Liebe Kolleginnen & Kollegen!
Im Aufmacher der heutigen Ausgabe der „junge Welt“ schreibt Jörg Kronauer unter dem Titel „Alte Weltordnung? Schnee von gestern“ auf Seite 1 gegen Ende:
„Bereits am Dienstag hatte Kanadas Premierminister Carney die bislang bemerkenswerteste Rede des diesjährigen WEF gehalten. Carney konstatierte, man erlebe zur Zeit »einen Bruch in der Weltordnung«: »den Beginn einer brutalen Realität, in der die Geopolitik zwischen den Großmächten keinerlei Beschränkungen mehr unterliegt«. Carney räumte ein, die sogenannte regelbasierte Weltordnung habe auf doppelten Standards beruht, mit denen man im Westen kein Problem gehabt habe, solange man ein Profiteur dieser Ordnung gewesen sei. Dies funktioniere nun aber nicht mehr. Mittelmächte wie Kanada müssten sich in einer Welt, in der sie von den Großmächten immer stärker ausgepresst würden, eine eigene, von diesen nicht mehr abhängige Position suchen und sich zusammentun.“
https://www.jungewelt.de/artikel/516072.globale-verwerfungen-alte-weltordnung-schnee-von-gestern.html
Carneys Rede hat international für Aufsehen gesorgt. Der handelspolitische Kommentator der „Financial Times“ Alan Beattie geht in der heutigen Ausgabe des Finanzblattes sogar noch weiter als Kronauer. Er konstatiert: „Es herrscht Einigkeit darüber, dass dies die beste Rede in Davos in diesem Jahr war, vielleicht sogar die beste Rede, die jemals in Davos gehalten wurde, vielleicht sogar das Beste, was jemals in Davos passiert ist…“
Einer der Kernsätze von Carneys Rede lautete schonungslos und dialektisch:
„Wir wissen, dass die alte Ordnung nicht zurückkommen wird. Wir sollten ihr nicht nachtrauern. Nostalgie ist keine Strategie. Aber wir glauben, dass wir aus diesem Bruch etwas Besseres, Stärkeres und Gerechteres aufbauen können.“
Hier zeigt sich einmal mehr, dass ehemalige Zentralbanker zu den klügsten Köpfen gehören, über die die herrschende Klasse im (politischen) Westen verfügt. In Europa ist Mario Draghi ein prominentes Beispiel dafür. Der heute 78jährige ehemalige italienische Regierungschef (von Februar 2021 bis Oktober 2022), der seinerzeit am Parlament vorbei von Staatspräsidenten Sergio Mattarella als Chef einer Notstandsregierung ins Amt gehieft wurde, war zuvor Gouverneur der Banca d’Italia (Januar 2006 bis Oktober 2011) und Chef der Europäischen Zentralbank (November 2011 – Oktober 2019). Er gilt der Bourgeoisie wegen seiner Geldpolitik als EZB-Chef auch als „Retter des Euro“. Vor wenigen Tagen wurde ihm der Aachener Karls-Preis verliehen, weil er „Großes für Europa geleistet“ habe.
https://de.wikipedia.org/wiki/Mario_Draghi
Der 60jährige Marc Joseph Carney war von 2008 bis 2013 Gouverneur der Bank of Canada und von 2013 bis 2020 als erster Ausländer Chef der Bank of England. Am 9. März 2025 wurde er zum Vorsitzenden der Liberalen Partei Kanadas gewählt und am 14. März 2025 als kanadischer Premierminister vereidigt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Mark_Carney
Nach seiner Rede am Dienstag in Davis fragten sich viele ehemalige hochrangige Diplomaten und führende Kommentatoren, was darauf nun konkret folgen wird und wie realistisch ein radikaler Kurswechsel Kanadas als Reaktion auf die Politik der Trump-Administration ist. Immerhin droht „The Donald“ ja auch ganz offen mit der Eingemeindung des Nachbarlandes. Kluge Köpfe und schöne Reden mit schonungslosen Analysen sind eine Sache, die tatsächliche Umsetzung einer alternativen Strategie hingegen etwas ganz anderes.
Das gilt nicht nur für die ehemalige selbst ernannte „moralische Supermacht“ mit dem Ahornblatt in der rot-weißen Flagge, sondern auch für die EU und das übrige „NATO-Europa“, wie es neuerdings häufig genannt wird. Das Kapital und seiner politischen Geschäftsführer in Brüssel, Berlin, Paris, London, Rom, Warshau, Madrid & Co. stehen bekanntlich vor ähnlichen Problemen wie die Regenten in Ottawa.
Interessante Einschätzungen dazu liefern der folgende Kommentar von Alan Beattie aus der „Financial Times“ von heute und der Online-Bericht der Nachrichtensendung der öffentlich-rechtlichen kanadischen Rundfunk- und Fernsehanstalt „CBC“ weiter unten, die wir für Euch übersetzt haben.
Mit solidarischen Grüßen,
Gewerkschaftsforum Hannover
Zitate aus der „Financial Times“ vom 22. Januar 2026
Carneys neue Weltordnung erfordert einen enormen Wandel im politischen Willen
Die vom kanadischen Premierminister geforderte Diplomatie der Mittelmächte erfordert, dass Regierungen sich von innenpolitischen Zwängen befreien.
Es herrscht Einigkeit darüber, dass dies die beste Rede in Davos in diesem Jahr war, vielleicht sogar die beste Rede, die jemals in Davos gehalten wurde, vielleicht sogar das Beste, was jemals in Davos passiert ist, wenn man bedenkt, dass dort traditionell so wenig Substanzielles passiert.
Der kanadische Premierminister Mark Carney warnte eindringlich, dass mittelgroße Länder ein flexibles und vielschichtiges System schaffen müssen, um die zusammengebrochene, von den USA geprägte, Weltordnung zu ersetzen.
(Übersetzung: Gewerkschaftsforum Hannover)
Zitate aus „CBC News“ vom 20. Januar 2026
Hat Carney gerade eine massive Veränderung in der Ausrichtung der kanadischen Außenpolitik angekündigt?
Der Premierminister sagte, die alte, auf Regeln basierende internationale Ordnung sei vorbei – und sei eine Art Trugbild gewesen.
Premierminister Mark Carney sorgte am Dienstag in der Schweiz mit seiner schonungslosen Einschätzung der aktuellen Weltlage für Aufsehen. Auf der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos sagte Carney, dass die alte Weltordnung nicht nur vorbei sei und „nicht zurückkommen“ werde, sondern dass sie von Anfang an eine Illusion gewesen sei.
„Wir wussten, dass die Geschichte der internationalen, regel-basierten Ordnung teilweise falsch war. Dass sich die Stärksten ausnehmen würden, wenn es ihnen passte. Dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und wir wussten, dass das Völkerrecht je nach Identität des Angeklagten oder des Opfers mit unterschiedlicher Strenge angewendet wurde”, sagte der Premierminister.
Senator Peter Boehm, ein ehemaliger Diplomat, sagte in der „CBC“-Sendung „Power & Politics“, dass Carneys Äußerungen die „bedeutendsten“ seien, die ein kanadischer Premierminister seit Louis St. Laurent getätigt habe. St. Laurent war damals Minister für auswärtige Angelegenheiten und hatte 1947 die außenpolitische Ausrichtung Kanadas nach dem Zweiten Weltkrieg dargelegt. „[St. Laurent] legte die Parameter der damaligen regelbasierten Weltordnung fest … und es ist, als wäre die heutige Rede von Premierminister Carney eine Art Buchstütze dafür“, sagte Boehm gegenüber dem Moderator David Cochrane. „Es ist fast 80 Jahre her. Wir müssen jetzt anders denken, und er hat alle Gründe dafür geliefert.“
(Übersetzung + Hervorhebungen: Gewerkschaftsforum Hannover)
Englischer Originaltext:
https://www.cbc.ca/news/politics/mark-carney-davos-speech-foreign-policy-9.7053937