Wolfgangs Rede bei der Trauerfeier im Februar 2005 zu Pep

Liebe Anwesende,
es fällt mir schwer, bei diesem Anlaß zu reden, aber ich habe das Bedürfnis, Pep wenigstens nachträglich danke zu sagen.
Vor genau 51 Jahren, also 1954, begann ich meine Druckerlehre in der GEG-Druckerei, in der Pep als Drucker arbeitete als einer von 600 Beschäftigten.

Seine Kollegen sagten von ihm: „Er ist ein prima Kumpel, nur schade, daß er Kommunist ist“, darin sahen sie einen Makel. Ich konnte damals nichts damit anfangen, wußte weder was ein Kommunist ist, noch was eine Gewerkschaft, obwohl ich gerade eingetreten war. In der GEG waren alle organisiert. Meine erste Begegnung mit Pep war, als ich durch Unachtsamkeit eine Maschine in die Grütze gefahren hatte. Das mag wohl im ersten Lehrjahr gewesen sein und ich hatte Schiß, daß die Firma meinen Lehrvertrag kündigen könnte, wegen erwiesener Unfähigkeit, den Druckerberuf zu erlernen.
Ich wandte mich an Pep, vermutlich weil ich spürte, daß er der einzige war, der mir helfen würde. Er schickte sofort einen Kollegen zum Meister in dem Glaskasten, um ihn abzulenken, damit er nicht zu uns herüber sah, holte einen Vorschlaghammer und brachte damit die Maschine wieder zum Laufen, die lief jetzt etwas anders und machte Geräusche wie vorher nicht und dann sagte er zu mir: „Tu so, als wenn nichts gewesen ist und wenn sie was merken, dann stellst du dich dumm, dürfte dir doch nicht schwer fallen“. Er hat nie wieder darüber geredet. Das hat mich schwer beeindruckt, deshalb habe ich diesen Vorfall in Erinnerung behalten.

Einige Zeit später wählten wir ihn zu unserem Betriebsrat und verstanden nur nicht, warum er sich nicht freistellen lassen wollte, warum er eine Errungenschaft, die von den Gewerkschaftskollegen erkämpft worden war, einfach aufgab. Er machte das weniger aus dem Grund weil er Privilegien ablehnte, sondern vielmehr, weil er sich den Kollegen nicht entfremden wollte. Hätte er sich freistellen lassen, wäre er in seinem BR-Büro gesessen und Kollegen, die was von ihm wollten, hätten erst zum Meister gehen müssen, um sich die Genehmigung zu holen, die Maschine abzustellen, dann hätte der Meister wissen wollen, was für ein Grund besteht usw. Er hätte dann auf die Uhr geschaut, wie lange er fort ist. Das allein hätte schon viele abgeschreckt. Wenn er dagegen Seite an Seite mit den Kollegen arbeitet, erfährt er stets, wo ihnen der Schuh drückt.
Kurz vor Weihnachten bekam er eine Kiste von der Geschäftsleitung. Er bat den Ersatzbetriebsrat, sie bei ihm abzuholen und ich habe ihm dabei geholfen. Wir haben sie dann im Betrieb geöffnet, sie war voll mit edlen Fressereien, „Aufwandsentschädigung“ nannten sie das. Damals befand sich das Bestechungswesen noch in den Kinderschuhen, wenn man das vergleicht wie heute Bundestagsabgeordnete geschmiert werden und die finden das ganz in Ordnung. Wir holten eine Liste mit dem Krankenstand aus der Personalbüro und teilten das Paket in vielleicht 20 kleinere Präsente auf auf, die den Kranken vorbei gebraht wurden. Seine Vorgänger hatten vermutlich auch solche Weihnachtsgeschenke bekommen, aber nie etwas verlauten lassen.

Dann kamen die Aufsichtsratswahlen. Die Kollegen schlugen Pep vor, obwohl er das nicht wollte. Abgesehen davon, daß er nicht glaubte, genug Stimmen zu bekommen, wußte er, daß im Falle eines Wahlsieges das Unternehmen alles tun würde, ihn rauszuschmeißen, weil sie in ihm eine Provokation sehen würde. Abgesehen davon gab es einen Konflikt zu den Gewerkschaften, die hatten eigene Listen mit Sekretären aus dem Gewerkschaftsapparat mit SPD-Parteibuch. Pep wurde tatsächlich gewählt. Als erstes machte er bekannt, wie hoch die Bezüge als Aufsichtsrat waren und stellte die 2.600 DM der Belegschaft zur Verfügung, denn er erhielt ja nach wie vor seinen Druckerlohn. Die Summe erscheint niedrig, aber wenn man bedenkt, daß ein Stundenlohn damals bei 1,25 DM lag, könnt ihr euch ja ausrechnen, wieviel Monatslöhne das waren.
Pep hatte Recht behalten: die Geschäftsleitung ließ nichts unversucht, sich von ihm zu befreien. Sie betrieb seien Kündigung auf eine sehr dreckige und hinterhältige Weise, aber das ist eine lange Geschichte und hier ist nicht der Ort, sie darzustellen.

Zum Schluß noch ein Ereignis, das mich damals sehr beeindruckt hat und bei dem er eine Rolle spielte: Konrad Adenauer forderte 1956 Atomwaffen und gleichzeitig beschloß der Bundestag die Wiederaufrüstung und Aufstellung der Bundeswehr.
Als wäre es gestern gewesen und nicht schon 50 Jahre her, erinnere ich, wie ein Aufschrei durch den Betrieb ging: „Jetzt fangen die schon wieder an, kaum daß der letzte Krieg zu Ende ist“.

Das kann nur verstehen, der weiß, daß viele Kollegen gerade erst aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt waren, einige Kollegen waren im KZ gewesen, es gab so gut wie keine Kollegen, die nicht Angehörige unter den Bombenopfern verloren hatten. Jeden Morgen liefen wir damals noch durch die Trümmerlandschaft von Rothenburgsort, wenn wir zu Arbeit gingen.

Damals wußten die Arbeiter noch, wer ihnen den letzten Krieg eingebrockt hatte. Aber auch die Gewerkschaften waren damals anders als heute. Sie riefen auf zu einer Hamburger Großkundgebung gegen Wiederaufrüstung und atomare Bewaffnung im Gegensatz zu 1999 wo sie für den Krieg waren (Krieg gegen Serbien. D.W.)
Pep berief eine Betriebsversammlung ein zu diesem Thema, also eine politische Versammlung, das wäre heute undenkbar!
Und alle Kollegen nahmen daran teil, bis auf einen Lehrling, der im Maschinensaal zurückblieb und Flugblätter druckte zu dem Thema, die wir an andere Betriebe verteilen wollten. Durch irgendeinen Umstand hat die Geschäftsleitung davon erfahren und wollte den Lehrling fristlos entlassen, wozu sie formal zweifellos im Recht war. Pep konnte die Entlassung verhindern.
Auf der Betriebsversammlung beschlossen wir, während der Arbeitszeit zur Kundgebung auf dem Rathausmarkt geschlossen hinzumarschieren. In der Spätschicht hatten Kollegen ein Transparent mit Druckfarbe gemalt: „Sowas wie in Hiroshima findet Adenauer prima!“ Das nahmen wir dann mit. Wir kamen nur bis zum Hauptbahnhof, weil alles dicht von Menschen war. Es sollen 200.000 gewesen sein. In Hamburg habe ich seitdem keine größere Kundgebung erlebt.
Am 1. Mai danach trugen wir das Transparent wieder, über das sich die Bürger in der „Welt“ so aufgeregt hatten, aber diesmal im Jugendzug. Damals mußten die Gewerkschaften noch nicht über Nachwuchsmangel klagen. Als zwei zivile Beamte vom Verfassungsschutz uns das Transparent wegnahmen, hat uns keiner verteidigt. Als wir das am nächsten Morgen im Betrieb erzählten, war der Bär los.
Pep rief sofort beim DGB an, ob neuerdings der Verfassungsschutz bestimmt, welche Parolen am 1. Mai getragen werden dürfen und er sagte ihm weiter, daß die Kollegen sauer sind und er für nichts garantieren kann. Da wurde der vom DGB nervös. Sie waren ja alle in der SPD, da rief also der Genosse DGB-Vorsitzende beim Genossen Polizei-Senator an und der machte das konfizierte Transparent ausfindig und ließ es per Taxe zur GEG-Druckerei transportieren, wo es beim Pförtner abgegeben wurde. Wir nagelten die Trophäe über die große Durchgangstür im Maschinensaal, wo der Chef mehrmals am Tag durch mußte, häufig mit Kunden.
Ihr mögt denken, das sind kleine Dinge, aber sie ließen mich den persönlichen Mut und seine Unbestechlichkeit wahrnehmen und brachten mich dazu: Wenn einer sich so verhält, kann das, was er sonst noch zu sagen hat, nicht verkehrt sein.

Ich habe von ihm gelernt, daß Proletarier kein Schimpfwort ist, daß die Arbeiterklasse eine Geschichte hat, auf die sie manchmal stolz sein kann, daß sie das mühsam Errungene verliert, wenn sie es nicht verteidigt, daß der Arbeit“nehmer“, wie wir jetzt getauft wurden, nicht nimmt, sondern ihm wird genommen, im Kriegsfall sogar das Leben und der Arbeit“geber“ gibt nicht, höchstens wenn wir ihn zwingen, aber er nimmt reichlich, kann gar nicht genug kriegen. Binsenweisheiten, mag jemand denken, aber für mich waren diese Erkenntnisse damals vor 50 Jahren ganz neu, öffneten mir ein Fenster zu einer Welt, die mir bis dahin verschlossen war.
Dafür, Pep, bin ich Dir dankbar.

Ein streitbarer Drucker (*)
Josef Bergmann, überzeugter Kommunist, Leitfigur und Vater der Gruppe Arbeiterpolitik, starb im Alter von 91 Jahren. Für viele in der Neuen Linken in Hamburg ist „Pep“, wie die engsten Freunde und Genossen ihn nannten, trotz mancher Differenzen Ziehvater und Vorbild gewesen.
Von Kai von Appen und Fritz Storim
https://taz.de/Ein-streitbarer-Drucker/!639871/

(*) Der Genosse Bergmann hatte drei Vornamen, Josef laut Ausweis, die Drucker- und GewerkschaftsaktivistInnen kannten ihn unter Jupp und für uns GenossInnen hieß er Pep.

Weitere Info zu Pep Bergmann:
Josef „Pepp“ Bergmann (* 4. Oktober 1913 in Berlin; † 18. Februar 2005 in Hamburg) war ein deutscher Kommunist, Gewerkschafter, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und ein aktives Mitglied der KPD-O.
https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Bergmann_(Gewerkschafter)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*