241. Jour Fixe am 01.10.2025: Panama: Große Kämpfe in einem kleinen Land
Referat von Hinrich Schultze zu den aktuellen gewerkschaftlichen und sozialen Auseinandersetzung in Panama.
Panama bildet die Landbrücke zwischen Nord- und Mittelamerika einerseits und Südamerika andererseits – mit einer langen, brutalen Kolonialgeschichte.
Das Land wird zur Zeit von einem neoliberalen Regime regiert, dass es mit brutaler Repression darauf anlegt, es wieder den Interessen der USA und kapitalistischer Konzerne, besonders den US-amerikanischen, unterzuordnen.
Um das zu erreichen, versucht das Regime die traditionell starke Gewerkschaftsbewegung zu beseitigen, die seit langem für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen und für die Rechte der indigenen Bevölkerung gegen den räuberischen Bergbau kämpft.
Die Bauarbeitergewerkschaft SUNTRACS ist die stärkste und führt traditionell auch die politischen Kämpfe der Bevölkerung an.
Deshalb ist sie ganz besonders den Angriffen der Regierung ausgesetzt: Um sie handlungsunfähig zu machen, wurden ihre Konten gesperrt, Gewerkschaftsführer, Aktivisten und Aktivistinnen verhaftet oder in die Flucht gezwungen. Zur Zeit läuft ein generelles Verbotsverfahren gegen die Suntracs.
Nachdem die Bananenarbeiter die Chiquita Plantagen massiv bestreikt hatten, um die Zerstörung des Rentensystems zu verhindern, wurden tausende von ihnen entlassen. Damit verliert Panama sein wirtschaftlich wichtigstes Exportgut.
Der zentrale Punkt der Proteste war die von der Regierung geplante Privatisierung der Renten, mit der das Prinzip der Generationensolidarität abgeschafft werden soll.
Der Referent des Jour Fixes war Hinrich Schultze – ein Hamburger Berufsfotograf und Filmemacher, der Zeit seines Berufslebens soziale Auseinandersetzungen auf Seiten der Widerständigen in aller Welt dokumentiert.
Seit 2007 war er vielfach in Panama, so auch in diesem Jahr, um jeweils auf Einladung der größten Gewerkschaft des Landes, der Bauarbeiter-Gewerkschaft SUNTRACS, ihre Kämpfe manchmal monatelang zu dokumentieren.
Ein Höhepunkt seines Berichts über die Geschichte der Ausplünderung des Landes und seiner Bevölkerung durch westliche Kolonialmächte und deren Fortsetzung bis in unsere Gegenwart war die dokumentierte Erzählung eines alten Bauarbeiters namens Hipolito über seine Beteiligung am Aufbau der Suntracs und der gesamten Gewerkschaftsbewegung Panamas vor weit über 50 Jahren.
Was könnte ich von damals erzählen?
Wenn ich zu Cholo Jiménez, dem Vorarbeiter, sagte: „Hör mir bitte zu, gib mir etwas, damit ich weiterarbeiten kann”, bedeutete das, dass ich gleich nach Hause gehen konnte.
Damals gab es kein Material. Wenn man nicht mit seinen eigenen Werkzeugen zur Arbeit erschien, gab es keine Arbeit.
Die fehlende Sozialversicherung war eines der Probleme.
Ich wurde krank, dort unten in den Stollen, so tief unten.
Und als ich dort herauskam, suchte ich nach Medikamenten.
Ich kam und sagte zu den Kollegen: „Hört mal, Leute, wir rackern uns hier ab, machen Überstunden, und wenn wir hier rauskommen, haben wir nichts, keinen Urlaub, keine Kündigungsfrist, nichts, keine Sozialversicherung, keine Hoffnung auf eine Abfindung, um etwas nach Hause zu bringen, wenn unser Arbeitsvertrag ausläuft.“
Also habe ich eines Tages mit meinen Kollegen darüber nachgedacht.
Wir gingen zur Arbeit, wir gingen etwas trinken.
Wir können es nicht immer weiter hinnehmen, dass wir keine Unterstützung bekommen, nicht einmal finanziell, um etwas zu kaufen, Kleidung, Schuhe, Essen, wenn wir von der Arbeit kommen.
Und wir haben auch keine Versicherung.
Die einzige Hoffnung, die wir haben, ist, uns in einer Organisation zusammenzuschließen.
Damals konnte niemand über die Gewerkschaft sprechen, weil die Unternehmer zusammen mit den oligarchischen Regierungen alle Versuche des Kampfes der Arbeiter sabotieren.
Sie hätten niemals zugelassen, dass sich die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter versammeln.
Und so gründeten wir heimlich die Gewerkschaft der Bauarbeiter und ähnlicher Organisationen in Panama.
Der Treffpunkt war, wenn wir in der Kantine San José Bier trinken gingen.
Dort sammelten wir uns und gingen dann los.
Nun, wir haben eine Organisation, Kumpel, aber diese Organisation wird nicht wachsen, wenn wir nichts beitragen.
Also, das Geld, das du dir hier in den Mund steckst, leg es hier hin, denn wir brauchen es, um etwas zu bewegen.
Und darum habe ich mich dann gekümmert.
Ich habe mit der Mütze und dem Hut das Geld eingesammelt, damit wir nicht…
Um 9 Uhr morgens wurde mir mitgeteilt, dass es zu einer Diskussion kommen könnte und dass ich den Vorsitz führen sollte.
Gab es die Diskussion? Sind Sie einverstanden, die Gewerkschaftsführer der Holzarbeiter, der Zimmerleute? Ja.
Herr Sekretär der Gewerkschaft der Hilfsarbeiter? Sind Sie mit der Einheit der Gewerkschaften einverstanden? Ja.
Dann stimmen wir für die Einheit der Gewerkschaft.
Sind Sie alle einverstanden?
Ja, dann suchen wir einen Namen für die Gewerkschaft.
Passt auf sie auf.
Passt auf das schöne Anwesen auf, das wir geschaffen haben.
Diese Organisation, für die wir so viele Opfer gebracht und mit solcher Leidenschaft gekämpft haben, bitten wir die jungen Menschen, sich auszubilden, intelligent zu werden, militante Kämpfer zu sein und eifrige Hüter dieser großen Macht zu sein, die diese große Organisation darstellt. Sie hat Märtyrer, Märtyrer, warum?Weil sie in ihrem Herzen fühlen, weil sie fest davon überzeugt sind, dass es im Leben keine größere Ressource gibt, als sich für die Wiedererlangung dieser großen Chance einzusetzen, die wir in dieser Welt haben, als Arbeiter, als Lohnempfänger, als Menschen, die ihre Interessen hier auf Erden einfordern.
Es gibt keine andere Ressource.
Die Organisation SUNTRACS ist für alle Arbeitnehmer auf nationaler Ebene von großem Wert.
Ich bitte Sie, ich bin zwar schon auf Reisen, aber ich lebe noch.
Passt auf sie auf, verteidigt sie bis zum Tod.
In einem Video von einer kürzlichen Kundgebung konnten wir miterleben, wie eine Widerstandskämpferin für ihre GenossInnen ein selbst komponiertes Lied des Widerstands sang:
Wir sind mehr als SUNTRACS, wir kämpfen für das Volk, für Männer und Frauen, damit ihre Stimme gehört wird.
Wir kämpfen, wir hinterlassen Spuren ohne Angst, wir kämpfen auf den Straßen, frontal und an vorderster Front, wir tragen Hoffnung in uns und lassen unseren Geist schweifen.
Die Regierung ist außer sich, sie überfällt uns, sie lügt.
Wir schreiten voran im Kampf gegen die Regierungen, die nicht an das Volk denken.
Sie verteilen die Steuern, sie verarmen mit ihrem Spiel, und das Land geht weiter voran.
Während sie regieren, sterben sie langsam.
Wir kämpfen, wir marschieren ohne Angst, wir kämpfen auf den Straßen, frontal und an vorderster Front. Wir tragen Hoffnung, wir ändern unser Bewusstsein, wir ertragen keine Regierungen mehr, die uns mit Füßen treten und belügen.
Wir ziehen in den Kampf gegen die Regierungen, die nicht an das Volk denken. Sie verteilen die Steuern, sie bewegen sich in ihren Zirkeln, sie versuchen uns zu verängstigen. Aber wir sind nicht mehr ihre Trottel.
Wir sind mehr als SUNTRACS, wir kämpfen für das Volk, für Männer und Frauen, damit ihre Stimme gehört wird.
Es lebe SUNTRACS!
Es lebe Panama!