktivistInnen ist es, aus der Arbeitergeschichte zu lernen! Wir haben aus dem Buch von 140 Seiten diese 12 Seiten zusammengefaßt, um das Lernen zu erleichtern. Es soll nicht abhalten vom Kauf dieses Büchleins! Im Gegenteil!
In dem Vorwort zur 2. Auflage formuliert Rainer Thomann einige wichtige und fundamentale Grundsätze des Klassenkampfes und von Betriebsbesetzungen (nicht nur bei Officine in Bellinzona):
„Auch noch so radikale und spektakuläre Kampfformen können den Gegner nur dann in die Knie zwingen, wenn die geballte Kraft der Revolte ihm gezielte Schläge durch eine wirkungsvolle Organisation des Kampfes zu versetzen vermag. Was sind nun die organisatorischen Voraus-
setzungen für einen erfolgreichen Kampf? „Wichtig ist, innerhalb des Betriebes zwei oder drei Persönlichkeiten zu schaffen, zwei oder drei Bezugspunkte für die Arbeiter, die eine Legitimität und eine Glaubwürdigkeit erlangen, die stärker ist als jene der Gewerkschaftsspitzen“, erklärte Gianni Frizzo in einem Interview ein Jahr nach dem erfolgreichen Streik in den Officine von Bellinzona…
Die Entschlossenheit zum Kampf und das Bewusstsein einer Belegschaft um die eigene Macht sind das Herz einer Betriebsbesetzung. Solange dieses Herz schlägt, kann der Kampf gewonnen werden. Die geschilderten organisatorischen Voraussetzungen sind das Rückgrat und Gehirn der Besetzung. Ohne diese organisatorischen Voraussetzungen würde sie rasch in sich zusammenfallen. Die Verbindung zur Bevölkerung, die Ausweitung des Kampfes einer einzelnen Belegschaft zu einem Kampf der ganzen Gesellschaft, das sind die Arme und Beine einer Betriebsbesetzung, mit denen sie sich fortbewegt. Diese Solidarität der Bevölkerung mit einem „wilden Streik“, mit einer „illegalen Betriebsbesetzung“ mag erstaunen. Wie ist ein derart rascher Umschwung der öf-
fentlichen Meinung, wie er beispielsweise im März 2008 in Bellinzona stattgefunden hat, zu erklären…
Worin unterscheidet sich der Kampf in den Officine von Bellinzona und bei INNSE Mailand von andern, leider oft erfolglosen Widerstandsaktionen gegen Massenentlassungen und Betriebsschliessungen? Mit der Besetzung des Werks, mit allen seinen Maschinen und Anlagen, bringen die Arbeiter dieses vorübergehend in ihren Besitz und greifen damit ganz direkt das Privateigentum an den Produktionsmitteln an, indem sie während der Zeit der Betriebsbesetzung den formellen Besitzer faktisch enteignen. Je mehr sich spontaner Widerstand gegen Betriebsschliessungen regt, desto deutlicher wird sichtbar, dass auch noch so radikale Ak-
tionsformen zum Scheitern verurteilt sind, solange die Belegschaften nicht die Kraft finden, diesen entscheidenden Schritt zu gehen und durch ihre direkte Aktion das Allerheiligste der bürgerlichen Legalität beiseite schieben: das Privateigentum an den Produktionsmitteln…
Genauere Voraussagen zu machen, wann und wo dies möglich wird, das wäre genau so realitätsfremd wie genaue Aussagen darüber, welche Form diese „Organisation der Proletarier zur Klasse und damit zur politischen Partei“ annehmen wird. Grundsätzlich hängt es von der weiteren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung ab – oder anders ausgedrückt davon, ob die herrschenden Klassen nicht mehr so weiterleben können wie bisher und die unterdrückten Klassen nicht mehr so weiterleben wollen wie bisher. Entscheidend wird sein, ob dann die Arbeiterinnen und Arbeiter mehrheitlich erneut jenen Glauben schenken werden, die im Namen von „Freiheit und Demokratie“ die auf dem System der parlamentarischen Demokratie beruhende politische Herrschaft der Kapitalbesitzer erhalten wollen (und damit gleichzeitig ihren eigenen Anteil an der Macht). Oder wird dann die Arbeiterklasse die Kraft finden, die auf der rücksichtslosen Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft und der Natur aufgebaute Produktionsweise, deren einziger Zweck darin besteht, Profit für die Kapitalbesitzer zu schaffen, endgültig zu beseitigen und eine Gesellschaft gleichberechtigter Produzenten aufzubauen? Eine Gesellschaft, in der alle leben und arbeiten können, jede und jeder nach den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Die in letzter Zeit in verschiedenen europäischen Ländern erneut aufgeflammten Arbeiterproteste haben den alten Grundsatz, wonach die Befreiung der ArbeiterInnen nur das Werk der ArbeiterInnen selbst sein kann, zu neuem Leben erweckt“.
Auszüge (12 Seiten) aus dem Buch Betriebsbesetzungen. Als wirksame Waffe im gewerkschaftlichen Kampf (140 Seiten). Von Rainer Thomann, Winterthur, Januar 2010
Einleitung
„Es ist nicht so, dass wir mehr Geld wollen. Wir wollen nur unsere Arbeit, nicht mehr Geld. Den Frieden und unsere Arbeit, das ist alles.“
Diese Aussage stammt aus einem Gespräch zwischen zwei Arbeitern, die während des 35-tägigen Streiks in den Officine von Bellinzona das besetzte Werk bewachen. (25) Sie zeigt, wie sich der Schwerpunkt gewerkschaftlicher Kämpfe verschoben hat. Streiks um Lohnerhöhungen, so
berechtigt sie auch wären, sind selten geworden oder werden als gewerkschaftliche Scheinkämpfe geführt (Beispiel: IG Metall in Deutschland). Wenn heute Arbeiterinnen und Arbeiter auf die Barrikaden steigen, dann geht es meistens um Massenentlassungen und Betriebsschliessungen, kurz: um die wirtschaftliche Existenz. Aktueller denn je ist die alte Wahrheit, wonach der moderne Arbeiter nur lebt, solange er Arbeit findet und nur solange Arbeit findet, als seine Arbeit das Kapital vermehrt.
Massenentlassungen und deren soziales Konfliktpotential
„Unser Leben zählt mehr als eure Profite!“ Das stand auf einem Spruchband im besetzten Industriewerk Bellinzona. Unversöhnlich stehen sich die Interessen gegenüber: Auf der einen Seite die Arbeiterinnen und Arbeiter, deren wirtschaftliches Überleben von der Weiterführung des Betriebes abhängt, auf der andern Seite der Kapitaleigentümer, der an dieser Weiterführung nur solange interessiert ist, als sie sein Kapital vermehrt. Bei Massenentlassungen und Betriebsschliessungen tritt das Nichtvorhandensein „gemeinsamer Interessen“ von Unternehmer und ArbeiterInnen besonders scharf hervor und die Folgen für die betroffenen ArbeiterInnen sind besonders einschneidend. Diesem Konfliktpotential begegnen Staat und „Sozialpartner“, indem sie Massenentlassungen und Betriebsschliessungen gesetzlich und vertraglich regeln. Das schweizerische Obligationenrecht beispielsweise verpflichtet den Arbeitgeber, bei beabsichtigten Massenentlassungen den Arbeitnehmern, bzw. deren Vertretung „zumindest die Möglichkeit“ zu geben, „Vorschläge zu unterbreiten, wie die Kündigungen vermieden oder deren Zahl beschränkt sowie ihre Folgen gemildert werden können“. (26) Ausserdem müssen „die Gründe der Massenentlassung“ schriftlich mitgeteilt werden.
Es liegt auf der Hand, dass durch diese gesetzlichen Vorschriften Massenentlassungen und Betriebsschliessungen überhaupt nicht verhindert werden können. Im Gegenteil, das Gesetz schützt einseitig die Unternehmer und ihre Kapitalinteressen. Deren Freiheit, Produktionsanlagen
stillzulegen und an einen Ort zu verlagern, wo die Arbeit weniger kostet, wird durch das Gesetz gestützt. Die Arbeitnehmer und die Gewerkschaften werden zu blossen Bittstellern erniedrigt, deren „Recht“ darin besteht, „Vorschläge zu unterbreiten“! Rein theoretisch wäre es mindestens denkbar, dass der Staat, dessen Einrichtungen (Sozialversicherungen, Sozialämter) ebenfalls von den finanziellen Folgen von Massenentlassungen betroffen sind, deren Rechtmässigkeit an bestimmte Bedingungen knüpfen würde, beispielsweise den Nachweis, dass das Unternehmen defizitär ist und über keine finanziellen Reserven mehr verfügt.
Selbstverständlich wäre es nicht allzu schwierig, auch solche Bestimmungen zu umgehen, so dass dadurch die Verfügungsgewalt der Kapitaleigentümer über die Produktionsmittel kaum wirksam eingeschränkt würde. Die Tatsache, dass Massenentlassungen und Betriebsschliessungen – abgesehen von einer fadenscheinigen „Informationspflicht“ – keinerlei gesetzlichen Beschränkungen unterliegen, beweist einmal mehr, dass der Staat keineswegs über den Klassen steht, sondern dass seine Aufgabe darin besteht, die Unternehmerinteressen zu schützen und die
bürgerliche Klassenherrschaft aufrechtzuerhalten.
Entsprechend stumpf sind die gewerkschaftlichen Waffen, um Massenentlassungen und Betriebsschliessungen zu verhindern, solange sich diese im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten bewegen. In aller Regel beschränkt sich der „Kampf“ auf das Aushandeln von sog. „Sozialplä-
nen“, mit denen die Folgen der Massenentlassungen gemildert, diese selbst jedoch überhaupt nicht verhindert werden. So hält beispielsweise der LMV für das Bauhauptgewerbe (für dessen Erneuerung sogar gestreikt wurde!) fest: „Der Betrieb ist gehalten rechtzeitig einen Sozialplan auszuarbeiten, der die sozialen und wirtschaftlichen Härten mildern soll.“ (27)
Sozialplanverhandlungen gehören inzwischen zum „Ritual“ einer sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaftspolitik, die einzig darin besteht, mit den Unternehmern über die Kosten der Massenentlassungen zu feilschen. Letztere grundsätzlich anzugreifen und zu versuchen, sie mit entschlossenen Kampfmassnahmen zu verhindern, das liegt offensichtlich ausserhalb der Vorstellungskraft einer gewerkschaftlichen Politik, die ihre Aufgabe darin sieht, Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu versöhnen statt konsequent die Interessen der ArbeiterInnen – und somit ihrer Mitglieder – zu vertreten.
Die Unversöhnlichkeit der Interessen zwischen Arbeitern und Unternehmern zeigt sich – wie erwähnt – bei Massenentlassungen besonders deutlich. Eine gewerkschaftliche Politik, die auf angeblichen „gemeinsamen Interessen“ zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern beruht und sich vertraglich verpflichtet, alle Streitigkeiten unter den „Sozialpartnern“ im gegenseitigen Einvernehmen zu lösen, eine solche Gewerkschaftspolitik befindet sich bei Massenentlassungen unweigerlich in einem schweren Dilemma: Will sie konsequent die Interessen der betroffenen ArbeiterInnen vertreten und die Entlassungen bekämpfen, gerät sie sehr schnell in die Schusslinie der Unternehmer und ihres Staates, im umgekehrten Fall riskiert sie, die ArbeiterInnen als Mitglieder zu verlieren. Aus diesem Grund sind sozialpartnerschaftlich ausgerichtete Gewerkschaften bestrebt, es gar nicht soweit kommen zu lassen und einem möglichen Konflikt mit dem raschen Abschluss eines „Sozialplans“ vorzubeugen. Ein „Sozialplan“, der dann oft als Resultat wochenlanger „harter Verhandlungen“ präsentiert wird, um sich so wenigstens einen
kämpferischen Heiligenschein aufzusetzen.
In der Regel funktioniert das gesetzlich und/oder vertraglich vorgesehene Verfahren bei Massenentlassungen und Betriebsschliessungen reibungslos. Die Beispiele, wo dieses „Ritual“ gestört wurde, sind leider alles andere als zahlreich. Noch seltener sind Beispiele, wo durch einen
entschlossenen Kampf, die Arbeitsplätze gesichert werden konnten. Die Officine von Bellinzona ragen hier als grosse Ausnahme heraus. Im folgenden soll untersucht werden, wie Elemente einer gewerkschaftlichen Strategie abgeleitet werden können, die es künftig erlauben könnte, Massenentlassungen und Betriebsschliessungen wirksam zu verhindern oder wenigstens einen entschlossenen Kampf darum zu führen.
Officine von Bellinzon als Vorbild
Ausgerechnet in der Schweiz, im „Land des Arbeitsfriedens“ findet ein Streik statt, der in jeder Hinsicht vorbildhaft ist. Als am 7. März 2008 vierhundertdreissig SBB-Arbeiter den Vertreter ihres Unternehmens am Sprechen hindern und einstimmig den unbefristeten Streik beschliessen, erscheint dieser Aufstand als spontaner Protest, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. In Wirklichkeit haben aktive Arbeiter der Officine um Gianni Frizzo bereits zehn Jahre vorher das Komitee „Giù le mani dall’Officina di Bellinzona“ gegründet, um dem schleichenden Arbeitsplatzabbau und der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen entgegenzuwirken.
Aus diesem harten Kern aktiver Arbeiter, erweitert um Gewerkschaftsvertreter und Berater aus Politik und Wissenschaft, wird das Streikkomitee gebildet, das während des Streiks und auch danach den Kampf organisiert und alle Verhandlungen mit der Gegenseite führt. Legitimiert wird das Streikkomitee durch die Arbeiterversammlung, die sich nicht damit begnügt, bereits gefasste Beschlüsse abzusegnen, sondern bereits vorgängig in allen wichtigen Fragen entscheidet, insbesondere über Verhandlungsangebote der Gegenseite. Diese radikale Arbeiterdemokratie – das Streikkomitee spricht in diesem Zusammenhang von „democrazia assoluta“ – ist die Grundlage, das Rückgrat der Bewegung und die wichtigste Voraussetzung für den erfolgreichen Kampf. Meinungsverschiedenheiten innerhalb des erweiterten Streikkomitees werden konsequent der Vollversammlung aller Arbeiter unterbreitet und sind dort bis jetzt immer durch einstimmig gefasste Beschlüsse gelöst worden.
Eine mögliche Spaltung der Bewegung hat auf diese Weise gar nie entstehen können. Einer solchen vorgebeugt hat das Streikkomitee auch dadurch, dass mit dem Grundsatz „Niente etichette politiche!“ verhindert worden ist, dass die Bewegung hätte politisch instrumentalisiert werden können, mit allen möglichen negativen Folgen, die sich daraus ergeben hätten: ideologische Streitigkeiten wegen der Rivalität beteiligter politischer Organisationen und Parteien, Ausnützung verwendeter „politischer Etiketten“ durch die Gegenseite, in der Absicht die Bewegung als „linksextremistisch“ zu verleumden und zu isolieren.
Der am 7. März von Streikkomitee und Arbeiterversammlung ausgerufene Streik gilt als „wilder Streik“, da nicht von einer offiziellen Gewerkschaft beschlossen und angekündigt. Das bei Massenentlassungen und Betriebsschliessungen übliche Verfahren wird damit entscheidend gestört, zumal das Streikkomitee den Gewerkschaften verbietet, Sozialplanverhandlungen zu führen, solange der Streik andauert. Für einmal geht es nicht darum, wie viele Arbeitsplätze gestrichen, wie viele erhalten bleiben und zu welchen Bedingungen Leute entlassen werden.
Vielmehr lautet die unmissverständliche Forderung der Arbeiter: Die SBB müssen den Entscheid, das Industriewerk Bellinzona zu schliessen, rückgängig machen! Erst danach kann über dessen Zukunft verhandelt werden. Mit dieser Forderung, welche die Gegenseite als „kompromisslos“ und „unrealistisch“ qualifiziert, wird erfolgreich verhindert, dass die Arbeiter gegeneinander ausgespielt werden.
Die Streikbewegung in den Officine von Bellinzona entwickelt ab dem 7. März 2008 eine ungeahnte Dynamik und stellt die bisherigen Machtverhältnisse auf den Kopf. Dies vor allem, weil die Arbeiter nicht nur in den Streik treten, sondern sogleich den Betrieb besetzen und rund um die Uhr bewachen. Die Bedeutung dieser Massnahme und vor allem deren Zeitpunkt als „Überraschungsangriff“ kann nicht genug hervorgehoben werden: Dadurch, dass die Arbeiter mit der Betriebsbesetzung das Werk der Verfügungsgewalt des „rechtmässigen“ Besitzers entzogen und vorübergehend in ihren Besitz gebracht haben, ist ein eigentlicher Stützpunkt der Arbeitermacht entstanden, gewissermassen eine „befreite Zone“ oder – aus der Sicht der Gegenseite – ein „rechtsfreier Raum“. Wären stattdessen die Arbeiter einfach zu Hause geblieben und hätten dort einzeln die „Drohbriefe“ des Unternehmers empfangen, so hätte die Gefahr bestanden, dass Einzelne dem Druck des Arbeitgebers nachgegeben und wieder zur Arbeit gegangen wären. Die aufgebotene Polizei hätte dann ihre Aufgabe darin gesehen, die „Arbeitswilligen“ zu schützen und in sattsam bekannter Art allfällige Streikposten geräumt. Mit der Betriebsbesetzung kann eine solche Entwicklung gar nicht erst eintreten, da die Ängstlichen und Unsicheren von den andern gestützt werden und es stets die Vollversammlung der Arbeiter ist, die über Weiter-
führung oder Beendigung des Streiks entscheidet.
Der von den Arbeitern besetzte Betrieb wird in wenigen Wochen nicht nur zum Symbol des gewerkschaftlichen Kampfes und des Arbeiterwiderstands gegen Entlassungen und Betriebsschliessungen, sondern zu einem sozialen Zentrum, einem Ort der Begegnung und der Solidarität für die ganze Bevölkerung. Die breite Unterstützung, die der Streik in der Tessiner Bevölkerung findet, äusserst sich einerseits in grosszügigen Spenden für die Streikkasse, andererseits in machtvollen Strassendemonstrationen. Diese ungeahnte Solidaritätswelle, die einen ganzen Kanton erfasst, ist wohl nicht nur in einer „regionalen Besonderheit“ begründet: der tiefen Verwurzelung der Officine von Bellinzona in der Tessiner Bevölkerung, sondern auch im Gefühl, dass es endlich jemand wagt, den „arroganten, geldgierigen und machthungrigen Managern“
entschlossen die Stirn zu bieten. (28) Dieses Gefühl ist umso stärker, als die Mehrheit der Bevölkerung aus Lohnabhängigen besteht, die ebenfalls unter prekären Arbeitsverhältnissen und drohenden Entlassungen leiden.
Unter diesen Umständen hat es sich – vor allem einen Monat vor den kantonalen Wahlen – keine politische Partei im Tessin leisten können, den streikenden Arbeitern ihre Unterstützung zu versagen.
Das „Wunder von Bellinzona“ besteht also darin, dass mit dem „Befreiungsschlag“ vom 7. März das Kräfteverhältnis von einem Tag auf den andern massiv zu Gunsten der Arbeiter verschoben worden ist. Auf diese Weise ist die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst, wie sie üblicher-
weise zwischen den Arbeitern verschiedener Nationalitäten und Kulturen, zwischen Gelernten und Ungelernten, zwischen Festangestellten und Zeitarbeitern besteht, auf einen Schlag in den Hintergrund getreten.
Die zumindest zeitweise Überwindung der Spaltung unter den Arbeitern ist die Voraussetzung für jeden entschlossenen und solidarischen Kampf für ihre gemeinsamen Interessen. Das Beispiel der Officine von Bellinzona zeigt nun, dass dies nicht langsam und allmählich geschieht, sondern schlagartig in dem Augenblick, als eine Gruppe entschlossener Arbeiter es versteht, zum Kampf aufzurufen und die andern mitzureissen.
Somit erweist sich der harte Kern von entschlossenen ArbeiterInnen, die das Vertrauen ihrer KollegInnen geniessen, als die entscheidende Voraussetzung für einen solidarischen Kampf und damit gleichzeitig zur Überwindung der Konkurrenz unter den Arbeitern.
Bei diesem Beispiel hat sich der harte Kern im Laufe von zehn Jahren gefestigt. Daraus den Schluss abzuleiten, dass es in jedem Fall zehn Jahre braucht, bis ein derartiger Kampf möglich wird, wäre selbstverständlich absurd. Es ist zumindest denkbar, dass sich je nach den konkreten Umständen ein solcher Kern auch sehr schnell und spontan bilden kann, wobei es natürlich ein Vorteil ist, wenn ihm zu seiner Entwicklung eine längere Zeit zur Verfügung steht.
Obwohl der Streik in den Officine als „wilder Streik“ ausgerufen worden ist, haben ihn die lokalen Gewerkschaften sogleich unterstützt, in-dem sie ihre gesamte Struktur in den Dienst des Kampfes gestellt haben. Damit ist es ihnen für einmal gelungen, sich gewissermassen aus der „Geiselhaft“ der Unternehmer und ihres Staates zu befreien und zu ihrerursprünglichen Aufgabe als Selbsthilfe- und Kampforganisation der Arbeiter zurückzukehren. Dies ist namentlich der Gewerkschaft Unia, zu welcher die Mitglieder des Streikkomitees gewechselt haben, nicht allzu schwer gefallen, da sie keinerlei Verträge mit der Gegenseite unterzeichnet hat, die ihr hätten zum Verhängnis werden können. In den Augen der letzteren haben sich natürlich umgekehrt die Gewerkschaften in die
„Geiselhaft“ eines „illegalen Streiks“ und dessen Protagonisten begeben und dadurch gültige Verträge gebrochen. Angesichts der Dynamik der Bewegung sind solche Vorwürfe jedoch ebenso ins Leere gestossen wie die Drohung des SBB-Managements, für jeden Streiktag einen angebli-
chen „Verlust“ von einer Viertelmillion Franken in Rechnung zu stellen.
Die organisatorische Unterstützung des Streiks durch die Gewerkschaften, das wird seitens des Streikkomitees immer wieder betont, wird zu einem der Erfolgsfaktoren des Kampfes. Es gehört sicherlich zu dessen Besonderheiten, dass sich der Gewerkschaftsapparat sogleich bedingungslos in seinen Dienst stellt, während die Führung des Kampfes nach wie vor in den Händen des Streikkomitees und der Arbeitervollversammlung liegt. (29) Auch in dieser Hinsicht gilt der Streik in den Officine von Bellinzona als absolut vorbildlich. Die Zentralen der beteiligten Ge-
werkschaften haben zwar nichts getan haben, um den Streik auf andere SBB-Werkstätten in der Schweiz auszuweiten. Insofern haben sie sich „neutral“ verhalten, als sie wenigstens auch nichts unternommen haben, um den Streik möglichst schnell in die Sackgasse von Verhandlungen ohne Vorbedingungen zu führen oder die weitere Unterstützung an bestimmte Bedingungen zu knüpfen.
Der Streik in den Officine von Bellinzona hat bekanntlich mit einem Sieg für die Arbeiter geendet: Konkret mit der Zusage, dass die Arbeitsplätze bis 2010 gesichert seien. Nach dem Ende des Streiks liegt die Macht im Betrieb noch immer völlig in den Händen des Streikkomitees und der Arbeiterversammlung. Eine Liste von neun Forderungen des Streikkomitees wird von der Direktion bedingungslos geschluckt. Deren wichtigste sind: die Erweiterung der bisherigen Personalkommission um sämtliche Mitglieder des Streikkomitees; die Verpflichtung, alle Ent-
scheide, welche die Arbeiter betreffen (z.B. Überstunden) vorgängig mit dem Streikkomitee abzusprechen; die Anerkennung als Arbeitszeit jener Stunden, die Mitglieder des Streikkomitees im Zusammenhang mit den Verhandlungen am sog. „Runden Tisch“ aufwenden; das Recht, wäh-
rend der Arbeitszeit Betriebsversammlungen abzuhalten.
Es versteht sich von selbst, dass die Direktion der Officine in den folgenden Monaten alles unternimmt, um die lästige Arbeitermacht im Betrieb möglichst schnell wieder loszuwerden und die uneingeschränkte eigene Macht wiederherzustellen. Da sie einen offenen und frontalen Angriff scheut, lästert sie mit Hilfe ihrer eigene Hierarchie (Abteilungsleiter usw.) bei den Arbeitern über die Mitglieder des Streikkomitees und versucht, so einen Keil zwischen Streikkomitee und Belegschaft zu treiben. Diese Bestrebungen erreichen ihren Höhepunkt in den Sommermonaten, als parallel dazu bekannt wird, dass das Industriewerk Bellinzona organisatorisch von der Division SBB-Cargo zum Personenverkehr umgeteilt werde, und zwar ohne das Streikkomitee im Rahmen des „Runden Tisches“ umfassend über diese Pläne zu orientieren.
Als Reaktion darauf verweigert das Streikkomitee die Mitarbeit in den Arbeitsgruppen des „Runden Tisches“ und beruft erneut die Arbeiterversammlung ein, die das Verhandlungsmandat des Streikkomitees einstimmig verlängert. Das genügt, damit die Gegenseite einlenkt und sich bereit erklärt, entgegen der ursprünglichen Absicht am nächsten „Runden Tisch“ über die geplante Neuorganisation zu diskutieren. Verbindliche Zusicherungen über die Zukunft der Officine nach 2010 werden jedoch konsequent abgelehnt. Bereits zeichnet sich ab, dass Verhandlungen allein nicht genügen werden, um den mit dem Streik errungenen Erfolg zu sichern.
Als sich im November die SBB-Verhandlungsdelegation noch immer weigert, dem Streikkomitee schriftliche Garantien über das Jahr 2010 hinaus zu geben, beschliesst wiederum eine Arbeitervollversammlung das weitere Vorgehen, und zwar ganz konkret: Am Freitag, 28. Novem-
ber werden die Arbeiter, statt arbeiten zu gehen, nach Bern fahren und Bundesrat Leuenberger einen „Höflichkeitsbesucht“ abstatten. Die Drohung mit dem Warnstreik genügt, zumal die seit Ende Mai aufgebaute gesamtschweizerische Vernetzungsinitiative den Demonstrationsaufruf in Windeseile weiterverbreitet. Die SBB-Führung schlägt dem Streikkomitee für den gleichen Tag ein klärendes Gespräch mit dem Verwaltungsrat vor, falls die geplante Manifestation abgesagt werde. Am glei-
chen Abend liegt bereits eine SBB-Presseerklärung vor, worin die Zukunft des Industriewerks bis 2013 zugesichert wird.
Die Entwicklung in den Monaten nach dem Ende des Streiks unterstreicht die Bedeutung der geschaffenen „Basisstrukturen“. Die „Democrazia assoluta“, die radikale Arbeiterdemokratie in den Officine erlaubt es, sowohl die Einheit der Arbeiter untereinander, als auch jene zwischen der Arbeiterbasis und dem Streikkomitee zu erhalten und bei jeder Gelegenheit wieder neu zusammenzuschweissen. Obwohl die Direktion der Officine als Arbeitgeber ihr gesetzliches Weisungsrecht natürlich weiterhin ausüben kann, wird sie sich hüten, den Freiraum, den sich die Arbeitermacht erkämpft hat, offen anzugreifen und zu versuchen, ihn ganz zerstören. Damit haben die Arbeiter der Officine zusammen mit ihrem Streikkomitee einen Sieg errungen, von dem andere von Massenentlassungen und Betriebsschliessung bedrohte Belegschaften nur träumen können. Oder anders ausgedrückt: Solche Belegschaften müssen aus dem Kampf in den Officine von Bellinzona die notwendigen Schlussfolgerungen ziehen, damit aus dem Wunschtraum konkrete Wirklichkeit wird.
Der Ausgang des Streiks in Bellinzona kann als „Glücksfall“ bezeichnet werden, sofern man darunter das Zusammentreffen verschiedener vorteilhafter Umstände versteht: Vorerst einmal das Vorhandensein eines Kerns aktiver und klassenbewusster Arbeiter im Betrieb als unverzichtbare Voraussetzung jedes erfolgreichen Kampfes. Zweitens hat das vorzügliche Zusammenspiel zwischen Streikkomitee und Arbeiterversammlung als Motor der Bewegung sichergestellt, dass ihnen während der ganzen Dauer des Kampfes dessen Führung nicht aus den Händen geglitten ist. Als entscheidend über Sieg oder Niederlage muss allerdings die Fähigkeit beurteilt werden, gleich zu Beginn des Streiks mit der nötigen Entschlossenheit den Betrieb zu besetzen und als Zentrum des Kampfes sowie als Ausgangspunkt für dessen Ausdehnung auf die ganze Bevölkerung zu nutzen. Einmal mehr soll deshalb ausdrücklich auf die Wichtigkeit sowohl dieser Kampfmassnahme, als auch dessen Zeitpunkt hingewiesen werden: Nur die rasche Betriebsbesetzung, dieser „Eingriff in die bürgerliche Rechtsordnung“, hat es erlaubt, die bisheri-
gen Machtverhältnisse auf den Kopf zu stellen und rechtzeitig eine „Gegenmacht“ zu errichten: die Arbeitervollversammlung mit dem Streikkomitee und der Solidarität der Bevölkerung als Druckmittel auf die politischen Instanzen. Erst diese Gegenmacht hat es ermöglicht, dass auch die gewerkschaftlichen Strukturen aus der „Geiselhaft“ befreit und in den Dienst des Arbeiterkampfes gestellt werden konnten.
(25 )Die Aussage ist dokumentiert im Film von Danilo Catti „Giù le mani“, DVD erhältlich auf www.artfilm.ch
(26) OR Art.335f
(27) Landesmantelvertrag für das schweizerische Bauhauptgewerbe (LMV 2008)
(28) In der Person von SBB-Generaldirektor Andreas Meyer haben die SBB eine Symbolfigur gefunden, die diesem Bild in jeder Hinsicht gerecht geworden ist. Als ausgerechnet während des Streiks dessen Jahressalär von insgesamt 1.3 Mio. Franken bekannt wird, haben die Medien die Nachricht genüsslich verbreitet und damit dessen Verhandlungsposition zusätzlich geschwächt
(29)Diese Tatsache zerstört gleichzeitig die Luftschlösser eines schematischen Denkens, das je nach ideologischer Ausrichtung entweder die bestehenden Gewerkschaften pauschal als „Teil des bürgerlichen Unterdrückungsapparates“ qualifiziert oder aber die „Eroberung“ der Gewerkschaften als Voraussetzung einer „linken Gewerkschaftspolitik“ propagiert. Offensichtlich trifft im Fall von Bellinzona weder das eine noch das andere zu. Vielmehr hängt es von den jeweiligen konkreten Umständen ab, insbesondere dem Kräfteverhältnis zwischen Arbeitern und Unternehmern, wie sich die Dinge entwickeln.
Interview mit Gianni Frizzo, Streikführer
Die Lektüre dieses Interviews gibt einen persönlichen, anschaulichen und detaillierten Einblick in die Realität der Betriebsbesetzung!
Bellinzona, 5. April 2009
Was hat den Streik ausgelöst? Wie ist es dazu gekommen, dass der Funke gesprungen ist, um diesen nicht unbedeutenden Schritt zu tun?
Hier erleben wir eine Situation, die sich mit vielen anderen Betrieben vergleichen lässt, wo seit Jahren Personal abgebaut wird und mit Restrukturierungen die Arbeitsbedingungen verschlechtert werden. Innerhalb der Officina gab es ein Komitee einer Gewerkschaftssektion [des Eisenbahnerverbandes SEV], der ich angehörte. Von 1985 bis 1993 war ich [ehrenamtlicher] Sekretär und von 1993 bis Ende 2007 Präsident dieser Gewerkschaftssektion.
Später, bist Du dann allein ausgetreten oder gab es noch andere?
Genau darum kann man von einem Funken sprechen, der den Streik ausgelöst hat. Seit Jahren vertraten wir eine andere gewerkschaftliche Linie als unsere Zentrale. Unsere Linie unterschied sich von jener der Gewerkschaftsspitzen, die sich zwar jeweils ein wenig auflehnten. Dem ganzen Restrukturierungsprozess aber stellten sie sich nicht wirklich entgegen. So hatten wir zwei Konflikte: einen mit der Firmenleitung und einen internen mit der Gewerkschaftsführung. Während Jahren versuchten wir innerhalb der Gewerkschaft zu arbeiten. Wir versuchten, die Haltung der Gewerkschaftsspitzen zu ändern. Es ist uns nie gelungen.
Und die Lage verschlechterte sich immer mehr. Im Jahre 2005 setzten wir die Gewerkschaftsspitzen unter Druck, indem wir als Sektion des Eisenbahnerverbandes SEV eine Übereinkunft mit der Gewerkschaft Unia unterzeichneten. Das war zu einem Zeitpunkt, als wir noch nicht den Austritt aus dem SEV gegeben hatten. Wir standen vor der Wahl, entweder aus dem SEV auszutreten oder diesen Zusammenarbeitsvertrag mit der Unia abzuschliessen. Gleichzeitig hatten wir bereits im Jah-
re 2000 ein übergreifendes Komitee „Giù le mani dalle Officine” („Hände weg von unseren Werkstätten“) gegründet, dessen Präsident ich war und das für alle gewerkschaftlichen und politischen Kräfte offen war. Wer immer wollte, konnte sich an diesem Komitee beteiligen.
Waren in diesem Komitee nur Arbeiter der Officina oder gab es auch andere?
Das Komitee wurde von der Gewerkschaftssektion geleitet, von den Arbeitern der Officina, ich war Präsident und meine Freunde…
… gab es denn auch Aussenstehende?
Es gab auch Externe, und die Entscheidungen, die Abstimmungen wurden vorgenommen, ohne darauf zu achten, wer berechtigt war und wer nicht. Das heisst, alle, die an den Zusammenkünften teilnahmen, konnten ihre Meinung sagen. Wer teilnahm, konnte mitentscheiden. Wenn wir eine Zusammenkunft organisierten, gaben wir ein kleines Zeitungsinserat auf. Alle, die kommen wollten, waren eingeladen. Und wer kam, hatte das Recht zu sprechen und sich an den Beschlüssen zu beteiligen.
… und kamen denn auch Externe?
Ja, es kamen auch Externe. Es war ein Komitee, das den Gewerkschaftsspitzen ziemlich hinderlich war. Denn mit diesem Komitee haben wir verschiedene Aktionen durchgeführt. Im Dezember 2006 gab es bereits einmal eine Arbeitsniederlegung. Morgens um halb sieben haben wir eine Kundgebung durchgeführt, und während der Arbeitszeit haben wir einen Umzug durch die Fabrik gemacht. Das alles wurde von diesem Komitee „Giù le mani“ organisiert. Wir haben Unterschriften gesammelt, wir haben verschiedene tolle Sachen gemacht, die den Gewerkschaftsspitzen natürlich überhaupt nicht gefielen.
Deswegen wussten wir, als dann die Schliessungspläne bekannt wurden, mehr oder weniger bereits um den 20. Februar herum, was passieren würde. In der Zwischenzeit – um auf die Frage zurückzukommen – haben fast alle Mitglieder des Komitees den Austritt aus dem Eisenbahner-verband gegeben. Fast alle, ich als Präsident, der Sekretär, der Vizepräsident und zwei weitere, fünf von sieben sind zusammen mit vierzig andern Kollegen aus dem SEV ausgetreten und der Unia beigetreten. Dies auf den 1. Januar 2008.
Deshalb hatten wir um den 20. Februar herum bereits alles gut vorbereitet. Und dann – auf den 28. Februar – haben wir im Volkshaus eine Versammlung für alle Arbeiter der Officine organisiert. Dort haben wir dann beschlossen, innerhalb der Officine eine Urabstimmung durchzuführen, um darüber abzustimmen, wer bereit sei, falls gravierende Umstrukturierungen angekündigt würden, sich auch an radikalen Kampfmassnahmen zu beteiligen. An allen Eingängen zur Officina haben wir auf die Arbeiter gewartet und eine geheime Abstimmung durchgeführt.
Gleichzeitig haben wir von allen auch die persönlichen Daten aufgenommen, mit Natelnummer, um dann später SMS versenden zu können.
War das in den Tagen nach dem 28. Februar?
Ja, ich erinnere mich nicht mehr genau wann, aber es war in dieser Woche.
Die Abstimmung habt Ihr also schriftlich durchgeführt?
Ja, drinnen und alle… etwa 98 % haben Ja gestimmt und waren mit dem Komitee einverstanden. Dann am Montag, 3. März von ein Uhr am Nachmittag an, haben wir während der Arbeitszeit eine Versammlung durchgeführt. Und dabei kam es zu einem ersten Zusammenprall mit der Direktion, welche diese Versammlung nicht zulassen wollte. Es waren alle Arbeiter versammelt… wirklich eine wunderschöne Sache.
Aber dann wurde wieder gearbeitet bis am Freitag?
Nachher, am Mittwoch haben wir gearbeitet. Aber wir hatten bereits ein Flugblatt verteilt, dass sich am Donnerstag um 9.30 Uhr alle einzufinden hätten, in Erwartung eines wichtigen Entscheids des SBB-Verwaltungsrates zu einem Restrukturierungsplan, den wir offiziell noch nicht kannten.
Und das war am Donnerstag?
Also, am Mittwoch haben wir gearbeitet. Die Direktion hat nochmals versucht, Druck auszuüben und alles zu verhindern. Mich als Präsidenten der Personalkommission haben sie zu sich gerufen, sowie die beiden Sekretäre der Sozialpartner [gemeint sind der SEV und die christliche
Gewerkschaft Transfair, die beide den Gesamtarbeitsvertrag mit den SBB unterzeichnet hatten]. Und dort war dann die Wende, als ich der Direktion erklärte, dass von nun an die Leiter der Officine nicht mehr sie, sondern die Arbeiter seien.
Das geschah am Mittwoch?
Am Mittwoch, 5. März. Die andern beiden mussten still sein, denn ich war weder Transfair, noch SEV, sondern Unia. Deshalb war die Sache klar.
Könnte das nicht eine Idee sein, um den Arbeitsfrieden zu umgehen, auch für Deutschland?
Ja, es war eine perfekte Lösung. Trotzdem habe ich mich sehr schlecht gefühlt, ich war am 1. März 1979 dem SEV beigetreten, und 1985 war ich bereits Sekretär der Sektion und 1993 Präsident, mit andern Worten:
Es bleibt eine grosse Verbundenheit. Dennoch spürte ich, dass ich so handeln musste. Und tatsächlich, ich hatte es erraten und den Nagel auf den Kopf getroffen.
Dann, am 5. März haben wir weitergearbeitet und die Direktion hat alle Arbeiter zusammengerufen – nicht in die grosse Halle der „Pittureria“, es war an einem andern Ort – und sie hat versucht, sie unter Druck zu setzen.
Alle zusammen?
Alle zusammen. Die Direktion wollte ihnen klarmachen, dass es einen Gesamtarbeitsvertrag gäbe, der zu respektieren sei, dass noch gar nichts beschlossen sei, dass sie nicht an der Versammlung teilnehmen dürften, die vom Komitee auf den Donnerstag um 9.30 Uhr einberufen worden war. Sie begannen die Leute einzuschüchtern, und als ich das Wort verlangte und sie mich nicht einmal mehr reden lassen wollten, habe ich gesagt: „Aber hören Sie mal, Sie wollen doch nicht etwa dem Präsidenten der Personalkommission den Mund verbieten.“ Auf eine freundliche Art, aber als dann die Leute allmählich wütend wurden, habe ich den Aufruf für die Versammlung wiederholt. Dennoch war mir klar: die Gewissheit, dass am Donnerstag alle in die „Pittureria“ kommen würden,
Das waren sehr heikle Momente…Sehr heikle Momente, denn auch als Personalkommission konnte ich nicht auf die innere Geschlossenheit aller zählen … Nun, am Donnerstagmorgen haben wir angefangen, zu arbeiten, und dann haben wir auf der Nordseite des Werks eine rechte Anzahl Leute zusammengezogen.
Wir haben auf der Nordseite, wo auch ich arbeite und alle sehr gut kenne, begonnen. Dann sind wir allmählich nach Süden gezogen und haben alle mitgenommen. Zum Glück war auch die grosse Halle der „Pittureria“ auf der Südseite. Und bereits am Donnerstag haben wir sogleich Tische und Bänke aufgestellt, so dass sich alle bequem hinsetzen konnten und nicht lange unschlüssig und vielleicht eingeschüchtert herumstehen mussten.
Gab es auch solche – temporär Beschäftigte vielleicht – die Angst hatten, den Arbeitsplatz zu verlieren, oder war das nicht von Bedeutung? Wie viele waren zum Zeitpunkt des Streiks fest angestellt und wie viele temporär?
Zum Zeitpunkt des Streiks waren etwa 340 fest angestellt und mehr oder weniger 70 temporär beschäftigt. Es war eine einmütige Beteiligung, wir haben keinerlei Unterschied festgestellt, weil wir selber diese Unterscheidung auch nicht machten. Wir haben versucht, jener Kategorie, die
schwächer und grösseren Risiken ausgesetzt war, auch eine grössere Unterstützung zu geben. Deswegen haben wir spezielle Treffen nur für die Zeitarbeiter organisiert und versucht, ihnen zu erklären…
Bereits vor dem Streik?
Nicht vorher, aber während der Streikphase. Auch weil der Streik spontan ausgebrochen ist. Vom 3. März an haben alle an unseren Zusammenkünften teilgenommen, und dann war klar, dass zum Kampf aufgerufen wurde, dass an die Solidarität und die Einheit appelliert wurde. Es gab Ansprachen und wir versuchten, die Einheit zwischen den Festangestellten und den Zeitarbeitern zu verstärken. Klar gab es auch Ängste und Schwierigkeiten…
Auch die Frage der Wahl des Streikkomitees kam ganz spontan, die Ernennung erfolgte unmittelbar, beispielsweise von mir als Präsident des Streikkomitees, und dann Donatello Poggi, Iwan, Mauro Beretta… das waren Kollegen, die seit Jahren im Komitee waren. Deshalb erfolgte die Ernennung ganz unmittelbar, und niemand hat je diese Köpfe in Frage gestellt. Es gab auch nie einen internen Kampf, auch unter uns war alles klar, und das war eine sehr positive Sache.
Und wie habt Ihr ausgehend vom 7. März nach aussen kommuniziert?
Die Kommunikation war das, was wir die Nabelschnur nannten, die uns mit der Bevölkerung verband und die sehr wichtig war. Die Kundgebungen, dann die Präsentationen, die Geldsammlungen, die Konferenzen. In den verschiedenen Ortschaften haben wir lokale Komitees gegründet. Unterstützungskomitees, die von Leuten ausserhalb der Officina gebildet wurden. Wir gingen nur als Gäste hin. Wir gingen auch in die Gemeinden und in die Schulen, um den Streik zu erklären. Überall gingen wir hin, um zu klären, was wir taten, weshalb wir es taten usw. Und dann ist auch eine Unterstützung für die Gemeinden entstanden. Es waren ja über 400 Personen, die keine Beschäftigung hatten. Deshalb bildeten wir Arbeitsgruppen und fragten bei den Gemeinden an, ob sie jemanden bräuchten, um Wege zu säubern, ob sie dazu unsere Leute brauchen könnten. Wir waren bereit zu helfen. Das war gewissermassen unsere Visitenkarte nach aussen.
Drinnen organisierten wir Konzerte, Theater, Aktivitäten für die Kinder.
Wir machten geführte Rundgänge durch die Officine, um den Leuten unsere Tätigkeit näher zu bringen. Auf diese Weise haben wir eine wirklich sehr enge Beziehung zwischen uns und der Bevölkerung geschaffen. Alle wohnten um die Officine herum, aber niemand wusste wirklich
genau, was hier drinnen gemacht wird. Wir haben auch eine Werkskantine geschaffen, wo wir gekocht haben. Um die Mittagszeit kamen die Studenten und assen für fünf Franken.
Nun zu einem anderen wichtigen Thema: Bei BSH in Berlin gab es zwei Jahre vorher auch einen Streik, der allerdings in den Händen der Gewerkschaftsspitze blieb. Von rund 600 Arbeitsplätzen konnten nur ungefähr 400 gerettet werden, die andern mussten gehen. Es wäre darum wichtig, eine Verbindung zwischen den beiden Belegschaften herzustellen, weil auch für die übrig gebliebenen Arbeitsplätze die Garantiefrist bald einmal ablaufen wird. Auch die Kollegen dort haben einen Moment lang an eine Betriebsbesetzung gedacht, als die Gewerkschaftsführung den Streik abgebrochen hatte. Die Wut der Arbeiter war sehr gross, weil zwei Drittel das Verhandlungsresultat abgelehnt hatten und den Streik fortführen wollten. Doch sie zögerten ein wenig, und drei Stunden später war es nicht mehr möglich. Die Erfahrungen, die Ihr gemacht habt, sind darum auch für andere Betriebe von grosser Bedeutung.
Wir haben natürlich schon vor dem Streik begriffen, dass wir es uns nicht leisten konnten, die Entscheidungen den Gewerkschaftsspitzen zu überlassen. Wenn wir zugelassen hätten, dass die Gewerkschaftsspitzen die Sache an die Hand nähmen, wäre das für uns das Ende gewesen.
Denn wir haben von gewissen Erfahrungen gehört… und dann haben wir diese ja auch selber gemacht: die Sozialpartnerschaft, der Arbeitsfriede.
Es gibt immer einen Grund, um nie einen wirklichen Kampf auszulösen.
Wichtig ist, innerhalb des Betriebes zwei oder drei Persönlichkeiten zu schaffen, zwei oder drei Bezugspunkte für die Arbeiter, die eine Legitimität und eine Glaubwürdigkeit erlangen, die stärker ist als jene der Gewerkschaftsspitzen.
Es ist klar, man muss etwas aufs Spiel setzen und auch schwierige Momente durchstehen, in denen man sehr leidet. Ich habe viele Niederlagen erlebt, wie auch meine Kollegen. Oft kommst du nach Hause und bist wirklich von allem enttäuscht. Jetzt ist es einfach zu reden, weil es den Streik gab und es für uns ein grosser Sieg gewesen ist, auch vom moralischen und persönlichen Gesichtspunkt aus. Aber vor dem Streik haben wir sehr schwierige Momente erlebt. Niemand hörte auf dich, die Firmenleitung machte, was sie wollte, die Gewerkschaftsführung ging ihren Weg, und du wusstest nicht mehr, was tun. Dann ist es ganz wichtig, seinen Ideen treu zu bleiben und konsequent zu sein. Das heisst, du darfst nie den Versuchungen nachgeben, die sie dir anbieten, und nur so gelingt es dir, etwas aufzubauen. Es hätte auch bis ans Ende meines Lebens weitergehen können, ohne dass es je einen Streik oder sonst was gegeben hätte. Doch jetzt kann ich sagen: „Schaut, versucht es! Ihr werdet zuerst leiden, aber dann werdet Ihr etwas erreichen.“ Das heisst, wenn du deinen Idealen treu bleibst und nicht von gewissen Werten abrückst und unter keinen Umständen bereit bist, um diese zu feilschen, dann spüren das die Leute. Und wenn du Unterstützung brauchst, dann wirst du Unterstützung bekommen. Und genau das ist geschehen.
Bis zu welchem Punkt war es den Arbeitern klar, dass es neue Kampfformen waren, die weit über die vertraglichen Aktivitäten der Gewerkschaft hinausging? Waren sich alle von Anfang an dessen bewusst? Oder wie ist es zu dieser Bewusstseinsbildung seitens der Arbeiter gekommen?-
Es gab verschiedene Faktoren. Vor allem denke ich, dass es sehr wichtig war, einen Bezugspunkt zu haben. Zweitens, das Vertrauen in das während der Versammlungen Gesagte. Sie vertrauten dem, was gesagt wurde und glaubten daran. Ein weiterer Faktor war die Einheit. Die Leute waren nicht mehr isoliert, sondern alle waren eine Masse. Auch wegen diesem „Giù le mani dalle Officine“, alle vierhundert zusammen. Das heisst, sie fühlten sich beschützt und waren ein einziger Körper. Darin,
glaube ich, war es ein wenig wie die Strategien, welche die Heere benutzten, wenn sie die Kriegstrommeln rührten. Alle zusammen fühlten sie sich als Einheit, und mit dem Schlachtruf „Giù le mani“ liessen wir sie an etwas teilhaben. Anfänglich trauten einige sich vielleicht gar nicht
„Giù le mani“ zu rufen, aber dann haben sie diese Hemmungen überwunden. Und da war es wirklich viel einfacher, wenn du keine Vorurteile mehr hast, nichts mehr, das dich zurückhält…
Und vor allem auch die Tatsache, dass diese Nachricht des Verrats gekommen ist. Sie fühlten sich verraten. Leute, die sich sagten: Dein ganzes Leben hast du in den Arbeitsplatz investiert, du hast alle deine Energie gegeben und alles, was du hattest. Und dann eines schönen Tages sagen sie dir: „Wir brauchen Dich nicht mehr“, und sie spucken dir auf diese Art ins Gesicht. Diese Sichtweise – das heisst: die Würde – das hat man da sehr gut sehen können. Wenn du die Würde der Leute antastet, dann schnappt bei ihnen eine Feder ein, dann macht es „klick“. Ich denke, dass das sehr wichtig ist.
Denkst Du, dass so etwas schon in den 80er Jahren möglich gewesen wäre, als die Gewerkschaft noch stärker war, oder definierst Du das als „Kampfform des 21. Jahrhunderts”?
Meiner Meinung nach haben die Gewerkschaften schon Mitte der 90er Jahre oder sogar ab 1985 begonnen, diese Konzepte neuer Produktionsphilosophien zu übernehmen, mit welchen per Stoppuhr die Arbeitszeiten erfasst, das Arbeitstempo beschleunigt und verschlechtert wurde.
Seitens der Gewerkschaftsspitzen fehlte die wichtigste Eigenschaft, die meiner Meinung nach eine Gewerkschaft haben müsste, nämlich analysieren zu können, was abläuft. Mit andern Worten: Diese Prozesse, die begonnen haben, wohin könnten sie führen? Oder welche Folgen könnten sie für das Personal haben? Angesichts dieser Produktivitätssteigerung, die nicht nur mit der Einführung neuer Maschinen oder durch Automation erzielt wurde, sondern auch mit der Isolierung des Arbeiters, mit dem Individualismus, mit dem Verlust anderer wichtiger Dinge, da haben sie sich lieber auf den wirtschaftlichen Aspekt konzentriert und einzig mit Lohnforderungen gearbeitet und sich nicht um andere, grundlegendere Gesichtspunkte gekümmert, die meiner Meinung nach wichtiger sind: die Lebensqualität und viele andere Aspekte.
Der Streik in der Officina hat grosse Beachtung gefunden, auch im Ausland. Wie siehst du die internationale Bedeutung dieses Streiks?
Nachdem wir gesehen haben, dass die Globalisierung etwas ist, das uns seit längerem beschäftigt, ist das ein guter Grund, um endlich auch den Kampf zu globalisieren. Oder anders gesagt: Das Problem, das wir haben, besteht darin, wie wir über diesen Kampf diskutieren. Wir wollen nicht Klassenbeste sein, wir wollen nicht jene sein, die andern etwas beibringen. Denn es besteht auch diese Gefahr, dass jemand sagen könnte: „Ihr habt besondere Voraussetzungen gehabt, Ihr seid eine Ausnahme.“ Und wir wollen nicht herumreisen und überall von dieser Besonderheit erzählen: „Beklatscht uns, weil wir so toll gewesen sind!“ Nein, darum geht es nicht.
Ich sage nicht, man könne alles übernehmen und eins zu eins kopieren, aber es gibt Elemente, die hilfreich sein könnten, um jemand anderem – vielleicht auch auf eine andere Art – die Kraft und die Gelegenheit zu geben, diesen Streik zu wiederholen. Denn nach meiner Meinung sind die Schwierigkeiten in der Arbeitswelt, die Schwierigkeiten in der Gesellschaft, überall die gleichen, ob in der Schweiz, in Deutschland, in Italien und sonst wo auf der Welt. Deshalb, entweder überwinden wir diese Schwierigkeiten gemeinsam und es gelingt uns, ein „Rezept“ zu finden, und dann werden wir eben den Kampf globalisieren. Das, denke ich, ist grundlegend und nützlich. Ich glaube nicht an die Besonderheit des Streiks in den Officine. Wer versucht, eine solche Botschaft zu vermitteln, der will jemand anderem die Möglichkeit nehmen, sich zu verteidigen. Und die ersten, die das tun, das sind unsere Gewerkschaften. Das sage ich in aller Deutlichkeit.
Kommen wir nochmals auf das Thema der Enttäuschungen und Niederlagen zurück. Gab es eine persönliche Erfahrung, einen Beweggrund, der Dich dazu gebracht hat, nicht aufzugeben und während all dieser Jahre immer weiterzumachen? Gab es da einen besonderen Umstand?
Vielleicht tönt das banal, ich weiss nicht, aber es ist… die Gerechtigkeit. Ich bin ein Starrkopf. In meinem Leben wurde mir immer wieder gesagt: „Denk an deine Gesundheit! Siehst du nicht, dass du mit dem Kopf gegen die Wand schlägst?“ Aber ich bin stets ein Widder gewesen und…- ich weiss nicht, wie ich es sagen soll: Ich bin einer, der nicht mehr locker lässt, wenn er sich einmal in etwas verbissen hat. So ist das, und vor allem habe ich immer alle Angebote und Möglichkeiten zurückgewiesen. Auch hier, sie haben mich in Kaderkurse geschickt, um etwas zu werden. Ich habe immer abgelehnt. Vielleicht war ich ein Dummkopf, denn sie sagten mir: „Bist du blöd! Denk doch an deine Karriere! Denk an dich!“ Aber wenn ich morgens aufstehe und in den Spiegel schaue, dann kann ich sagen, dass ich zwar grau geworden bin, aber wenigstens mit dem Gewissen bin ich im Reinen. Vielleicht ist es die Erziehung, die ich als Kind genossen habe. Ich mag keine Ungerechtigkeiten, ich mag nicht als Angsthase leben. In meinem Leben habe ich immer etwas aufs Spiel gesetzt, aber ich bin glücklich damit. Ich beklage mich nicht, ganz im Gegenteil…
Ich möchte noch anfügen, dass ich sehr zufrieden bin und alles, was ich in meinem Leben gemacht habe, noch einmal tun würde, dass ich eine Ehefrau habe, die mir das nie übel genommen und meine Ideen immer unterstützt hat. Und zweitens habe ich zwei wunderbare Kinder im Alter von 31 und 26 Jahren, die in dieser Hinsicht eigentlich noch besser sind als ich. Sie bringen mir viele Dinge bei über Gesellschaftlichkeit und wie die Gesellschaft aufgebaut werden sollte. Sie haben vielleicht noch klarere Vorstellungen als ich, darauf bin ich deshalb stolz. Und ich spüre, dass ich etwas Gutes im Leben verwirklicht habe, wenigstens in dieser Hinsicht.
Noch etwas anderes, ich habe grosses Vertrauen in die Jugendlichen. Auch während des Streiks sind sie gekommen, ich kann sagen, zu Tausenden. Tausende von Jugendlichen. Und noch heute werde ich in Gymnasien und Schulen eingeladen, um über diesen Streik zu diskutieren.
Kurzum, ich habe grossen Respekt vor der Jugend und denke, dass man sehr stark auf diese Jugendlichen bauen kann. Sie haben meine ganze Bewunderung, denn es ist nicht wahr, dass alle Materialisten sind. Im Gegenteil, es gibt Jugendliche mit guten Eigenschaften. Ich denke, dass
der grösste Teil von ihnen gute Eigenschaften hat.
… (Hier fehlt vermutlich die Frage)
Vor allem ist es ein Slogan, der kein Slogan ist, sondern eine Tatsache, ein Beweis, der meiner Meinung nach weiterverbreitet werden kann: Kämpfen lohnt sich! Und hier haben wir ein Beispiel dafür. Wenigstens sollte man nicht aus Angst, eine Niederlage zu erleiden, auf den Kampf verzichten. Niederlagen gehören zum Leben und – wie wir festegestellt haben – dienen sie dazu, daran zu wachsen. Deswegen macht es nichts, wenn der Kampf in einer Niederlage endet. Wichtig ist vor allem, dass er mit Würde geführt wird und mit Respekt seinem Nächsten gegenüber. Denn ein Kampf wird auch geführt, indem der Gegner respektiert wird, und deshalb mittels einer Verteidigung der eigenen Rechte. Es lohnt sich zu kämpfen und sich zu verteidigen. Und vor allem sollte man nicht zu sehr auf irgendwelche Vorwände der Gegenseite hören, die einem weismachen wollen, was sie tun, das sei notwendig.
Mitwirkende des Interviews: Constanze Altmann, Wilfried Dressler, Oliver Schulz, Rainer Thomann
Das gesamte Interview mit deutschen Untertiteln bei visions of labor.org:
http://visions-of-labor.org/clip.php?clipId=2321
sowie auf youtube
http://www.youtube.com/watch?v=yHzQ4Kr5xvA
(*)
Betriebsbesetzungen. Als wirksame Waffe im gewerkschaftlichen Kampf
Eine Studie aktueller Bespiele. 2. erweiterte Auflage. 2010. Verfasser Rainer Thomann.
Zu beziehen bei: Gewerkschaftslinke Hamburd <kontakt@gewerkschaftslinke.hamburg>
Vor 50 Jahren wurde die Zementfabrik Seibel&Söhne in Erwitte besetzt. Vergessen und torgeschwiegen! Ich Habe vor vielen Jahren im Verlag Die Buchmacherei/Berlin ein Buch mizt wichtiger Doku CD herausgehgeben!!!