Rede von Brigitte Domes bei der Trauerfeier zu Rolf Becker am 7.1.26
Ich vermisse Rolf, nicht nur den politischen Mitstreiter, sondern auch den Menschen im Alltag. Und da fallen mir nicht nur seine klugen, begeisternden Reden und Lesungen ein, mit denen er scheinbar Vergangenes in die Gegenwart holte, sondern auch so etwas Banales wie Stachelbeertorte mit Baiserhaube oder kleine Himbeertörtchen mit Sahne oder laue Sommerabende auf der Terrasse eines griechischen Lokals in Welle oder bei gutem Wein in eurem schönen Heidegarten.
Rolf konnte auch das Leben genießen und andere gerne daran teilhaben lassen. Wenn ich an Rolf denke, denke ich auch an dich, Sylvia, denn ohne deine Unterstützung, ohne deine Bereitschaft, Rolf immer den Rücken freizuhalten und ohne deine Kritik und Ermutigung hätte Rolf niemals sein leidenschaftliches politisches Engagement aufrechterhalten können.
Und ich denke mit Rührung daran, dass Rolf die Jacke meines verstorbenen Mannes immer wieder bei Lesungen getragen hat, auch als Wertschätzung für eine Männerfreundschaft, in der zwar die Diskussion über die weltpolitische Lage, die Planung einer Russlandreise einen großen Stellenwert hatte, aber eben auch die Kommentierung der neuesten Fußballergebnisse.
Ich habe auch einen Rolf kennengelernt, der neben seinem oftmals kämpferischem Optimismus sehr viel eigene Leiderfahrungen und Trauer in sich barg und dessen politisches Engagement nicht nur auf den marxistischen Erkenntnissen über das Wesen unserer Gesellschaftsordnung beruhte, sondern auch auf der Sorge um die Zukunft der eigenen Kinder wie auch aller Kinder dieser Erde, angesichts der sich zuspitzenden imperialen Konkurrenz, der von Menschen gemachten Naturkatastrophen, der immer brutaleren Kriege, der Militarisierung unserer eigenen Gesellschaft – da war auch die Angst vor der noch größeren Apokalypse – die Zerstörungen, die vielen Toten und vor allem das Leid der Kinder in Gaza waren für Rolf wie ein Menetekel. Den amerikanischen Militärangriff auf Venezuela hat Rolf nicht mehr erlebt, aber er hätte mit Sicherheit gewarnt: Der nächste Schlag geht vielleicht gegen Kuba und dann? Er hätte auch gefragt: Und was können wir tun, um diese Barbarei aufzuhalten?
Ich kenne Rolf seit über 40 Jahren aus dem Zusammenhang der Gruppe Arbeiterpolitik, die in der Tradition der KPO steht, verbunden mit den Namen Thalheimer und Brandler, aber auch mit Josef Bergmann, Kommunist, Antifaschist und Gewerkschafter, an dem er sich politisch orientiert hat.
Rolf wusste vor seinem Tod, dass er in unmittelbarer Nähe von Brandler und Josef Bergmann und seiner Frau Herma beerdigt werden würde. Das hat ihn gefreut!
Ich habe ihn einmal gefragt, welche Bedeutung die Gruppe für ihn hatte. Er hat mir gesagt: „Sie hat mich geerdet“. Gemeint hat er damit die Zusammenarbeit mit GewerkschafterInnen, mit Hafen – und Werftarbeitern, mit Kollegen aus Stahlwerken, mit Druckern und Setzern, mit Frauen und Männern aus der arbeitenden Bevölkerung. In diesem Zusammenhang bekamen auch seine umfassenden Kenntnisse der Literatur, seine Schauspielkunst eine neue Bedeutung: Kunst war nicht mehr Flucht aus der Wirklichkeit oder l`art pour l ´art oder Bestandteil des bürgerlichen Kulturbetriebes, der ihm sowieso nie gefallen hatte, sondern wurde auf Streikversammlungen und bei Widerstandsaktionen zur Mahnung, zur Erklärung, zur Deutung der Gegenwart, zur Ermutigung. Kunst als Teil des Widerstands. So hat er Brecht genutzt, um zu erklären, was für ihn „Klassenstandpunkt“ bedeutet: „ es ist eine Kluft zwischen oben und unten, größer als zwischen dem Berg Himalaja und dem Meer. Und was oben vorgeht, erfährt man unten nicht. Und nicht oben, was unten vorgeht. Und es sind zwei Sprachen – oben und unten. Und was Menschengesicht trägt, kennt sich nicht mehr. Die aber unten sind, werden unten gehalten, damit die oben sind, oben bleiben“
Ein Zitat aus : Die heilige Johanna der Schlachthöfe.
Ohne jeden Zweifel stand Rolf ohne Rücksicht auf die eigene Karriere an der Seite von denen , die unten stehen – die im Widerspruch zu den Herrschenden sind. Das hieß für ihn: konkrete Solidarität mit arbeitenden Menschen, die sich wehren müssen gegen die Angriffe auf ihren Lebensstandard über alle Grenzen hinweg, auch Solidarität mit Obdachlosen, Flüchtlingen, politischen Gefangenen, selbst dann, wenn politische Differenzen bestehen.
Rolf war das Handeln wichtig, nicht nur die Theorie. Ohne praktische Schritte sind Solidarität und sozialistische Überzeugung nur ein Lippenbekenntnis.
Dafür ein weiteres Beispiel:
„Dialog von unten – Statt Bomben von oben“ – Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gegen den Krieg. Dieses Plakat stammt von Rolf. Er hat es getragen, als wir – eine Gruppe von insgesamt zehn Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern – einen Monat nach Beginn des völkerrechtswidrigen Nato-Angriffskrieges auf Serbien in das Kriegsgebiet gefahren sind. Nicht um Milosevic zu unterstützen, sondern um einen Dialog von unten zu führen mit den Kolleginnen und Kollegen, deren Lebensgrundlagen auch durch deutsche Tornados zerschossen wurden.
Und das kam so. Rolf bekam unmittelbar nach Beginn der Angriffe früh am Morgen einen Anruf von Josef Bergmann, Mitglied der Arbeiterpolitik, der übers Radio erfahren hatte, dass das Zastava-Automobilwerk in Kragujevac bombardiert wurde. Seine Aufforderung an Rolf: „Macht was. Wir können doch nicht zulassen, dass die Existenz unserer KollegInnen zerstört wird. Ihr müsst dahin fahren und den Kollegen sagen, dass dieser Krieg nicht in unserem Namen geführt wird.“ Rolf hat mich noch am selben Tag angerufen und gefragt, ob ich mitkommen würde. Ich war zunächst zögerlich, denn schließlich herrschte dort Krieg, jeden Tag fielen Bomben und ich konnte mir nicht vorstellen, dass uns die jugoslawische Seite hineinlassen würde. Aber Rolf hat seine ganze Popularität eingesetzt, um diese Reise zu ermöglichen, er war auch diesmal der „Türöffner“, zu einem Zeitpunkt, als uns viel Widerstand entgegengesetzt wurde, auch von Seiten des DGB, hat er sofort die ersten Schritte eingeleitet: den damaligen jugoslawischen Konsul Milanovic getroffen, über ihn Kontakte zum serbischen Gewerkschaftsbund aufgenommen, der dann den Aufenthalt mit den vielen Kontakten zu Kolleginnen und Kollegen für uns organisiert hat. Und hier zeigte sich eine Eigenschaft von Rolf, die ich immer bewundert habe. Wenn er eine politische Idee für richtig hielt, dann hat er seine ganze Energie dafür eingesetzt, diese auch praktisch werden zu lassen, kein Aufwand war ihm zu groß, kein Weg zu weit. Nach den 6 Tagen im Kriegsgebiet wussten wir, gegen wen dieser Krieg geführt wird. Die Aussagen von Kanzler Schröder und dem damaligen Verteidigungsminister Scharping, dies sei kein Krieg, sondern eine humanitäre Intervention – eine glatte Lüge, erst Recht eine Lüge, die Aussage des damaligen grünen Außenministers Fischer, man wolle ein zweites Auschwitz verhindern. Es gab kein Konzentrationslager in Pristina, es gab keinen Hufeisenplan. Nach den 6 Tagen Aufenthalt in Novi Sad, Belgrad, Kragujevac, Nis und Aleksinac hatten wir mit unseren eigenen Augen die zerstörten Fabriken, Krankenhäuser, Fernsehsender, Schulen, Brücken, Wohnviertel gesehen – ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung, Hauptleidtragende die Frauen, Kinder, Arbeitende und Arme . Im Krieg brennen die Hütten und nicht die Paläste. Das gilt auch für heute.
Deshalb bitte ich euch – auch wenn es sicherlich zwischen uns die eine oder andere politische Differenz gibt:
Lasst uns den Auftrag, den uns Rolf weitergegeben hat, annehmen:
Laut Nein sagen gegen Militarisierung, Kriegshetze und Rechtsentwicklung
Uns an die Seite von Kolleginnen und Kollegen stellen, die den Widerstand gegen Verarmung, Ausbeutung und Unterdrückung aufnehmen – über alle Grenzen hinweg.
Wissend, dass die Grenzen nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten sind.