Bericht zur Serbienfahrt Von Alex B.

(Wir brachten bereits den Bericht zu der Serbienfahrt von Peter Haumer (Wien). Beide Berichte ergänzen sich hervorragend!)

Von Alex B.

Vom 21.9. -27.09.2025 schloss ich mich einer Bildungsfahrt: „Entlang der Lieferkette: Auto (-industrie) von Serbien bis Deutschland“ an. Organisiert wurde sie von Lars Hirsekorn (genannt Hirse), Betriebsrat bei VW Braunschweig sowie einer Gruppe von Aktivisten und Journalisten aus Berlin und Wien; formell von den Naturfreunden Niedersachsens.

Die Gruppe war bunt zusammengewürfelt, es war wer dabei vom blauen Montag, zwei wissenschaftliche Mitarbeiter der Paderborner linken Bundestagsabgeordneten, JournalistInnen aus Hamburg, Wien, z. T. zurzeit in Belgrad wohnhaft, Aktivistinnen von der IL Berlin, eine WEED-Mitarbeiterin und anderer NGOs, u. A. studentische AktivistInnen von Attac Wien, zumeist politisch in der Umweltbewegung aktiv, wer von der Arbeiterkammer Wien, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, eine ehemalige IG-Metall-Betriebsrätin von MAN Augsburg, ein Rechtsanwalt von TOP Berlin, eine serbischstämmige Mitarbeiterin vom SOFI aus Göttingen und Peter Haumer aus Wien. Ebenfalls dabei waren zwei chinesische Aktivisten aus Berlin und ein Filmteam aus Berlin. Aus betrieblichem Zusammenhang kam nur ein junger IG-Metall-Vertrauensmann bei VW Salzgitter. Das Altersspektrum lag von Anfang 20 bis 70.

Die Idee zur Reise ist auf einer Konferenz in Wien entstanden, auf der Hirse war. Ziel von Hirse war es, direkte Kontakte entlang der Lieferkette unter ArbeiterInnen zu knüpfen und letztendlich der Standortlogik und der Konkurrenz seitens der Betriebe und der IG Metall erste Schritte einer transnationalen Organisierung, auch gewerke-  und firmenübergreifend, entgegenzusetzen. Vorbild sind durchaus die internationale Amazon-Vernetzung und das Forum Arbeitswelten China/Deutschland. Auch ist er aktiv bei dem Versuch, eine Verkehrswende und Transformation der Automobilindustrie hin zu ökologisch sinnvollerer Produktion voranzutreiben, zusammen mit einem Bündnis von UmweltaktivistInnen. <https://aktionszeitung.de/>
Bei den Umweltaktivisten gibt es die Erkenntnis, dass es ohne ein Zusammengehen mit Arbeitern aus den Betrieben keinen Systemchange geben wird. Einige der NGO-Aktivisten betonten auch, dass es nicht nötig sei, auf andere Kontinente zu schauen. Mitten in Europa gebe es genügend Anknüpfungspunkte um eine Nord-Süd-Problematik zu thematisieren.

Meine persönliche Motivation lag zum Einen in meinem biographischen Bezug, zum Anderen im Sinne einer allgemeinen Arbeiterverbrüderung.

Familiärer Hintergrund, Migration und jüngere Geschichte
Meine Mutter ist in Belgrad aufgewachsen und hat seit 20 Jahren einen Zweitwohnsitz in Belgrad, und ich habe noch einige Verwandtschaft und Bekannte dort in und auch in den Zerfallsstaaten des ehemaligen Jugoslawiens. In den letzten Jahren hatte ich die Region politisch etwas aus den Augen verloren, auch wenn ich hin und wieder aus familiären und touristischen Anlässen unregelmäßig in der Region war. Als Kind war ich bis 1986 jedes Jahr sechs Wochen im Land, immer drei Wochen in einem kleinen Dorf bei Valjevo, mit regelmäßigen Besuchen der Verwandtschaft in Belgrad, drei Wochen am Meer in verschiedensten Orten, häufiger bei Verwandten in Trogir und zuweilen im dalmatinischen Hinterland und in Bosnien, wo meine Großeltern herkommen. Der familiäre Hintergrund reicht von Subsistenz betreibenden Kleinbauern, z. T. im Nebenerwerb, über Bahnbeschäftigte, einen Ingenieur, der die Küstenstraße (mit-)gebaut hat, klein-kriminelle „schwarze Schafe“, über Banker und einen Mitarbeiter im Innenministerium in Belgrad bis zu Mitarbeiterinnen am internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Eine Cousine war bei Otpor (serbische politische Organisation) aktiv. Ein Teil der Familie aus Bosnien hat einen Partisanenhintergrund.

Meine politische Sozialisierung fand auch im Zuge des Zerfalls bzw. der Zerschlagung Jugoslawiens statt. Jahrelang war es aufgrund der kriegerischen Ereignisse und der Sanktionen nicht möglich, die Verwandtschaft zu besuchen. Der Großvater musste 1995 mit seiner neuen Familie vor den mit amerikanischer und deutscher Unterstützung vorrückenden kroatischen Truppen aus der kroatischen Kraina flüchten. Mein Vater entdeckte ihn im Fernsehen bei n-tv. Mein Onkel war für den Zivilschutz während der Bombardierungen in Belgrad 1999 zuständig; ebenso bei der Vertreibung durch die Armutsökonomie aus dem Stadtzentrum Belgrads entlang des Boulevards der Revolution Anfang/Mitte der 2000er. Hier hatte die verarmte Stadtbevölkerung ihre letzten Habseligkeiten (und zum Teil wohl auch Plünderungsgut aus den Kriegsgebieten im heutigen Bosnien und Kroatien, später dem Kosovo) auf wilden Flohmärkten am Straßenrand verkauft, um über die Runden zu kommen. Vor allem Türklinken und Fenstergriffe sind mir in Erinnerung geblieben. Aber auch landwirtschaftliche Produkte wurden in informellen Netzwerken und auf den in jedem Ortsteil vorhandenen Wochen- und Tagesmärkten verkauft bzw. die Verwandtschaft versorgt, was angesichts der niedrigen Durchschnittslöhne auch noch weiter so geschieht. Wallerstein (US-Wirtschaftshistoriker) bezeichnet das treffend als „halbproletarische Haushalte“.

Ich weiß daher grob, worüber ich rede, nicht nur aus Statistiken und Zeitungsartikeln, sondern auch aus persönlicher Anschauung und Gesprächen mit Betroffenen aus verschiedenster gesellschaftlicher Stellung, politischer Ausrichtung, aber bei gleichzeitigem kritischem Blick von außen.

Meine ersten Eindrücke bei der Einfahrt nach Belgrad und Serbien waren: Mensch, hier hat sich in den letzten fünf Jahren aber einiges verändert. Überall relativ neue Autos. Gute Infrastruktur und viele Baustellen.
War es noch bis vor zehn, 15 Jahren so, dass die westlichen Konsumtempel an der ungarisch- serbischen Grenze aufhörten, finden sich jetzt überall entlang der neuen Autobahnen ebendiese (Bauhaus, Ikea etc.). Und nicht nur diese, sondern diverse Logistikzentren und neue Produktionsstätten westlicher Konzerne.
Dies zum einen. Zum anderen findet eine rapide Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse statt. Wurden in den 1990er und 2000er Jahren noch viele Flüchtlinge aus den Zerfallsstaaten integriert, fand gleichzeitig ein Braindrain aus Serbien statt. Die Jugend migrierte hunderttausendfach ins Ausland. Und das bei einer Bevölkerung von sechs Millionen.

Diese Migration hat eine lange Tradition. Schon im 19. Jahrhundert migrierten Hunderttausende nach Amerika. Auch Wien war Anziehungspunkt nicht nur intellektueller Eliten. Bekannt ist ja noch die Anwerbung der „Gastarbeiter“ Ende der 1960er bis in die 1970er nach Deutschland, Österreich und die Schweiz. (In den 1980ern waren die Jugos die zweitgrößte MigrantInnengruppe in der BRD.)

Meine Mutter wurde Ende der 1960er direkt von der Krankenschwester-Schule angeworben, fand sich in der westdeutschen Provinz im Weserbergland wieder und durfte die Generation im Krankenhaus pflegen, die in diesem Jahrhundert schon zweimal Krieg gegen Serbien bzw. Jugoslawien geführt hatte und es später auch noch ein drittes Mal tat. (Ein wahrer Kulturschock, von einer kosmopolitischen Großstadt in ein spießiges, aber nach wie vor auch traumatisiertes Nachkriegsdeutschland – sie war sicherlich eine der ersten „Antideutschen“).

Fast jede Familie hat Angehörige im Ausland. Viele blieben dauerhaft dort, andere kehrten nach Jahren zurück. Die meisten bauten sich und ihren Angehörigen Häuser. Viele organisierten sich in jugoslawischen Clubs. Diese lösten sich im Zuge des Zerfallsprozesses auf. Es bildeten sich kroatische und bosnische Clubs. Die jugoslawischen Clubs überlebten zumeist die antiserbische Stimmung vor, während und auch nach dem NATO-Krieg 1999 nicht lange.
Seit einigen Jahren findet eine massive Zuwanderung nach Serbien statt. In Belgrad alleine leben 100000 russische Migranten. Sie sind vor dem Krieg(-sdienst) geflohen. Für Serbien benötig(t?)en sie kein Visum. Sie werden für den rapiden Anstieg der Mieten und Immobilienpreise in Belgrad verantwortlich gemacht, z. T. zu Recht.
In Serbien befinden sich 90%(?) der Wohnungen im Besitz der darin Wohnenden, ein Erbe des sozialistischen Staates. Ein Grund, weshalb ein Überleben in den Transitions- und Kriegswirren mit ihren Sanktionen und Dauerkrisen überhaupt möglich war und angesichts des niedrigen Lohnniveaus noch immer ist. Zweites Standbein sind wie erwähnt familiäre Netzwerke zum ländlichen Raum mit Subsistenzlandwirtschaft. Obwohl dies augenscheinlich stark abgenommen hat. Die Dörfer sind anscheinend weniger auf Subsistenz angewiesen als früher und wirken in der Regel eher wohlhabend. Transfers von Familienangehörigen aus dem Ausland spielen hier sicherlich auch eine Rolle. Doch scheint ein ordentliches Leben auch durch Kleinlandwirtschaft noch möglich.

Serbienfahrt: Die Arbeiterklasse in Serbien
In Belgrad hatten wir am Montag die Gelegenheit, mit Arbeitern aus der Automobilindustrie zu sprechen. Anfangs gab es eine Einführung zur Rolle der Autoindustrie, den Gewerkschaften und Arbeitskämpfen von einem Vertreter der Gruppe Radnicki Glas.
Es waren überwiegend Frauen aus verschiedenen Zulieferwerken angereist. Fast alles Gewerkschaftsvertreterinnen. Sie berichteten von ihren Arbeitsbedingungen, der Lohnhöhe und ihren gewerkschaftlichen Kämpfen. Das Lohnniveau ist sehr niedrig. Es liegt bei einer 50h-Woche bei 500-600 €. Knapp über dem Mindestlohn. Es gibt ein ausgeklügeltes Prämiensystem. um die Abstinenz vom Arbeitsplatz von Seiten des Kapitals zu bekämpfen. Die Abstinenzquote liegt wohl relativ hoch, bei an die 30 %. Grund sind die niedrigen Löhne und dass die meist jungen Frauen familiäre Verpflichtungen haben, Nebenerwerbslandwirtschaft betreiben und bis zu zwei Nebenjobs haben, um über die Runden zu kommen. Das Preisniveau ist vergleichbar mit Westeuropa!
Laut übereinstimmenden Aussagen sind sie es gewohnt, die Dauerkrisen zu managen. Auf die Studentenbewegung angesprochen, sagten alle, sie würden privat auf die Demos gehen und die Opposition unterstützen. Im betrieblichen und gewerkschaftlichen Rahmen kommt das Thema aber nicht vor.

Am Dienstag lieferten zwei Wissenschaftler vom „Institut für Vergleichendes Recht“ Daten und Einschätzungen zur Lage der Arbeiterklasse.
Nach ihren Berechnungen liegt ein ausreichendes Einkommen bei ca. 1200 € monatlich. Das Durchschnittseinkommen (ca. 980 €) hat sich in den letzten Jahren stark erhöht. Während der Coronakrise hatte Serbien wohl mit die höchsten Zuwachszahlen in Europa.
Gleichzeitig wirbt die serbische Regierung mit massiven Subventionen um ausländisches Kapital. „Egal welches Angebot Sie erhalten, bei uns erhalten Sie 10 % günstigere Konditionen.“
Viele Arbeiter seien sich der hohen Ausbeutung kaum bewusst, weil sie „vergessen“, welche versteckten Kosten auf sie abgewälzt werden, z. B. der Unterhalt der Wohnimmobilien.
Auch nannten sie Zahlen zu den ausländischen Investitionen in Serbien in Industrie und Bergbau. Es gelingt der serbischen Regierung bislang nicht, Kopplungseffekte zu nutzen. Die Bodenschätze würden als Rohstoffe exportiert und anders als noch in Jugoslawien kaum weiterverarbeitet.
Auch sei die Wertschöpfung niedrig, die Produkte Vorprodukte. Zudem im Besitz ausländischen Kapitals, die Gewinne würden demnach abgezogen und strategische Entscheidungen woanders getroffen.

Am Dienstagnachmittag sind wir zur Bergbau-Stadt Bor gefahren. Wir sind dort von Aktivisten gegen den Bergbau begrüßt worden und haben erstmal eine kleine Busführung durch Stadt und einen kleinen Teil des Tagebaus und einer unterirdischen Goldmine bekommen.
Kupfer- und Gold-Bergbau gibt es dort bereits seit hundert Jahren. Ein Teil der Exporterlöse Jugoslawiens wurde dank der Kupfermine, des Schmelzofens und damals auch noch durch die Verarbeitung erzielt. Auch damals war bekannt, dass der Abbau sehr gesundheitsschädlich ist. Der Boden ist stark arsenhaltig. Bei Tagebau legt sich der giftige Staub weitflächig über die Landschaft. In sozialistischen Zeiten wurden immerhin täglich die Wege abgespritzt. Dies könne sich die Kommune nun nicht mehr leisten. Dafür gibt es digitale Tafeln, die die momentane Luftbelastung anzeigen …
Damals gab es auch noch keine Entschwefelungsanlagen und Filter in der Schmelze. Dies habe sich mit der Übernahme durch ein chinesisches Unternehmen verbessert. Dementsprechend ist die Krebsrate in der Stadt sehr hoch. Jeder zweite Einwohner hatte schon Krebs.
Die chinesische Firma hat zu einer Verzehnfachung des Abbaus geführt. Zudem arbeiten nun 10.000 Chinesen in den Minen. Die Dimensionen sind gewaltig. Der Landschaftsfraß schreitet stark voran. In einigen Nachbardörfern gibt es noch Widerstand. Aber dank der weitflächigen Vergiftung der Böden ist auch keine Landwirtschaft mehr möglich. Wer kann, verkauft seinen Grund und die Häuser und flüchtet. Wir besichtigten ein betroffenes Dorf und trafen uns mit Aktivisten aus der Bürgerinitiative SEOS.
Wir trafen uns im heruntergekommenen ehemaligen Kino im Kulturzentrum mit nicht weniger als Vertretern von sechs Gewerkschaften am Mittwochnachmittag. Davon waren nur noch zwei in der Produktion. Hier stießen wir erstmals auf moderate antichinesische Ressentiments. Die Arbeiter kämen überwiegend aus Gefängnissen.

Tags drauf fuhren wir in einen Nationalpark, vormals ein bevorzugtes Erholungsgebiet der serbischen Eliten noch vor der ersten jugoslawischen Staatsgründung nach dem 1. Weltkrieg. Hier werden laut Aussagen der Aktivisten vor Ort illegale Probebohrungen und vorbereitende Infrastrukturbauten durchgeführt. Die Aktivisten führen einen Guerillakrieg gegen das Unternehmen, indem sie Sabotage betreiben, Schläuche und Kabel durchschneiden und sich Auseinandersetzungen mit den angeheuerten Sicherheitstrupps liefern. Sie betreiben ein Protestcamp in einem kleinen ehemaligen Transhumanz Sommer-Bauernhof.

Am Donnerstag fuhren wir quer durchs Land ins Jadartal. Hier ist seitens eines kanadischen Konzerns Lithiumabbau geplant. Ursprünglich sollte hier ebenfalls im Tagebau gearbeitet werden. Nach massiven Protesten wird nun Untertagebau angestrebt. Die serbische Regierung fördert massiv die Pläne. Es gibt schon Lieferabkommen. Die Nachfrage aus der Automobilindustrie ist enorm.

Wir besuchten am Freitag ein Protestcamp der konservativ-bäuerlich geprägten Bürgerinitiative gegen die Zerstörung ihrer Heimat. Sie setzen auf den Sturz der Regierung in Aktionseinheit mit den Studierenden. Ein Symbol der Bewegung ist das Konterfei von Gavrilo Princip, dem Attentäter von Sarajevo 1914. Eine Belgrader Aktivistin eierte auf Nachfrage etwas rum. Das sei kein rechtes nationalistisches Symbol, auch die Linke würde sich darauf beziehen. Eher ein Symbol von Antiimperialismus und Unabhängigkeit. (Princip kommt aus dem Nachbardorf meiner Oma.)

Am Samstag machten wir nochmals eine Art Abschlusssitzung. Mehrere Aktivist*innen referierten, wie auch schon häufiger während der Busfahrten über ihre speziellen Themen. Neben den Filmvorführungen, die als Veranstalungsformat genutzt werden sollen, wurde ein Gegenbesuch verabredet.

Von den Studiprotesten haben wir in der Woche nichts mitbekommen.

Meiner Einschätzung nach findet hier zurzeit ein rapider Entwicklungsschub statt. Auch eine Form der Reindustrialisierung. Noch in der 1990er Jahren hatte – aber bereits auch schon mit den IWF-Austeritätsprogrammen in den 1980ern in der sog. Schuldenkrise nach dem Volcker-Schock (Paul Volcker war Chef der US-Notenbangk) – eine sich immer mehr verstärkende Deindustrialisierung stattgefunden, z. T. mit krimineller Transformation wie auch in Russland.
Politisch war Serbien schon immer gespalten. Schon bei der Staatsgründung Ende des 19. Jahrhunderts konkurrierten grob zwei Fraktionen. Eine pro-österreichische und eine pro-russische. Beide nur geeint gegen die Osmanen. Beide Fraktionen bekämpften sich aufs Messer, es gab Ermordungen, diverse Staatsstreiche, Intrigen und auch damals schon ausgeprägte Vetternwirtschaft, z. T auch erwachsen aus den offenen und klandestinen Netzwerken im Befreiungskampf gegen die Imperien der Osmanen und Habsburger.

Der Nationalstaatsbildungsprozess war auf dem Balkan aufgrund konfessioneller und auch sprachlicher Vielfalt äußerst kompliziert und auch sehr blutig. Alle späteren Nationalstaaten haben und hatten scheinbar plausible, aber sich ausschließende Argumente, wer und welches Territorium zum jeweiligen Staat gehören. Dieser Prozess ist nach wie vor nicht abgeschlossen. Heute konkurieren eine Integration in die EU und eine mit Bezug auf Russland und China. Durchaus in der Tradition der blockfreien Bewegung versucht die gegenwärtige Regierung, das Beste aus den konkurrierenden Lagern herauszuholen und sie gegeneinander auszuspielen.
Geostrategisch ist die serbische Regierung daher der NATO und der EU ein Dorn im Auge. Vor diesem Hintergrund ist die Bewegung bei aller Sympathie auch kritisch zu sehen. Otpor (serbische Organisation) war beim Sturz Milosevics nicht unwichtig und zum Teil Spielball und Instrument des Westens in der geostrategischen Neuaufteilung Europas und Vorbild für die späteren Farbenrevolutionen. Milosevics Sturz wurde allerdings erst besiegelt, als die Kumpels aus den Bergwerken sich der Opposition anschlossen.

Die Fahrt war durchaus anregend, das Klima solidarisch und interessiert. Anfängliche Skepsis schnell überwunden. Von Seiten einiger serbischen Aktivisten wurde uns kommuniziert, wir stellten die falschen Fragen. Es ist nicht ganz klar, was damit gemeint war.
Zwei Gegenbesuche sind geplant. Einer mit Schwerpunkt Autoindustrie im Februar/März. Mit Stopps in Graz, Zinnwald, Braunschweig/Salzgitter. Und einer mit Schwerpunkt Bergbau.
Allerdings könnte dies an der Finanzierung scheitern. Die NGO-Aktivisten rechnen mit Kosten von über 30.000 €, bei Hotelunterbringung und mit Honoraren für Dolmetscher und angemieteten Reisebus. Das soll vollständig über Stiftungsgelder finanziert werden. Im Angesicht der Kürze der Zeit ambitioniert. Auf meinen Vorschlag, das doch eher privat zu organisieren, wurde kaum eingegangen. Im Gegenteil von Seiten der IL gar Honorar für die Organisierung und Begleitung eingefordert.
Die Fahrt nach Serbien kostete wohl ca 25.000 €. 30 Teilnehmer zahlten 750-850 €. Der Rest wurde von Stiftungen finanziert. Wir waren in Hotels untergebracht. Die RLS Belgrad hat uns zu einem Essen dort eingeladen und finanziell stärker unterstützt, ebenso die Stiftung Menschenwürde.

Die Gruppe Ranicki Glas veranstaltet Ende Januar in Belgrad eine internationale Konferenz zur Vernetzung von Arbeiteraktivisten. Ich werde wohl hinfahren.

Wir brachten bereits den Bericht zu der Serbienfahrt von Peter Haumer (Wien). Beide Berichte ergänzen sich hervorragend!

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