Teilbiographie von Dieter Wegner
November/Dezember 1966 war ein großer politischer Bruch in meinem Leben, es war das unmittelbare Hinsteuern „meiner“ Partei, der SPD, auf die Große Koalition. Diese war am 1.12. perfekt, ich trat aus Protest vom SHB (sozialdemokratischer Hochschulbund) in den SDS (Sozialistischer Deutsche Studentenbund) über und wurde aus der SPD ausgeschlossen.
Wie kam es dazu? Und wie entwickelt man sich von einem nichtpolitischem Dorfkind zu einem politischen Aktivisten?
Frühe Kindheit im Dorf in Hinterpommern und in Holstein
Ich bin 1940 in dem Bauerndorf Altenwalde, heute Liczkowo (Kreis Neustettin) in Hinterpommern geboren. Mein Vater war von Beruf Schlosser. Er wurde am letzten Kriegstag tödlich verwundet. Meine Mutter war Landarbeiterin, die letzten 13 Jahre vor ihrer Verrentung Köchin in dem kleinen Krankenhaus in Kellinghusen. Wir wurden 1946 vertrieben und landeten letztlich im Dorf Fitzbek in Holstein. Im Juli kamen wir in einem Güterzug zuerst für vier Wochen in ein Lager nach Lübeck-Pöppendorf. Von da für vier Wochen in die Blaue Schule in Elmshorn, das zu einem Lager für Flüchtline umfunktioniert war. Von da dann nach Fitzbek, zu acht aus unserer Familie lebten wir in zwei Zimmern in der Kate des Bauern Göttsche. Der Altbauer mußte ins Haupthaus umziehen. Zwei weitere Familien aus Ostpreußen mit sechs Personen lebten in den anderen Zimmern der Kate.
Meine Mutter und ich wurden nach zwei Jahren ins Haupthaus umquartiert, in eine Dachkammer, in der vorher eine Köksch ihr Domizil hatte.
Dann wohnten wir von 1950 vier Jahre lang in einer Dachkammer beim Stellmacher des Dorfes, quasi mit Familienanschluß. Meine Mutter und ich wurden oft an den Mittags- oder Abendbrottisch eingeladen. Meine Mutter half oft im Haushalt und im Garten. Da war ich 10 Jahre alt und bekam mit einem Klapp-Bett zum ersten Mal ein eigenes Bett.
Von den Flüchtlingskindern des Dorfes gingen viele zur Mittelschule nach Kellinghusen. Es war keine Schule mit Altnazis als Lehrern. Die meisten waren wohl in der GEW und etliche in der SPD, einer war sogar in der DFU (Deutsche Friedensunion). Bei unserem Geschichtslehrer (und Deutschlehrer), der mein Lieblingslehrer war, gab es manchmal thematisch Anklänge an politische Ereignisse der Gegenwart. Die anderen Schüler äußerten sich „für Adenauer“, ich „für Ollenhauer“. Dadurch hatte ich den Spitznamen WOPF weg, Wegners Oppositionspartei Fitzbek.
Woher kam meine Einstellung? Die Einwohnerzahl des Dorfes, eines reinen Bauerndorfes, hatte sich durch die Heimatvertriebenen, Flüchtlinge und Ausgebombten (aus Hamburg) mehr als verdoppelt, auf über 750 Menschen. Während in den Städten in diesen Wintern viele Menschen nicht nur hungerten sondern verhungerten und erfroren, war das in den Dörfern nicht so. Auch schon die Kinder der Flüchtlinge sammelten Ähren auf den abgeernteten Feldern und Kartoffeln.
Auch wenn es Bauern gab, die uns dabei vertrieben. Und in den Wäldern gab es genug Holz für die Kanonenöfen.
Die Erwachsenen wurden im Frühjahr und im Herbst von den Bauern zur Arbeit geholt, zum Rüben- und Kartoffelpflanzen, im Herbst zum Kartoffelsammeln und Getreideernten, Dreschen. Ich erlebte Ungerechtigkeiten, zB, daß für einen ganzen Tag Arbeit meine Tante nur einen Korb mit
alten Kartoffeln aus dem Vorjahr, schon angefault, als Lohn erhielt. Ihr Satz ist mir heute noch in den Ohren: Das hätten wir zu Hause nicht mal an die Schweine verfüttert.
Bis zur Währungsreform im Juni 1948 war es die Zeit der Hamsterer, so wurden die Menschen aus den Großstädten genannt, die mit Rucksäcken auf die Dörfer kamen, um für Waren wie Schmuck, Uhren, Kleidung, Zigaretten Nahrungsmittel wie Eier, Speck, Butter, Schmalz, Fleisch einzutauschen.
Die soziale Lage war so, daß in den ersten vier Jahren nach dem Krieg die Bauern im Schlaraffenland lebten durch das Eintauschen bei den Hamsterern (auch wenn sie sich beim Schwarzschlachten nicht erwischen lassen durften) und die Flüchtlinge für ihre harte Arbeit wenig Naturallohn erhielten. Geld war ja noch nichts wert. Es gab nicht ausreichende Mengen an Nahrungsmittel auf Marken.
Ich habe einen Kinderspruch in Erinnerung: „Hast Du Pferd und Kuh, wählst Du CDU, hast Du Not und Weh, wählst Du BHE “. Der BHE, der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten war in mehreren Ländern, auch in Schleswig-Holstein, durch die Massen an Flüchtlingen die zweitstärkste
Partei. In der Führung dieser Partei waren oft Nazis, Wähler und Mitglieder waren eher normale Flüchtlinge. Diese Partei löste sich schon Mitte der 50er Jahre auf, die Integration der Flüchtlinge hatte funktioniert.
Meine Mutter war mit einem „Tagelöhner“, einem Landarbeiter befreundet. Er sagte mir, daß er in der SPD sei, ich solle das aber nicht weiter sagen. Er hatte das Hamburger Echo, eine Tageszeitung der SPD, abonniert, das ich oft las, da es den Tag über bei dem Bauern in der Diele lag, bei dem er
arbeitete und wir wohnten. Ich las ausführlich die ersten Seiten mit den politischen Artikeln. Aber diese besprach ich nicht mit den Erwachsenen, auch wenn ich vieles nicht verstand.
Von meinen Eltern, meinen Verwandten, habe ich kein politisches Bewußtsein mitbekommen, ihre Haltung war eher, sich nicht politisch streiten, sehen wie man im Leben durchkommt. Meiner Erinnerung nach waren sie keine Nazis, weil die zu politisch und extrem waren. Mein Onkel Otto, den es 1946 mit seiner Familie nach Thüringen verschlagen hatte und der im Kali-Bergbau in Merkers Arbeit gefunden hatte, war Heizer auf einem Kriegsschiff gewesen und während den revolutionären Ereignissen in Kiel 1918 von Noske nach Hause geschickt worden. Leider habe ich es versäumt, ihn bei meinen Besuchen in den 50er und 60er Jahren näher danach zu befragen!
Der extreme Gegensatz zwischen oben und unten
Den Gegensatz von oben und unten habe ich erlebt durch die konkrete Situation in Fitzbek. Einige der Bauern und Bäuerinnen waren geizig und herrisch, aber viele auch menschlich und großzügig.
Aber daß es ungerecht zuging, habe ich schon als Kind begriffen.
Objektiv war die Lage, die auch auf das Denken der Bauern und Bäuerinnen durchschlug, so, daß die Flüchtlinge Eindringlinge waren und sie viel Wohnraum abgeben mußten. Sie brauchten die Flüchtlinge auch nicht unbedingt zum Arbeiten. Ein größerer Hof in dem Dorf, sagen wir von 50 ha,
hatte zwei Kökschen und drei Knechte. Damit war man bisher gut ausgekommen. Die vielen Flüchtlinge waren manchmal nützlich, aber im Prinzip waren sie billige Arbeitskräfte, die jederzeit verfügbar waren. Und sie zwangen die Einheimischen, wohnmäßig stark zusammen zu rücken. Das Verhältnis damals auf dem Dorf war also nicht das von Arbeitgebern zu Arbeitnehmern sondern das von Wohlhabenden zu Überflüssigen, gelegentlich Nützlichen. Es ist also nicht zu vergleichen mit dem Verhältnis von Arbeitgebern und Lohnabhängigen.
Das Verhältnis der Einheimischen zu uns Flüchtlingen war bis auf „Ausrutscher“ trotz der sozial riesigen Unterschiede normal oder sogar freundlich.
Der Gegensatz Einheimische/Flüchtling wirkte sich bis etwa Mitte der 50 er Jahre so aus, daß es überhaupt nicht gern gesehen wurde, wenn eine junge Einheimische mit einem jungen Flüchtling „ging“. Das änderte sich erst, als die einheimischen jungen Mädchen merkten, daß die jungen Männer aus dem Osten eigentlich die bessere Partie waren. Nach einer Heirat stand ihnen nicht mehr das Los einer Bäuerin, also kein Wochenende frei, kein Urlaub, jeden Tag in aller Herrgottsfrühe aufstehen, bevor. Sondern mit einem Flüchtlings-Ehemann, der Angestellter oder Techniker oder Ingenieur war, konnte man in die Stadt ziehen und hatte gewiß ein angenehmeres Leben. Die elterlichen Zwangs- und bisherigen Dorfnormen wurden so durchbrochen.
Ich bestand, zusammen mit sechs anderen Mädchen und Jungens von unserer Dorfschule, die Aufnahmeprüfung zur Mittelschule in Kellinghusen. Wir waren alle Flüchtlingskinder. Das kann ich mir nur so erklären, daß die bäuerlichen Eltern die Einstellung hatten: De Jung soll Buur warn, wat
scholl he so lang to Mittelschool gohn. De Deern soll later een Buur heiraten, dor to bruukt se nich to de Mittelschool. Auf der Mittelschule war die Zusammensetzung dann anders: Viele der MitschülerInnen waren Söhne und Töchter von Kellinghusener Ladenbesitzern und Handwerkern.
Lehrzeit und Bundeswehr
Nach der „Mittleren Reife“, nach sechs Jahren, ging ich ein Jahr zur Höheren Handelsschule nach Neumünster, danach machte ich 2 ½ Jahre eine Lehre zum Industriekaufmann bei der Tuchfabrik Bartram in Neumünster. Besonders das erste Lehrjahr war extrem hart. Morgens vor sechs Aufstehen, dann fünf km mit dem Fahrrad auf einem Feldweg zum Bahnhof, dann mit dem Personenzug 3. Klasse nach Neumünster. Der Stift (der Lehrling im ersten Lehrjahr) mußte vor der eigentlichen Arbeitszeit die Post vom Postamt abholen und abends die fertigen Briefe und kleinen Postsendungen zum Postschalter am Bahnhof bringen. Alles zu Fuß. Abends um acht war ich zu Hause. Samstags wurde auch gearbeitet, halbtags. Es gab 14 Tage Urlaub im Jahr.
Ich kam gleich in die Personalabteilung, die auch so eine Art Telefonzentrale war. Ich als Dorfkind hatte noch nie vorher telefoniert, im Dorf gab es nicht mal eine Telefonzelle. Ich war Außenseiter und fühlte mich dann nur in Abteilungen wie Lager, Weberei, Zwirnerei, Spinnerei wohl, also unter ArbeiterInnen.
Während meiner Lehrzeit machte ich mit drei anderen aus der Berufsschule eine Schülerzeitung: „Der Stift“. Die wurde nie zensiert. Wir sammelten Anzeigen bei Neumünsteraner Geschäften und finanzierten so die Druckkosten. Ich erinnere mich an drei Artikel, die ich damals schrieb. „Freiheit
für Algerien“, es tobte gerade der Befreiungskrieg der Algerier gegen Frankreich. Ich nahm Partei für die Unabhängigkeitskämpfer. Dann schrieb ich „Mein Mäckie“ (Haarschnitt zur damaligen Zeit). Ich schilderte eine fast wahre Episode in einem Frisör-Salon, wie ich mir die Haare immer
kürzer schneiden ließ wegen einer Frisöse, deren Chef den Raum nicht verlassen wollte, ich mich aber mit ihr verabreden wollte. Dann den Artikel: „Mitbestimmung für die Schüler“. Das fehlte völlig an der Berufsschule. An weitere Artikel erinnere ich mich nicht.
Noch ein Satz zur Lehre damals. In einigen Abteilungen fühlte ich mich sehr unglücklich. Aber es wäre mir nicht mal in den Sinn gekommen, die Lehrstelle zu wechseln. Es hieß: Leiden aber Durchhalten bis zum Lehr-Ende. Im Dorf hätte man als Versager da gestanden. Falls es während
meiner Lehrzeit in Neumünster dort ein Lehrlingsjourfixe wie später in Hamburg gegeben hätte mit Aktionen „Fegen der Mönckebergstr.“, wäre ich wohl dabei gewesen. Oder auch nicht, aus Angst, daß Vorgesetzte das erfahren hätten. Ich glaube auch, daß bei den Aktionen des Lehrlingsjourfixe später in Hamburg fast nur gewerbliche Lehrlinge dabei waren und nicht kaufmännische!
Gewerkschaften lernte ich während der Lehrzeit nur mittelbar kennen. Durch Herrn Moldenhauer (auf der Personalliste wurde er als Moldenhauer II geführt). Er war Betriebsratsvorsitzender und ging mehrfach die Woche am Glasfenster des Personalbüros vorbei zum Büro des Inhabers. Dabei war er stark vornübergebeugt und griente devot durch die Scheibe. Von einem Gewerkschaftsvertreter, zuständig war die IG Textil u. Bekleidung, wurde ich nie angesprochen. Von den Angestellten dürfte niemand Mitglied gewesen sein.
Ein weiteres „Gewerkschaftserlebnis“ hatte ich einige Jahre später als Angestellter einer Baustoffhandlung als ich kündigen wollte. Ich fuhr nach Itzehoe ins Büro der IG BSE (IG Bau Steine Erden). Als erstes wurde ich gefragt, ob ich Mitglied sei, sonst bekäme ich keine Auskunft. Das war mir befremdlich und ich zog wieder ab. Gewerkschaftsmitglied wurde ich dadurch erst 1964, dann nicht aus persönlich-gewerkschaftlichen Gründen sondern aus politischen: Gleichzeitiger Eintritt in Jusos, SPD und ÖTV.
Nach der Lehre war ich ein halbes Jahr in einer Baustoffhandlung. Dann sechs Jahre bei der Bundeswehr in Itzehoe und Kellinghusen bei einer Artillerie-Einheit. Zuerst als „Soldat auf Zeit“ für 2 Jahre, da gab es 290 DM pro Monat, ein Wehrpflichtiger (18 Monate) bekam nur 60 DM, dann weiterverpflichtet um 2 Jahre und dann um weitere 2 Jahre. Dort war ich die ganze Zeit Vermesser mit dem Ziel, später durch ein Studium Vermessungsingenieur zu werden.
Aber dann lernte ich die Jusos in Itzehoe kennen und einer von ihnen erzählte mir, daß er demnächst auf die Akademie für Wirtschaft und Politik nach Hamburg gehe. Ich schwenkte um vom Studiumziel Vermessungsingenieur auf Volkswirt/Wirtschaftswissenschaften an der HWP.
Die sechs Jahre bei der Bundeswehr hatte ich abgeleistet, um durch die Abfindung Geld zu haben für das Studium. (Mit der Abfindung kam ich dann auch genau drei Jahre aus). Von der Möglichkeit eines Stipendiums nach dem „Honneffer Modell“ hatte ich noch nie was gehört.
Bei der Bundeswehr hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben ein eigenes Zimmer, nachdem ich Gefreiter UA (Unteroffiziersanwärter) geworden war.
Kurz bevor ich zur HWP nach Hamburg ging, hatte ich geheiratet, wir „mußten“ heiraten. Ich wohnte während des Studiums im Studentenheim des DGB, in der Otto Speckterstr. in Barmbek, dann im Wohnheim der AWO (Arbeiterwohlfahrt) in der Rothenbaumchaussee. Ich sah meine Frau und meinen Sohn im Dorf in Holstein nur an Wochenenden, an Feiertagen und in den Semesterferien. 1969 wohnte ich dann kurze Zeit in einer WG, zusammen mit einigen GenossInnen des SALZ (Sozialistisches Arbeiter- und Lehrlingszentrum), das später im KB (Kommunistischer Bund) aufging.
Bei Aktionen am Wochenende oder an Feiertagen war ich dadurch oft nicht dabei.
Es stellte sich raus, daß meine Frau völlig gegensätzliche Lebensperspektiven hatte und wir trennten uns. Meinen Sohn sah ich selten, das bedauerte ich sehr. Sie sagte mir mal, daß sie sich eine 3-Zimmer-Wohnung in der Stadt wünscht und einen BMW. Das war mir völlig fremd. Das
Bild, das meine Frau und die Schwiegereltern von der Studentenbewegung hatten, hatten sie durch die Bild-Zeitung und durch das Fernsehen. Ihr Verhältnis zu mir war nicht feindlich aber sie verstanden meine Haltung nicht.
Die Beziehung zu meinem Sohn wurde durch die Trennung über viele Jahre belastet. Ich beneidete einen Freund, der sich freundlich von seiner Partnerin getrennt hatte und ein entspanntes Verhältnis zu seiner Ex-Partnerin und seinem Sohn hatte.
Ich habe danach nicht mehr geheiratet sondern in Partnerschaft gelebt, seit vielen Jahrzehnten, jede/r in der eigenen Wohnung. Meine Mutter sagte schon früh: Du bist ein Einspänner! Als Bauerntochter kamen ihr oft Vergleiche aus dem Dorfbereich in den Kopf. Meistens zutreffend. Mein Verhältnis zu meinen Verwandten in Schleswig-Holstein war, daß sie mich für einen Idealisten hielten, wie sie es nannten. Ich war der erste, der studiert hatte, aber dann das nicht zur Karriere nutzte, der radikale Ansichten hatte, aber der freundlich und hilfsbereit war und eben zur Familie gehörte. Nach 2005, nach der Agenda 2010 mit Hartz IV veränderte sich ihre Meinung: In einigem hast Du wohl doch recht gehabt. Auch sie, wie viele KollegInnen in den Betrieben, waren ernüchtert, daß gerade die SPD, die als Arbeiterpartei doch das von der CDU und der FDP drohende Schlimme verhindern sollte, nun Hartz IV einführt und man innerhalb eines Jahres in die Sozialhilfe rutschen konnte.
Eintritt in SPD, Jusos und ÖTV
Ich bin 1964, während meiner Bundeswehrzeit in die SPD- und Jusos in Kellinghusen (Kreis Steinburg) eingetreten, war stellv. Juso-Kreisvorsitzender und gründete in Kellinghusen eine Juso-Ortsgruppe.
In Kellinghusen gab es auch eine Gruppe des Jungdemokraten (Judos). Ein ehemaliger Unteroffizier aus der Kaserne hatte diese gegründet. Sie verstanden sich als marxistisch, hatten Kontakt zu Jochen Steffen, dem Landesvorsitzenden der SPD. Sie gaben eine Zeitung heraus, „Der Stachel“. Ich beneidete sie, da sie viel freier agieren konnten als wir Jusos. Wir waren nur eine Arbeitsgemeinschaft der SPD während die Judos unabhängig von der FDP waren. Ich bin heute noch mit einem Genossen bekannt, der damals bei den Judos in Hamburg war und die sich auch als marxistisch verstanden.
Gleichzeitig trat ich auch in die ÖTV ein, war damals Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Ich sollte erst nicht aufgenommen werden, weil für Zeitsoldaten keine Mitgliedschaft vorgesehen sei, sagte mir der Gewerkschaftssekretär. Er berief sich auf einen Beschluß aus der Zeit vom ÖTV-Vorsitzenden
Kummernuß. Das war aber überholt, nachdem Kluncker Vorsitzender geworden war. Ich war wohl einer von den ersten Zeit-Soldaten, die gewerkschaftlich organisiert waren. Nachteile bei der Bundeswehr durch meine Mitgliedschaft in der ÖTV habe ich nie gehabt, ich habe noch etliche
Kameraden für die ÖTV geworben.
Wie ich auch etliche für die SPD geworben habe, einige sind heute noch in der Partei.
Studium 2. Bildungsweg, HWP
Ich begann am 1.10.1966 mein Studium an der AWP (Akademie für Wirtschaft und Politik) in der Mollerstr., Nähe Rothenbaumchaussee. Wenig später wurde sie dann in HWP (Hochschule für Wirtschaft und Politik umbenannt). Ich war im 19. Lehrgang.Damals wurden pro Jahr 100 StudentInnen
aufgenommen, in meinem Lehrgang waren es 95 Studenten und 5 Studentinnen. Alle waren zwischen 25 und 35 Jahre alt und hatten fast alle die „Mittlere Reife“. Ein großer Teil hatte einen gewerkschaftlichen Hintergrund und wurde durch die Böckler-Stiftung finanziert. Die HWP war noch sehr verschult. Jede/r hatte seinen festen Sitzplatz und die meisten Dozenten kannten jeden mit Namen. Der Älteste wurde Lehrgangssprecher.
Ich trat im Oktober 1966 dem SHB (Sozialdemokratischer Hochschulbund) bei, wie die meisten der Stipendiaten der Böckler-Stiftung. Dann gab es noch den SDS an der HWP – eine kleine Gruppe.
Wir verfolgten mit Spannung die Entstehung der Großen Koalition. Am 1.12.1966 hatte einer ein kleines Transisterradio im Hörsaal und hörte leise die Übertragung aus dem Bundestag. In der Pause sagte er, daß die Große Koalition perfekt sei.
Wir standen aufgeregt in Gruppen zusammen. Für mich brach eine Welt zusammen, bis zuletzt wollte ich nicht glauben, daß „meine“ SPD mit einer Partei wie CDU/CSU koaliert. Ich war in die SPD eingetreten, nicht nur, weil sie für mich für mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft stand
sondern auch wegen ihrer honorigen antifaschistischen Männer wie Willy Brandt, Erich Ollenhauer, Kurt Schuhmacher, Carlo Schmidt, Fritz Erler, Willy Eichler, die Verfolgung und Emigration erlitten hatten. Und nun setzte sich meine Partei mit einer Partei mit Nazis wie Kiesinger, Strauß, Lübke, Globke auf die Regierungsbank! CDU/CSU machten die Koalition nur um den Preis, daß die SPD den Notstandsgesetzen zustimmte.
Zurück zu Dezember 1966, dem Beginn der Großen Koalition.
Ich trat aus Protest in den SDS der HWP ein und teilte das der SPD in Kiel mit.
Ich erhielt einen Anruf von Jochen Steffen; Landesvorsitzender der SPD. Ihn hatte ich kennengelernt in Wahlkämpfen im Kreis Steinburg. Ich begleitete damals oft den Bundestagsabgeordneten Detlef Haase aus Kellinghusen bei Wahlkämpfen zu Versammlungen. Eben auch mit Jochen Steffen. Am Telefon fragte er mich: Was soll der Quatsch denn?
Ich empörte mich in meinem Brief an die SPD in Kiel auch, daß es gerade gestattet worden war, daß Studenten aus Schlagenden Verbindungen in die SPD aufgenommen werden konnten aber ein Unvereinbarkeitsbeschluß dem SDS gegenüber bestand. Ich bekam vom Landesgeschäftsführer der SPD zweimal eine Einladung nach Kiel, wollte eigentlich hinfahren,. aber es kam dringenderes dazwischen, eine Demo oder Aktion. Nach einiger Zeit erhielt ich den Brief mit dem SPD-Ausschluß und der Aufforderung, das Parteibuch zurückzuschicken, ich habe es aber immer noch als Andenken. Was ich heute bedaure, ist, daß ich damals nicht zu meinen SPD-Genossen im Ortsverein Kellinghusen gegangen bin, ihnen meinen Übertritt zum SDS mitgeteilt habe und dann meinen Ausschluß aus der Partei. Zu einigen hatte ich ein achtungsvolles Verhältnis. Aber SPD war nun Vergangenheit, es gab Wichtigeres!
Nach der HWP zur dpa
Ein Blick auf das Ende des HWP-Studiums: In Erinnerung an meine Berufsschule, als ich an der Berufsschulzeitung mitgemacht hatte und später dann auch einige Artikel für Norddeutsche Rundschau (Itzehoe) geschrieben hatte, so einen Bericht über eine NPD-Versammlung im Ort „Außer Spesen nichts gewesen“, beschloß ich Redakteur zu werden. Ich erzählte das meinem Soziologie-Dozenten. Nach ein paar Tagen sagte er mir, fahren Sie mal nach Husum, zum Chefredakteur der Husumer Nachrichten oder nach Lübeck, zum Chefredakteur der Lübecker Nachrichten, ich kenne die beiden gut, dürfte wohl klappen. Ich war allerdings schon bei der dpa (Deutsche Presse Agentur) gewesen und hatte sofort ein Vorstellungsgespräch gehabt und war angenommen worden für ein Volontariat. Ich sehe den Gegensatz zu heute, wenn mir junge Leute, die Journalist werden wollen, erzählen, daß sie 300, 400, 500 Bewerbungen losgeschickt haben, alles Ablehnungen. Und viele sind heute sicher höher qualifiziert als ich es war. Damals bei dpa waren einige Kollegen vorher Buchdrucker (Mittlere Reife), Bäcker (Volksschule) gewesen, haben bei dpa Karriere gemacht, Korrespondent in den USA, Indien.
Im SDS: Viel Praxis, wenig Schulung
Unsere kleine SDS-Gruppe an der HWP bestand aus sechs Personen, davon zwei Frauen. Es gab Treffen in der Otto-Speckter-Straße, in dem Wohnheim für StudentInnen der Böckler-Stiftung. Mit Professor Hummel von der HWP machten wir Veranstaltungen mit dem Thema „Marxismus heute“.
Ansonsten war Aktionismus angesagt. Teilnahme an den vielen Demos. Wir gingen oft rüber in den SDS-Keller am von Melle-Park. Helfen beim Flugblätter-Nudeln. Diskussionen dort. Wir verteilten mit Flugblätter, auch eine Zeitung, aufgemacht wie die Bild-Zeitung wurde verteilt/verkauft (für
einen Groschen). Wir von der HWP waren also nur Fußvolk.
Lange Zeit hatten wir vom SDS keinen, der rhetorisch gut war und Jens Litten, dem Sprecher des SHB, Widerpart geben konnte. Deshalb freuten wir uns, als Karl-Heinz Roth (1968?) nach Hamburg kam.
Jens Litten brüstete sich Jahrzehnte später, er war Manager in einem Konzern geworden, daß er die StudentInnen zur Abkühlung einmal um die Alster geführt hätte. Litten war eine Haßfigur für uns, wir hatten den Spruch: Litten hat ausgelitten.
Eine Anekdote am Rande: Nach einer Demo, die Bild-Zeitung hatte gerade wieder gehetzt, daß Steinewerfen die Argumentation der Linksradikalen sei, gingen wir zurück zum SDS-Keller. Neben mir Helga Milz.Wir gingen, schon auf dem Uni-Gelände, an einem Haufen kleiner Steine vorbei.
Helga Milz mit einem Blick darauf: Da liegt ja ein großer Haufen unserer Argumente!
Von den 23 damaligen SDS-GenossInnen, die heute auf der homepage verzeichnet sind, erinnere ich mich nur Arwed und Helga Milz und Karl-Heinz Roth. Thomas Thielemann begegnete ich ein paar Jahre später bei der Arbeiterpolitik und Rudi Christian 2011 im Soli-Kreis Neupack.
Mit Günter W., einem SDS-Genossen fuhr ich mit der Bahn zum Vietnam-Kongreß am 18. und 19.2.1968 in der TU nach Westberlin. Spätabends bot uns ein Maurerlehrling an, bei ihm zu übernachten. Er wohnte am Rande von Berlin, wir mußten lange fahren. Leise gingen wir nach oben
in sein Zimmer – seine Oma durfte nichts hören – Günter und ich schliefen zusammen in dem Bett von dem jungen Mann, er auf dem Fußboden. Am nächsten Morgen ohne Frühstück ganz leise wieder aus dem Haus.
Zur Trauerfeier von Benno Ohnesorg fuhren wir von der HWP mit zwei Autos nach Hannover, es nahmen Genossen von SDS und SHB daran teil. Wir kamen gar nicht mehr in die Halle rein, so viele Menschen wollten ihre Trauer für den von Kurras ermordeten Studenten zeigen.
1967 hatte ich einen Besuch bei der FDJ in Ostberlin organisiert, mit zwei Autos, mit KommilitonInnen von SDS und SHB. An die Diskussionen kann ich mich nicht mehr erinnern, die DDR-Genossen waren in Anzug mit Schlips gekleidet, wir waren in Jeans und Pullover angereist.
Abends in einem großen Saal beim Essen wurde das zum Problem. Wir wollten keine Schlipse umbinden, auch keine noch schnell von den FDJ-Funktionären besorgten. Deshalb wurden wir ganz in einer Ecke platziert. Am nächsten Tag wurden wir, reich beschenkt, mit vielen Büchern
verabschiedet. Wir wurden nie wieder eingeladen. Das lag wahrscheinlich daran, daß die FDJ-Genossen nach 1968 dann Kontakte hatten zu SDAJlern und MSB Spartakus.
Um Gremien-Arbeit an der HWP kümmerten wir vom SDS uns nicht. Das überließen wir dem SHB (Reinhard Crusius, Michaelis, Manfred Wilke, Hubertus Schmoldt, u.a.).
Kurze Zeit in der SDAJ
Eine Genossin aus dem SDS, Ute E., sprach mich an, dabei zu sein, eine marxistische Studentenorganisation zu gründen. (Daraus wurde später der MSB). Ich lehnte ab, weil ich es für wichtiger hielt, daß sich Jugendliche aus den Betrieben organisierten. Da kam mir wie gerufen, daß ich Wolfgang Gehrke auf einem ÖTV-Seminar kennenlernte. Er war damals Angestellter im Hamburger Arbeitsamt. Er sprach mich an, daß geplant sei, eine kommunistische Jugendorganisation zu gründen, ob ich mitmachen wolle. Es gab schon einen Jugendclub in Altona, der hieß Club Störtebeker und hatte einen Raum in Altona. Das war die Ursprungsgruppe für die spätere SDAJ. Die Gründerfiguren waren vorher bei den Falken gewesen, einer Jugendgruppe, die der SPD nahestand oder in der illegalen KPD.
Aber anfangs hatten wir noch keinen Namen und Wolfgang Gehrke sagte, wir sollten Vorschläge machen. Ich war für einen radikalen Namen: RSJ (Revolutionäre Sozialistische Jugend). Aber Wolfgang sagte nach ein paar Wochen, daß der Name nicht ginge, weil die Witwe von Erich
Ollenhauer darauf Namensrechte habe. Das mußte ich ja glauben. Dann erfuhren wir, daß wir SDAJ heißen. Später, in den 70ern lernte ich Peter W. kennen, der damals in der FDJ-Zentrale in Ost-Berlin gearbeitet hatte. Er berichtete mir, daß die Planung des Jugendverbandes, auch der Name,
alles von der FDJ gelenkt worden sei. Am 8. Mai 1968 wurde die SDAJ auf Bundesebene in Essen-Krey gegründet, wenig später in Hamburg. Ich war mit im ersten Vorstand, Wolfgang Gehrke Vorsitzender.
Nach dem 21. August, dem Einmarsch der RGW-Staaten in die CSSR, trat ich aus der SDAJ aus. Ich hatte miterlebt, wie Gehrke und einige aus dem Vorstand mit den übrigen Mitgliedern umgingen. Wir hatten innerhalb kurzer Zeit ca. 50 Mitglieder in Hamburg, uns einen Raum in der Thadenstr. renoviert. Gehrke&Co verfielen erst mal in Wartehaltung, warteten auf Anweisung aus Ost-Berlin. Dann beriefen sie ein Treffen ein mit Ewald Cords, Redakteur vom Blinkfuer. (Blinkfuer war eine kleine, der illegalen KPD nahestehende Wochenzeitung. Sie durfte auf Intervention Springers nicht an Kiosken verkauft werden). Weil fast alle Mitglieder gegen den Einmarsch der RGW-Staaten waren, wurde Wochen später eine weitere Versammlung einberufen, mit einem Redakteur des Deutschlands-Senders (DDR-Sender). Immer noch war die Mehrheit gegen den
Einmarsch. Zu einer dritten Versammlung kamen nur noch wenige. Die Abstimmung paßte dann, es wurde an Elan (Zeitschrift der SDAJ) gemeldet, daß der Hamburger Landesverband für den Einmarsch sei.
Leichte Manipulationen hatte ich schon bei der SPD erlebt aber das Vorgehen von Gehrke&Co stieß mich so ab, daß ich austrat.
Mich wunderte, daß die SDAJ sich so schnell nach den 1968-er Austritten wieder erholte und schon Anfang der 70er Jahre wieder starken Zulauf bekam. Als ob der militärische Einmarsch der Sowjettruppen in die CSSR im Bewußtsein der Neumitglieder gar keine Rolle gespielt habe. Das
verstehe ich heute noch nicht.
Für mich war der Einmarsch der Sowjettruppen in ein Bruderland eine ähnlich tiefgreifende Enttäuschung wie der Eintritt der SPD in die Große Koalition mit der CDU. Ich frage mich: Warum schreckte der Einmarsch diese meist jungen Menschen nicht ab? Oder bewirkte der Einmarsch
gerade den Einritt in DKP und SDAJ, weil der für sie ein Beweis für Stärke war und sie dem Prinzip: „Der Zweck heiligt die Mittel“ huldigten?
Jugendbildungsarbeit bei der ÖTV
1968 wurde ich von Herbert Bienk, Jugendsekretär der ÖTV, zu einem Seminar nach Oberursel geschickt. Die ÖTV wollte angesichts der Jugend- und Studentenunruhen ihre Bildungsarbeit politischer aufziehen. Ich kam mit den Bildungsleitfäden von IG Chemie und IG Metall zurück. Mit drei anderen Kommilitonen (3 SDSler einer im SHB) bildeten wir ein Team, zur Schulung von ÖTV-Jugendlichen. Wir wählten die Lehrlinge der Lufthansa. Wir hätten auch Krankenpflegeschülerinnen schulen können, aber Lufthansa-Lehrlinge war proletarischer. Wir wählten den Leitfaden der IG Chemie, weil der nach unserer Meinung radikaler war als der von der IG Metall. Die Schulung war in Wochenendseminaren oder Wochenseminaren in Undeloh (bei Hamburg). Herbert Bienk und Eckehart Schön, sein Nachfolger ließen uns völlige Freiheit, kontrollierten uns nicht. Eckehart Schön kam abends höchstens rausgefahren, zum Mitzechen im Keller. Die Lufthansa-Lehrlinge, Flugzeugbauer und Flugzeugmechaniker und auch einige Mädchen, technische Zeichnerinnen, waren sehr aktiv und engagiert. Sie kamen nicht nur bei den Seminaren in Undeloh zusammen sondern trafen sich regelmäßig im Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof.
Wir „teamer“ hatten die Idee im Kopf, daß aus der Gruppe der Lufthansa-Lehrlinge ein Arbeitsfeld beim Sozialistischen Büro (Offenbach) werden sollte. Dazu nahmen wir Kontakt zu Edgar Weick (Volkshochschule Falkenstein) auf, fuhren dorthin, er besuchte uns in Hamburg. Wir nahmen auch Kontakt auf zu Dieter Brumm, der Spiegel-Redakteur gewesen war und danach an der Uni war als Dozent. Aber die Lehrlinge machten uns einen Strich durch unsere politische Rechnung. Sie nahmen sich uns „teamer“ als Vorbild und schlugen fast alle den 2. Bildungsweg ein! Sie nahmen ein technisches Studium auf oder gingen auf die HWP.
Unsere Teamerei mit den Lufthansa-Lehrlingen dauerte etwa zweieinhalb Jahre. Ich fing nach der HWP-Zeit als Volontär bei dpa an, die anderen verzogen in andere Städte. Unsere Nachfolger als teamer, auch in anderen Berufsbereichen, wurden Studenten, die in der DKP waren oder Trotzkisten. Während wir noch kritisch den Gewerkschaftsführungen gegenüber eingestellt waren, aber trotzdem lange Leine bekamen, waren die Trotzkisten und DKP´ler freiwillig voll auf Gewerkschaftslinie.
Viele Jahre bei der arpo (Gruppe Arbeiterpolitik)
Durch einen SDS-Genossen aus Kiel, der mit der Geschichte der Arbeiterbewegung vertraut war, hörte ich von der KPD-O und ihrer Nachfolgeorganisation Arbeiterpolitik (Arpo) mit einer Gruppe in Hamburg. Die KPD-O war 1929 entstanden durch ehemalige führende Mitglieder der KPD, wie Heinrich Brandler und August Thalheimer (bis 1924 Parteivorsitzende der KPD), die die Partei verließen oder ausgeschlossen wurden. Sie wollten in Opposition zur offiziellen Parteilinie der RGO-Politik, der Sozialfaschismustheorie und der Bolschewisierung diese wieder auf den früheren
Kurs bringen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei-Opposition
Nach dem Sammeln der Genossen nach Kriegsende und der Rückkehr von Heinrich Brandler aus der Emigration nannte sich die Organisation nicht wieder KPD-O, das wäre politische Hochstapelei angesichts der Größe gewesen sondern Gruppe Arbeiterpolitik.
Mit vier SDS-GenossInnen besuchten wir Pep Bergmann, (unter Druckern und Setzern Jupp genannt) dem Mitbegründer der Arbeiterpolitik nach dem Krieg. Diese Gruppe war gegen den Einmarsch der sowjetischen Truppen in die CSSR. Das entsprach meinem Verständnis von Kommunismus, daß Differenzen durch Diskussionen zu lösen sind aber nicht militärisch. Ab 1970 wurde ich dort Mitglied. Mitglied sein hieß nur: Grundsätzliche politische Übereinstimmung, Aktiv sein und Beitrag zahlen. Sowas wie Sympathiesanten-Zeiten gab es nicht.
Es war eine kleine Gruppe. Heinrich Brandler war 1967 gestorben, seitdem war Pep die selbstverständliche Leitfigur. Er hatte schon die Weimarer Zeit politisch aktiv miterlebt, hatte Glück, noch nach Schweden emigrieren zu könnten und kam 1946 von dort zurück.
Infos zu Josef (Pep) Bergmann:
https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Bergmann_(Gewerkschafter)
Klaus L. , der in Frankfurt im SDS gewesen war, kam nach Hamburg und wir waren die ersten Jüngeren in der Arpo. Es war eine reine ArbeiterInnenorganisation. Etliche Setzer und Drucker, die als Lehrlinge in den 1950er Jahren zur Gruppe gekommen waren. Dann, ab Anfang der 70er Jahre, kamen weitere Lehrlinge aus dem graphischen Gewerbe dazu. Dann auch etliche junge GenossInnen, die vorher in anderen Gruppen gewesen waren, im KB, in der KPD/ML. Ich hatte vorher Pep gedrängt, daß wir bei DKP und den anderen kommunistischen Gruppen mehr Propaganda für die Arpo machen sollten. Weil die KPD-O doch historisch Recht gehabt hatte, mit der Kritik an der Sozialfaschismus-Theorie und der RGO-Politik der KPD in der Weimarer Zeit. Auch mit der Praxis der Arpo bei den erfolgreichen Kämpfen in Salzgitter gegen die Demontage der „Reichswerke“. Die KPD und die SPD hatten diese Kämpfe nicht unterstützt, die KPD wegen ihrer Abhängigkeit von Moskau, die SPD wegen ihrer Westbindung. Und wegen der vorbildlichen Praxis der Arpo-Gruppe bei Klöckner-Stahl in Bremen und bei den Straßenbahnaktionen in Bremen. Pep entgegnete mir dann: Laß man, die kommen von selbst! Damit schien er Recht zu behalten. Aber die Gruppe Arbeiterpolitik in Hamburg entwickelte sich nicht zu einer der größeren Organisationen wie der KB (Kommunistischer Bund) oder die DKP, sie hatte auch zu ihren Hochzeiten in der 70er Jahren nur einige Dutzend Mitglieder.
Auch in der Arpo bildete sich ab, daß viele junge Leute aus politischer Überzeugung „in die Betriebe gingen“. Sehr gut wird das von Jan Ole Arps in seinem Buch beschrieben: „Frühschicht“. Für mich traf dieser Weg nicht zu. Ich kam ja nicht aus der Ober- oder Mittelschicht, ich kannte das Leben „ganz unten“. Durch meine Mutter hatte ich mitbekommen: Du sollst es mal besser haben als wir, geh du mal ins Büro. Das hatte ich mit meiner Berufswahl ja getan. Und ich kannte auch die harte Arbeit auf dem Felde, hatte als Jugendlicher, um etwas Geld zu haben, 10 Stunden Rüben
gepflanzt und Kartoffeln gesammelt. Und ich hatte die harte Arbeit der Weber, Färber, ZwirnerInnen, SpinnerInnen durch ein halbes Jahr während der Lehrzeit in der Tuchfabrik kennengelernt. Der Weg ins Proletariat bedeutete für mich also: Ins Angestelltenproletariat, oft mit Einzelbüro, mit Telefon am Arbeitsplatz, mit Schreibmaschine. Diese Privilegien habe ich dann später (Tippen während der Arbeitszeit und telefonieren) für gewerkschaftliche und politische Zwecke genutzt.
In den Jahren bei der Arpo haben wir Jüngeren Prägendes gelernt von den etwas Älteren, schon länger im Beruf Stehenden und die schon länger in der Gruppe waren. Die Mitglieder der Gruppe trafen sich alle 14 Tage. Bundesweit gaben wir eine vierteljährliche Zeitung heraus, für die viel Arbeit in Hamburg geleistet wurde. Am meisten haben wir alle gelernt von Pep Bergmann, der schon die Weimarer und Nazi-Zeit mitgemacht hatte und bis 1946 nach Schweden emigrieren mußte. Nach dem Krieg arbeitete er als Drucker. Ich erinnere mich an eine Mitglieder- und Delegiertenversammlung der Gewerkschaft Druck und Papier. Es waren etwa 400 KollegInnen erschienen, es ging um den Ausschluß von 11 KollegInnen. Was war geschehen? Einige KollegInnen hatten sich in einem Lokal getroffen, um über die Tarifrunde zu diskutieren. Der Vorstand, mit dem Vorsitzenden Heinz Wolf und seinem Stellvertreter Günter Metzinger schloß daraufhin alle Mitglieder aus, die in K-Gruppen waren und an dem Treffen teilgenommen hatten.
Die Satzung war so, daß der Vorstand Mitglieder ausschließen konnte und weder die Delegierten- noch die Mitgliederversammlung zu fragen brauchte. Der Druck war so groß, daß diese Mitglieder- und Delegiertenversammlung einberufen wurde.
Heinz Wolf begründete den Ausschluß, daß „diese Söhne und Töchter gutbetuchter Eltern nicht in unsere Reihen gehörten“. Danach sprach Pep Bergmann. Er erinnerte Heinz Wolf daran, daß an der Wiege der Arbeiterbewegung Friedrich Engels gestanden habe, buchstäblich ein Sohn gutbetuchter Eltern. Wir sollten froh sein über jeden, der unsere Reihen stärkt, egal wo er herkommt. Mit seiner flammenden und empörten Rede hatte Pep genau den Nerv der KollegInnen getroffen, ihr Solidaritäts- und Kollektivitätsgefühl und die Abneigung gegen eine Spaltung. Ich habe nie wieder
einen derartig stürmischen Beifall auf einer Gewerkschaftsversammlung erlebt!
Die Ausgeschlossenen, die schon nicht mehr an der Versammlung teilnehmen durften, wurden natürlich trotzdem nicht wieder aufgenommen – Satzung ist Satzung.
Pep erhielt seinen Beifall von fast allen im Saal, bis auf ein paar SPD- und DKP-Kollegen. Die DKP-Kollegen kamen aus dem Druckhaus von Springer. Ich kann mir die Vasallentreue der DKP-Kollegen zum Vorstand nur so erklären, weil das Parteilinie war. Einige waren als Kader der Partei entsprechend geschult worden. Bei dieser Schulung spielte die Politik der KPD in der Weimarer Zeit ein große Rolle, als die Partei mit ihrer RGO-Politik und der Sozialfaschismustheorie die Spaltung der Arbeiterbewegung, zusammen mit der SPD, bewirkt hatte. Mit dem Ergebnis, daß die
Nazis an die Macht kamen. Dieser Fehler sollte nicht wieder passieren, daher die Vasallentreue!
Kurios war, daß ich 13 Jahre später aus demselben Grund, der Intervention der sowjetischen Truppen in ein Nachbarland, aus der Arpo wieder ausgetreten bin. Der Genosse Bergmann vertrat den Standpunkt, und keiner widersprach ihm, daß der Einmarsch der sowjetischen Truppen in
Afghanistan gerechtfertigt war, nur so könne der Kommunismus dort verteidigt werden. Es waren noch weitere Differenzen bei mir zur Linie der Gruppe Arbeiterpolitik sichtbar geworden: In der Gewerkschaftsfrage. Einigen war ich zu „linksradikal“. Außerdem wurden einige aus der Gruppe, die aktiv in Anti-AKW-Initiativen waren, schief angesehen: „Dazu habt ihr auch noch Zeit“?
Aus unterschiedlichen Gründen verließ dann 1982 eine ganze Anzahl der Jüngeren die Arpo. Für mich war die Arpo für einige Jahre, bis dann ab 1980 die Dissonanzen auftraten, eine politische Heimat gewesen: „Hier bin ich richtig“.
Was ich in der Arpo gelernt habe: Dort gab es keine sektiererische Haltung anderen Gruppen/Parteien gegenüber. Im Gegenteil, wir gingen offen auf die GenossInnen zu, der gemeinsamen Sache, des gewerkschaftlichen Kampfes in den Betrieben wegen. Oft stießen wir aber auf Desinteresse oder auf eine unkritische Haltung gegenüber den sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaftsführungen, so besonders bei der DKP. Weitere zentrale Punkte bei der Arpo waren das Einmischen und die Solidarität bei Betriebskämpfen, überall in der BRD, soweit die Kapazitäten reichten. In der Arpo war es verpönt, im Betrieb Karriere zu machen und sich dadurch von den KollegInnen zu entfernen. Selbst der Betriebsratsjob wurde hinterfragt: Hast du die KollegInnen hinter dir, wirst du nicht zum Stellvertreter, entfernst du dich bei Freistellung nicht von den KollegInnen?
Das waren Grundsätze, die mich für immer prägten.
Meines Erachtens wurde zu wenig Schulung in Gruppen gemacht. Das wurde ersetzt durch Pep, der auf den Gruppenabenden jedes Mal mehrere Beiträge hielt. Außerdem gab die Arpo Broschüren raus, die meisten geschrieben von August Thalheimer und Heinrich Brandler. Es war quasi Pflicht,
die zu lesen. Auch nach dem Ausscheiden aus der Gruppe Arbeiterpolitik gab es kein unfreundliches Verhältnis zu den Dabeigebliebenen.
Plenum Thadenstr.
Nach der Arpo war ich von 1983 bis 1991 bei der Fachgruppe Betrieb und Gewerkschaft der GAL (zusammen mit einigen ehemaligen Genossen aus der Arpo), die sich bald in Plenum Thadenstr. umbenannte. Alle waren gewerkschaftlich aktiv. Bis 1991 als wir uns auflösten. Im Plenum Thadenstr. sammelten sich KollegInnen, die in verschiedenen Organisationen gewesen waren: DKP, Arpo, Trotzkisten, KPD, Anti-AKW-Inis.
In der Thadenstr. in einem Hinterhof mieteten wir einen Raum, als erstes wurde eine Theke gebaut. Außerdem hatten wir einen großen Tisch mit über 20 Plätzen. Mit im Hinterhof hatten die Jobber ihren Raum, auch Fritz Storim mit seiner Sabot-Gruppe (Anti-AKW), das MPZ (medienpädagogisches Zentrum) und die „Alternative“ von der HHLA. Wir waren eine fröhliche Gesellschaft und im Sommer saßen wir oft draußen im Innenhof. Unser politischer Anspruch war, in den Gewerkschaften zu arbeiten aber auch Kontakt zu Jobbern und prekär Beschäftigten zu haben. Wir fabrizierten ein paar mal eine Zeitung und gaben eine Broschüre heraus: „Maschinenstürmerei und Sabotage. Produzenten in der Verantwortung.“
Während des Böhringer-Skandals verteilten wir dort Flugblätter vor dem Tor. Von vielen KollegInnen wurden wir nicht angeguckt, sogar angespuckt.
Nachdem sich das „Plenum Thadenstr.“ 1991 aufgelöst hatte, war ich bis 2005 in keiner politischen Organisation. PDS, WASG oder Linkspartei kamen für mich nicht infrage.
Ich hatte fünf Berufe und 13 Arbeitsplätze
Insgesamt habe ich fünf Berufe und 13 Arbeitsplätze gehabt, von 6 Monaten bis 10 Jahre.
Nach der Lehrzeit, Bundeswehr und HWP war ich Redakteur bei der dpa. Dann hatte ich bis 1976 verschiedene Jobs wie ein Jahr in einem heilpädagogischen Kinderheim, Korrektor bei einem kleinen Verlag, Buchhalter bei der Morgenpost. Von 1976 bis 1980 dann im Rechnungsbüro des AK
Barmbek. Zu jedem Arbeitsverhältnis könnte ich viel schreiben. Aber hier eine Anmerkung zu meiner Arbeit im AK Barmbek, weil sie für mich politisch besonders lehrreich waren. Ich hatte ein Bürozimmer mit Frau R., sie ihr Mann und ihr Vater waren aktiv gewesen in der ab 1953 illegalen KPD. Da war gleich ein offenes und Vertrauensverhältnis. Unsere Arbeit war schon halb elektronisch, die Aufnahme der Daten der PatientInnen und die Abrechnung mit den Krankenkassen. Im AK Barmbek waren damals etwa 1.200 Beschäftigte. Es waren etliche kommunistische Gruppen und Parteien vertreten. Am größten war die Betriebsgruppe der DKP. Es gab auch einige GenossInnen, die im KB, dem KBW und der KPD waren und beim Sozialistischen Büro. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu fast allen von ihnen. Sie kamen öfter in mein Bürozimmer, sie konnten offen sprechen, Frau R war auf unserer Seite.
Die DKP-Betriebsgruppe bestand aus Krankenschwestern, Ärzten, Transportfahrern, Heizern. Krankenschwestern waren natürlich in der Mehrzahl. Ich nahm an einigen Treffen der Betriebsgruppe teil, schrieb auch für ihre Betriebszeitung, fuhr auch mit an einem Wochenende in
den Bezirk Rostock zur Besichtigung medizinischer und sozialer Einrichtungen.
Da ich bei der arpo war, gab es einen Betriebsgruppenabend zur Politik der KPD in der Weimarer Zeit, gekommen war auch Thomas F, der zuständige Parteisekretär. Er verteidigte die Politik der KPD mit der Politik der Sozialfaschismustheorie, der Bolschewisierung der Partei, der RGO, gestand aber gleichzeitig ein: Ja, es sind damals Fehler gemacht worden. Die wurden aber 1935 korrigiert.
Untereinander waren die Gruppen eher distanziert. Und feindlich gegenüber der DKP, die für sie „Revisionisten“ waren.
Es war nicht möglich, die Gruppen zusammen zu kriegen, damit sie gemeinsam Politik machten gegen die Krankenhausleitung und die AfA, denn schon damals waren die Arbeitsverhältnisse im medizinischen Bereich alles andere als ideal. So behielt die AfA (Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD) gewerkschaftlich die Oberhand – mit Unterstützung durch Betty Lübke, der Gewerkschaftssekretärin der ÖTV. Es wurde sogar eine KBW-Genossin, die „rote Elisabeth“, eine Krankenschwester, aus der ÖTV ausgeschlossen und dann auch entlassen. (Später wieder eingestellt). Wir konnten das wegen unserer Uneinigkeit nicht verhindern.
Danach war ich zehn Jahre beim Arbeitsamt Hamburg als Hauptvermittler, ging danach Ende 1990 nach Berlin, arbeitete in einer gewerkschaftlichen Beratungstelle in Ostberlin, danach ab 1993 in einer Einrichtung zur Förderung benachteiligter Jugendlicher in Schwerin. In Berlin und Schwerin waren meine ArbeitskollegInnen DDR´lerInnen. Es war für mich eine nützliche Erfahrung, ihre Schicksale und Mentalitäten kennen zu lernen. Es waren meist qualifizierte fachliche Kader in DDR-Zeiten, jetzt waren sie froh, für 2 Jahre einen gut bezahlten ABM-Job zu haben.
Ich ließ mich zum frühest möglichen Termin verrenten, mit 60 Jahren.
Dieser buntgescheckte Lebenslauf war in den 60er bis 80er Jahren noch eher ungewöhnlich, die Regel war, daß viele den einmal erlernten Beruf bis zur Rente ausübten, oft in derselben Firma.
Rückblickend sehe ich es aber als Vorteil, in so vielen Firmen und Branchen gearbeitet und Einblick bekommen zu haben.
Was der SDS für mich bedeutete:
Wenn von den 68er geredet wird, halte ich das für eine eingebürgerte, aber falsche Jahreszahl. Für mich beginnt alles 1966, mit der Großen Koalition. Die APO entstand direkt nach der Großen Koalition weil die parlamentarische Opposition, die SPD, weggefallen war.
Und wenn danach immer von der Studentenbewegung geredet wurde, war das auch nur halb richtig. Denn die Mehrzahl, die damals auf die Straße gingen, waren nicht StudentInnen sondern Jugendliche aus dem Arbeiter- und Angestelltenmilieu. Das stellte der junge Historiker David Templin fest, als er in einer Arbeit über die Hamburger Lehrlingsbewegung untersuchte, wer von den DemonstrantInnen, die von der Hamburger Polizei festgenommen wurde, StudentInnen und wer Arbeiterjugendliche waren. Die StudentInnen waren in der Minderheit! Im Focus der Medien waren natürlich die Gesichter von bekannten Studenten wie Rudi Dutschke, Karl Heinz Roth.
Der Höhepunkt der Jugend- und Studentenrebellion war 1967.
Noch heute ist mir sehr präsent, was für eine Stimmungsänderung, von angepaßt auf kritisch, unter den Studenten und Jugendlichen innerhalb von wenigen Monaten eintrat. Nicht nur die Kleiderordnung änderte sich blitzschnell, es entstand eine Grundeinigkeit, fast alle waren empört
über den Vietnamkrieg der USA, Antifaschismus wurde zum Thema.
Viele meiner GenossInnen, denen ich begegnet bin, sind nicht unpolitisch oder gar rechts geworden, haben aber resigniert, glauben nicht mehr an eine mögliche Gesellschaftsveränderung Richtung Kommunismus. Dadurch, daß ich den Aufbruch der Studenten und eines Teils der Jugendgeneration
nach der Großen Koalition 1966 erlebt habe, bin ich nie in diese Resignation verfallen. Ich habe immer gedacht, das kann sich wiederholen. Auch die Rebellion ab 1966 kam absolut überraschend für die Herrschenden. Der Soziologe Helmut Schelsky hatte noch 1957 ein Buch über die Jugend
geschrieben: Die skeptische Generation. Und sie als entideologisiert, antiidealistisch, unpolitisch bezeichnet!
Und als vor zwei Jahren die Gelbwesten wie aus dem Nichts auftauchten, das Regime Macron erschütterten, sich mit den ArbeiterInnen im Kampf gegen die Rentenkürzungen verbanden, war das eine Bestätigung für mich, daß es auch Erfolge und nicht nur Niederlagen im Kampf gegen den
Kapitalismus gibt. Und sehr ermutigt hat mich auch die Bewegung von Fridays for Future, trotz aller ihrer Widersprüche. Wer hätte 2018 gedacht, daß ein paar Monate später eine so starke Bewegung einen großen Teil der Jugend erfaßt?
Und auf mich selbst bezogen, denke ich: Kann ich aufhören politisch aktiv zu sein angesichts der gegenwärtigen schlimmen ökonomischen, sozialen, klimatischen Zustände, wo ich doch Anfang der 60er Jahre begann politisch aktiv zu werden, wo die Welt, trotz kaltem Krieg, noch heil zu sein schien in der Periode des „Wirtschaftswunders“ und es mir „nur“ um mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft ging? Weshalb ich damals ja in SPD, Jusos, ÖTV eingetreten war.
Es war richtig, aus der SPD ausgeschlossen zu werden und aus SDAJ und Arpo rausgegangen zu sein – und nicht aus falscher Treue, Bequemlichkeit oder illusionärer Hoffnung auf Änderung der Organisation drin zu bleiben. Wichtiger ist, seinen Auffassungen treu zu bleiben, die Situation zu reflektieren. Nur dadurch ist man offen für Neues, auch organisatorisch Neues.
Von 1991 bis 2005 war ich in keiner Organisation. In dieser Zeit traf ich mich oft mit alten FreundInnen/GenossInnen zu langem Austausch über die gewerkschaftliche und politische Situation.
Ich bedaure, daß die SDS-GenossInnen 1970 auseinander gegangen sind, sich von ihren antiautoritären Auffassungen gelöst haben und sich in Parteien mit autoritärem Anspruch und Verhalten eingereiht haben. Für mich ist das eine Regression der Bewegung. Aufgesplittert in viele K-Parteien, Trotzkisten und DKP bekämpften sie sich oft in Betrieben, lachender Dritter war die AfA der SPD – von den Geschäftsleitungen ganz abgesehen. Die Unterordnung unter ihre stalinistische/leninistische/trotzkistische/maoistische Linie war ihnen wichtiger als die wirkliche Bewegung in den Betrieben und in der Gesellschaft zu unterstützen.
Ich habe in den letzten 20 Jahren viele GenossInnen kennengelernt oder wieder getroffen, die sagten, daß sie in ihrer Zeit in einer kommunistischen Organisation viel gelernt hätten und diese Zeit nicht missen möchten, aber wegen autoritärer Züge rausgegangen seien, oder ausgeschlossen
wurden, weil sie nicht mehr auf Linie waren.
Aus Erfahrungen lernen: Jour Fixe Gewerkschaftslinke
2005 beschlossen ein Freund und ich, in Beobachtung der Folgen des Agenda-Gesetzes der Schröder-Fischer Regierung auf das Bewußtsein vieler KollegInnen, einen ständigen gewerkschaftlichen Diskussionskreis zu gründen, unabhängig von Gewerkschaften und Parteien. In der Vorbereitungsgruppe waren wir zu viert, drei RentnerInnen und ein Berufstätiger. Wir nannten den Kreis Jour Fixe Gewerkschaftslinke, in Erinnerung an die vielen Jour Fixes, die es in der „68er“ Bewegung gab.
Das Jour Fixe hat mehrere „Arme“, einmal die regelmäßigen monatlichen Treffen. Die sind quasi ein linksöffentliches Forum mit Informations- und Diskussionsveranstaltungen.
Dann das Jour Fixe Info, das vier mal im Monat verschickt wird.
Der Hauptzweck ist die Unterstützung von Betriebskämpfen. Während die Erfahrung im Berufsleben auf den eigenen Betrieb oder sogar nur auf die eigene Abteilung beschränkt ist, bekamen wir durch unser Einmischen und Unterstützung der Betriebskonflikte sehr gute Einblicke in das Arbeitsleben. Außerdem in das Verhalten von Hauptamtlichen der Gewerkschaft und positives, aber auch übergriffiges Verhalten von linken Gruppen.
Unser Ziel ist es, daß sich in Betrieben selbstbewußte, eigenständige, dem Gewerkschaftsapparat gegenüber kritische Gruppen bilden. Wir sehen die Organisierung der KollegInnen in einer DGB-Gewerkschaft, trotz der Festlegung der Führungen und großer Teile des Apparates auf die Ideologie
der Sozialpartnerschaft, als notwendig an. Weil es notwendig ist ein Kollektiv zu sein, beim großen Haufen zu sein. Alle KollegInnen, die anfangen sich zu wehren gegen die Maßnahmen der Kapitalisten, haben nicht nur diesen als Gegner, sondern oft Co-Manager aus den eigenen
Betriebsrats-Reihen und sozialpartnerschaftlich eingestellte Funktionäre von DGB-Gewerkschaften.
Oft kümmern sich DGB-Gewerkschaften sich nicht um Arbeitskämpfe, und Gruppen wie die FAU sind am Ball und leisten Unterstützung! Das begrüßen wir.
Unser Anspruch und Praxis ist es, Bewegung in den Betrieben und auf der Straße zu unterstützen. Kontakte zu schaffen und zu vernetzen, um eine Opposition aufzubauen innerhalb und außerhalb der DGB-Gewerkschaften.
Wer mehr über uns wissen will, besuche unsere Seite im Internet.
In unserem Selbstverständnispapier ein Überblick über unsere Praxis:
Link: https://gewerkschaftslinke.hamburg/ueberuns/
Qualifizierte Vernetzung – die richtige Form für den Klassenkampf heute!
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2019/06/22/qualifizierte-vernetzung-die-richtige-form-fuer-den-klassenkampf-heute/
Aus unserer Praxis heraus haben wir drei Bücher herausgegeben:
Der Neupack-Streik:
https://diebuchmacherei.de/category/9-monate-streik-bei-neupack/
2 Tönnies-Bücher:
https://diebuchmacherei.de/de_de/produkt/das-schweinesystem/
https://diebuchmacherei.de/de_de/produkt/ist-das-system-toennies-passe/
Dieter Wegner, Oktober 2020 (ergänzt Dezember 2025)