Kinder und KI – eine Reaktion auf die Sorgen Erwachsener

Kommentar zu Das Ende der Selbstwirksamkeit von Jana Kerac

Von Maike Uhrlaub

Erwachsene machen sich Sorgen darüber, dass Kinder zur Erfüllung ihrer Schulpflichten zunehmend Künstliche Intelligenz einsetzen.

Eine wesentliche Voraussetzung dieser Sorgen besteht darin, dass den Kindern Dinge abverlangt werden, die KI genauso gut oder besser erledigen kann als die Kinder selber. Anstatt aus diesem Anlass das zu problematisieren, was Kindern abverlangt wird, und die Motivation, die dahinter steckt, problematisieren Erwachsene die Nutzung von KI durch Kinder.

KI bzw. deren Verfügbarkeit für Kinder hat eine Lücke geschaffen, durch die Kinder dem Programmiertwerden entschlüpfen. Das tun sie, indem sie ein Werkzeug benutzen.

Ist das nicht das, was uns zu Menschen macht? Liegt darin nicht die Wurzel menschlicher Freiheit?

Speziell für Lehrerinnen und das System, das sie repräsentieren, bedeutet das einen Kontrollverlust, einen Machtverlust. Und wie es für Repräsentantinnen der Macht seit jeher üblich ist, legen sie ihren Machtverlust als Schritt in den Untergang der Zivilisation aus, der zum Schaden der Beherrschten gereichen muss.

Ein Kind, das sagt: »Was soll ich rechtschreiben lernen! Es wird doch alles automatisch korrigiert.« ist ein Kind, das nach Sinn in seinem Tun verlangt, ein Kind mit eigenständigem Bewusstsein.
Wodurch wird so ein Kind zu einem warnenden Beispiel für Faulheit und Disziplinlosigkeit?

Unsere Bereitschaft und Fähigkeit, uns in entfremdeter Arbeit ans Kapital zu verkaufen, hängt davon ab, unser Verlangen nach Sinn in unserem Tun zu unterdrücken und uns mit einem Zweck, der außerhalb unseres Tuns liegt, zufrieden zu geben: dem Zweck, Geld zu verdienen, damit wir leben können. Je geringer unser Verlangen nach Sinn in unserem Tun, desto weniger Schwierigkeiten und Leiden erwarten uns im Lohnarbeitsleben. Und weil das ganz normal ist, fällt es Erwachsenen kaum ein, sich ernsthaft auf die Frage eines Kindes einzulassen: »Was soll ich rechtschreiben lernen! Es wird doch alles automatisch korrigiert.«

Zu meiner Schulzeit wurden Taschenrechner preiswert genug, um in Kinderhände zu gelangen. Ähnlich wie heute befürchteten Erwachsene den Untergang der Zivilisation. Zu deren Rettung wurden wir in den ersten zehn Minuten der Mathestunden mit Kopfrechenaufgaben traktiert.

Bis heute hasse ich Rechnen.
»Was soll ich rechnen lernen?« fragte ich. »Das können Taschenrechner viel besser.« Es hätte mir zugestanden, rechnen erst dann zu lernen, wenn es mir sinnvoll erschien, und nur insoweit als es mir sinnvoll erschien. Was und wann etwas in meinen Kopf kommt, will ich selber bestimmen!

Kinder zu geistigen Aktivitäten zu zwingen, ist gewalttätig. Erwachsene, die nicht völlig abgestumpft sind, merken das. Sie quälen die Kinder trotzdem oder lassen die Quälerei zu. Aber wie es für diejenigen, die anderen Gewalt antun, und diejenigen, die Gewalt gutheißen, seit jeher üblich ist, rechtfertigen sie die Gewalttaten mit dem »Wohl« derer, denen Gewalt angetan wird.

Der kindliche Widerstand gegen das Programmiertwerden wird systematisch gebrochen – bis da nichts mehr von selber kommt, bis zur Bereitschaft, die so entstandene Leere von morgens bis abends mit dem Müll der Systemmedien zu stopfen. Nicht zuletzt die Covid-Zeit hat demonstriert, wie gut sich das herrschende Bildungssystem zur Beseitigung selbständigen Denkens eignet – je länger geschult und studiert, desto leerer die Köpfe.

Die KI wird nichts Menschliches ersetzen. Sie kann nichts Menschliches ersetzen, da sie ein Abklatsch des Menschlichen ist – wie schon Strom und Nichtstrom elektronischer Geräte, die die Funktionsweise von Gehirnen imitieren.

Der verbreitete Glaube, KI könne Menschliches ersetzen, ist ein Ausdruck der Entmenschlichung und Selbstentfremdung. Menschliches Denken ist nicht programmierbar. Rechnen ist programmierbar, aber vielleicht nicht die Mathematik, vielleicht nicht Dedekinds »Was sind und was sollen die Zahlen?« und vielleicht nicht Gödels »Formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica«. Und sollte sich herausstellen, dass auch sowas KI leisten könnte: Was hätte die Menschheit dadurch verloren?

Das ist genau so ein Quatsch wie die Angst um den Verlust von Arbeitsplätzen durch KI. Es geht darum, mit möglichst wenig Arbeitszwang ein möglichst gutes Leben für uns alle – einschließlich nichtmenschlicher Lebewesen – hinzubekommen. Wenn der Wegfall von Arbeitszwang zu Elend führt, dann aufgrund zu überwindender sozio-ökonomischer Verhältnisse, nicht aufgrund des Wegfalls von Arbeitszwang.

Zu Zeiten der Entwicklung und Produktion preiswerter Taschenrechner hätte ein Freiraum entstehen können, um echte Mathematik in die Schulen zu bringen oder auch mehr angewandte Mathematik. Ein paar Kenntnisse über Statistik und wie man damit lügt, würden unserem Allgemeinwissen sicher nicht schaden. Wäre das keine interessante Frage an einen Chatbot: »Wie verbirgt man in einer Wirtschaftsstatistik möglichst geschickt, dass ein wachsender Anteil der Werktätigen eines Wirtschaftssystems kein für seine Reproduktion ausreichendes Lohneinkommen bezieht?« Sind Lehrerinnen zu bescheuert oder ist das Schulsystem zu ungeeignet, um Schulkindern Aufgaben zu stellen, deren Beantwortung eigenständiges, kreatives Denken erfordert?

Um ein anschaulicheres Beispiel zu nehmen: Was hat die Menschheit durch die Technologie der Fotografie verloren? Hat die Fotografie nicht Wege freigelegt, um anderes als Symbolhaftes und Dokumentarisches malen und zeichnen zu können und zu wollen? Bringt ein Fotoapparat Malewitschs »Schwarzes Quadrat« oder Kahlos »Was das Wasser mir gab« zustande?

Wie jedes neuartige Instrumentarium kann die KI dem menschlichen Geist und Bewusstsein Möglichkeiten eröffnen, von denen wir heute kaum einen Zipfel erahnen.

Unter den gegebenen Verhältnissen wird die KI zu schnell in unsere Alltage einziehen und der Freiheitsbeschränkung, Unterdrückung und Zerstörung dienen. Die KI für sich ist nicht das Problem und schon gar nicht der Umgang von Kindern mit ihr. Kinder machen mit der KI das unter den gegebenen allgemeinen und jeweiligen individuellen Verhältnissen Bestmögliche. Ihre Lebenszeit mit der Bearbeitung von Aufgaben vergeuden, die beschränkt genug sind, dass KI im Kinderschuhstadium sie erledigen kann, werden hoffentlich die wenigsten.

Eine Antwort auf „Kinder und KI – eine Reaktion auf die Sorgen Erwachsener“

  1. Die Kritik an KI von Jana Korac kann ich nachvollziehen. So wie die sozialen Medien und nun KI ungefiltert und unkontrolliert von Kindern und Jugendlichen unbegrenzt genutzt werden können, halte ich auch für höchst bedenklich. In vielen wissenschaftlichen Studien ist längst erwiesen wie schädlich der frühe und unkontrollierte Umgang mit den sozialen Medien und jetzt mit KI für die Entwicklung des Gehirns, der Sozialkompetenz und der Gesundheit der Heranwachsenden insgesamt sind. Das selbstständige Denken, die Selbstwirksamkeit gehen immer weiter verloren. Und dies ist tatsächlich alarmierend. Die Lösung wäre jedoch nicht, alle diese Medien radikal zu verdammen und für junge Menschen zu verbieten, sondern sie müssten altersangemessen befähigt werden mit diesen Medien kritisch umzugehen und diese für sich sinnvoll einzusetzen.
    Im Text von Maike Uhrlaub wird jedoch das Suchtpotenzial und die Manipulationsmacht, die in diesen neuen Medien und vor allem jetzt in der KI stecken, zu wenig problematisiert. Mit diesen Gefahren gerade für Heranwachsende setzt sich die Politik und die Gesellschaft viel zu wenig auseinander. Hier wäre eine Fürsorgepflicht unbedingt angesagt, so wie auch beim Alkoholkonsum, beim Rauchen, beim Autofahren… Ja, in der Schule werden viele unsinnige, ideologisch gefärbte und viel zu spezialisierte Inhalte verlangt mit veralteten Methoden, die nicht das Selbst Denken, das Interesse und die Freude am Lernen wecken. Aber einem Kind, das sich entscheidet das Rechtschreiben generell von einer KI erledigen zu lassen, dies als besondere Leistung mit „eigenständigem Bewusstsein“ zu bewerten und als eine zu begrüßende Form des Widerstandes gegen das „Programmiertwerden“ zu sehen, finde ich völlig abwegig. Das eigenständige Schreiben von Texten, wie auch die Orthografie und die grundlegenden Rechenkünste sind Kulturtechniken, die Teil unserer Identität sind und deren Anwendung auch die Selbstwirksamkeit und Freude am Gestalten fördern. „Gewalttätig“ ist nicht, den Kindern diese Techniken zu lehren, sondern gewalttätig sind die schulischen Umstände (große Klassen, schlechte Ausstattung, überfrachtete Lehrpläne, schlechte Lehrerausbildung…), die es oft nicht schaffen die Sinnhaftigkeit und eine Begeisterung für das Lernen dieser Kulturtechniken zu wecken.
    Das in Kürze zu diesem Disput. Ich habe dabei an Richard Sennett gedacht, der in seinem Buch „Handwerk“ sich genau mit der Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit des menschlichen Tuns in allen gesellschaftlichen Bereichen beschäftigt und damit das eigene Gestalten mit Kopf, Herz und Hand als wichtige Voraussetzung für die Entwicklung eines kritischen, selbstbewussten und zufriedenen Menschen sieht. Und bei jeder neuen technischen Entwicklung stellt Sennett sich die Frage, ob wir damit wieder die Büchse der Pandora öffnen mit der Gefahr von dieser neuen Technik beherrscht zu werden, oder ob wir es schaffen diese in den Griff zu bekommen und sie für uns sinnvoll zu nutzen.
    Inge

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