Von Alwin Altenwald
Am Mittwoch (3.12.) lese ich von Thomas Hagenbucher einen Artikel in der shz (schleswig-holsteinische landeszeitung): (Leider hinter Bezahlschranke). Deshalb hier nur einige markante Auszüge!
Selten habe ich in einem Artikel so kurz zusammengefaßt die reale Lage der deutschen Industrie geschrieben gesehen!
Mal wieder sollen die Alten weg
Gewaltige Abfindungsprogramme bei Großkonzernen: Bis zu 500.000 Euro Kompensation
Fast eine halbe Million Euro auf die Hand – und ab in den Ruhestand. So geschieht es im Moment bei nicht wenigen Großkonzernen im Land. Vor allem Industrieunternehmen bauen derzeit massiv Arbeitsplätze ab – und dies häufig so schnell wie möglich. Die Rede ist von bis zu 200.000 Jobs, die allein bei wichtigen Konzernen gestrichen werden sollen. Die Abfindungen fallen entsprechend üppig aus – je nach Position und Dauer der Betriebszugehörigkeit. Schnell können da sechsstellige Summen zusammenkommen, in Extremfällen sogar bis zu 500.000 Euro.
Konzerne planen massive Stellenstreichungen
Die Liste der Unternehmen, die gerade per Abfindung Stellen abbauen, ist nur so gespickt mit bekannten Namen, die einst als der Stolz des Industrielands Deutschland galten: Volkswagen baut 35.000 Arbeitsplätze ab, die Deutsche Bahn 30.000 und Bosch mindestens 13.000. Auch bei ThyssenKrupp (11.000), Mercedes-Benz (10.000), der Deutschen Post (8000), Audi (7500), Evonik (5100), Daimler Truck (5000) und Porsche (1900) fallen massenweise Jobs weg.
Jüngst gesellten sich noch der Lastwagenbauer MAN (2300) und Wacker Chemie (1500) dazu. Diese Aufzählung ist alles andere als vollständig – und dürfte weiter wachsen. Sogar der Softwaregigant SAP, das größte Unternehmen Europas – und eigentlich sehr erfolgreich, will insgesamt 10.000 Stellen streichen.
…Wie das „Handelsblatt“ ausgerechnet hat, kann ein 55-jähriger Teamleiter bei Mercedes-Benz – mit einem Bruttomonatsgehalt von etwa 9000 Euro und 30 Berufsjahren im Unternehmen – mit einer Abfindung von einer halben Million Euro rechnen.
…Beim massiv kriselnden Bayer-Konzern konnte ein Mitarbeiter, der sich rasch entschieden hat zu gehen, auf 52,5 Monatsgehälter Abfindung kommen. Beispielrechnung: Bei 35 Jahren in dem Leverkusener Unternehmen und einem Gehalt von zuletzt 8000 Euro waren dies 420.000 Euro.
…Und es geht weiter: Vor allem in den Branchen Automotive, Maschinenbau und Chemie sei der Restrukturierungsbedarf nach wie vor hoch.
.. Auch VW nimmt Milliarden in die Hand, um Mitarbeiter loszuwerden.
Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres haben die Dax-Konzerne rund sechs Milliarden Euro für Restrukturierungsmaßnahmen aufgewendet. Seit Anfang 2024 summieren sich diese Kosten bereits auf mehr als 16 Milliarden Euro – gewaltige Summen.
…„Längerfristig gehen diese Entlassenen somit dem Arbeitsmarkt verloren, was den Fachkräftemangel verschärfen kann“, warnt der Arbeitsmarktexperte. (Bernd Fitzenberger, Direktor des renommierten Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.)
…Der Experte gibt allerdings zu bedenken, dass solch hohe Abfindungen, wie sie derzeit medial diskutiert werden, doch eher Seltenheitswert haben. Bei der überwiegenden Mehrheit der Jobverluste fließen laut Fitzenberger viel kleinere Summen oder überhaupt kein Geld.
…„Der Jobabbau wird vor allem in der Industrie vorerst anhalten, der Umbauprozess ist noch nicht abgeschlossen“, sagt Jan Brorhilker, Mitglied der Geschäftsführung bei der Unternehmensberatung EY, ohne um den heißen Brei herumzureden.
Wir lesen:
Abfindungen für eine/n ausscheidenden KollegIn: Bis zu 500.000 Euro!
Insgesamt 16 Milliarden Euro für Restrukturierungsmaßnahmen seit Anfang 2024 nur in den DAX-Konzernen.
Fitzenberger (Direktor des renommierten Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg) geht nebenbei darauf ein, daß hunderttausende Facharbeiter der Wirtschaftschaft verloren gehen. Dieser Fakt, den der Kapitalismus unausweichlich mit sich bringt, ist von drei Seiten zu betrachten. Einmal vom Standort des Beschäftigten. Er wird mit einer mehr oder minder hohen Summe „beschenkt“ und damit bestochen, seine Arbeit, den Mittelpunkt seiner Gesellschaftsteilhabe, kampflos aufzugeben. Wie es dem Ausgeschiedenen dabei psychisch geht oder wie seine Zukunft aussieht ist den Aushandelnden, den Tarifpartnern, ist dabei völlig egal. Die zweite Seite, von der aus die Massenentlassungen zu betrachten sind, ist die der Gewerkschaft. Sie handelt das in ihren Augen Optimale heraus: eine möglichst hohe Abfindung. Dafür handeln sich die Kapitalisten sozialen Frieden ein. Die Gewerkschaften verzichten auf Klassenkampf.
Die dritte Seite sind Konzerne/Kapitalisten: Die shz schreibt dazu:
Offenbar ist das aber immer noch billiger, als ältere und damit teure Mitarbeiter zu behalten.
„Ein Stellenabbau rechnet sich aus Unternehmenssicht ungeachtet der damit verbundenen Einmalaufwendungen für die oft freiwilligen Personalprogramme sehr zügig, meist schon nach einem Jahr“, bestätigt Patrick Widmaier, Restrukturierungsexperte bei Alix Partners.
Wir haben in den letzten Jahren im Jour Fixe Info häufig über die Bemühungen der Agenturen für Arbeit, der Konzerne, der Ministerien berichtet, wie sie im Ausland sich bemühen FacharbeiterInnen anzuwerben. Und in Deutschland werden Jahr für Jahr hunderttausende Facharbeiterplätze vernichtet!
Und vielleicht machen sich die „entwerteten“, aber oft gut beschenkten „Überflüssigen“ ja auch den Gedanken: Was hätte ich als beruflich hoch Qualifilzierte/r in meinem Beruf noch alles gesellschaftlich Sinnvolles herstellen können? Stattdessen werde ich zur Untätigkeit verurteilt. Was ist das für ein System?
https://www.ansa.it/sito/videogallery/italia/2025/12/04/genova-tensioni-a-corteo-ex-ilva-polizia-usa-lacrimogeni_bca2fad4-1f72-459a-a50b-6d670ca28f2c.html
Am selben Tag lese einen Artikel in il Manifesto (Italien). Hier Auszüge:
Der Protest ehemaliger Ilva-Arbeiter breitet sich rasant aus. Nicht nur die Arbeiter aus Cornigliano zogen gestern, bereits den zweiten Tag in Folge, durch die Straßen Genuas. Zuerst blockierten sie die Zufahrt zum Flughafen Cristoforo Colombo und anschließend die Autobahn. Mit dem Bagger, der zum Symbol des Protests geworden ist, marschierten sie zur San-Giorgio-Brücke. Ihnen schlossen sich Arbeiter von Ansaldo Energia an, die ebenfalls gegen die Verlagerung eines Teils ihrer Produktion protestieren, sowie Arbeiter von Fincantieri. Damit demonstrierten sie die Haltung der wichtigsten Industriezweige der ligurischen Hauptstadt.
…„GENUA kämpft für Arbeitsplätze“, stand auf dem Transparent an der Spitze des Marsches. Auch im Werk von Piemontese in Novi Ligure und im Rohrwerk Racconigi finden Demonstrationen statt. Es entwickelt sich ein regelrechter Machtkampf mit der Regierung. Schuldig in den Augen der Arbeiter und aller Gewerkschaften, einen Plan (den sogenannten „Kurzzyklus“) umgesetzt zu haben, der die Produktionskapazität ligurischer und piemontesischer Fabriken erheblich reduziert. Die Generalsekretäre von FIM, FIOM und UILM – Ferdinando Uliano, Michele De Palma und Rocco Palombella – legen die Situation unmissverständlich dar. In einem Schreiben an Giorgia Meloni und die Hälfte der Regierung (Mantovano, Urso, Giorgetti und Calderone) forderten sie ein dringendes Treffen des Ständigen Runden Tisches der ehemaligen Ilva Acciaierie d’Italia unter außerordentlicher Verwaltung im Palazzo Chigi.
…Die Gründe liegen auf der Hand: „Nach der Vorstellung des Kurzzyklusplans hat sich eine äußerst ernste Lage entwickelt, die von Konflikten und starken sozialen Spannungen in den betroffenen Regionen geprägt ist und einen Dominoeffekt auslösen könnte….
Ein ähnlicher Brief wurde von USB an die Regierung geschickt.
Wenn wir diese beiden Artikel -vom selben Tag- hintereinander weglesen, bekommen wir einen Eindruck von der Stimmung der KollegInnen in Italien und in Deutschland. Aber auch von den dortigen und den hiesigen Gewerkschaften.
Während es in dem shz-Artikel nur um die Betriebe geht, die Fachkräfte entlassen und die Höhe der Abfindungen und die DGB-Gewerkschaften nicht vorkommen, handelt der Artikel aus il Manifesto vom Widerstand gegen die Entlassungen.
Während in anderen westeuropäischen Ländern Generalstreiks sind und Ausstände, so in Belgien, Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland. Gegen den Völkermord in Faza Hunderttausende oder Millionen auf die Straße gehen oder gegen die Sozialkürzungen, herrscht in Deutschland fast noch Friedhofsruhe, erkauft vom Kapital, sekundiert von den DGB-Gewerkschaften.
Aber die finanziellen Möglichkeiten des BRD-Kapitals sind nicht unbegrenzt. Die De-Industrialisierung geht weiter. Und in zwei bis drei Jahren werden auch in Deutschland die Massen mobil werden, „wild“ streiken und werden dabei auf der Gegenseite nicht nur den Staat mit seinen Organen finden sondern auch die Spitzen der DGB-Gewerkschaften und Teile des Gewerkschaftsapparates. Diese Situation ist noch nicht in den Köpfen der KollegInnen. Und auch nicht in denen vieler Linker!