EX GKN ist rekordverdächtig: Längste Betriebsversammlung und größter Kampfgeist

Seit viereinhalb Jahren kämpft das Fabrikkollektiv ex GKN (Florenz) gegen die Vernichtung von Arbeitsplätzen und für die erste sozial integrierte Fabrik in Italien. Es ist ein Kampf, der schon heute Geschichte geschrieben und in Europa als Role Model für eine sozial-ökologische Transformation gehandelt wird.
Was ist das Besondere?
Seit rund 1.670 Tagen hält das Fabrikkollektiv ex GKN in dem ehemaligen Autozuliefererbetrieb GKN eine permanente Betriebsversammlung ab.
In dieser Zeit hat das Kollektiv einen Geschäftsplan für die erste öffentliche sozial integrierte Fabrik entwickelt, die ökologisch nachhaltig und gemeinwohlorientiert Lastenräder und Photovoltaikmodule statt Antriebswellen produzieren will.
Um dieses Projekt umzusetzen, hat das Kollektiv die Genossenschaft EX GKN FOR FUTURE (GFF) gegründet. An GFF halten die Arbeiter*innen Anteile und haben ein besonderes Stimmrecht. Weitere Anteile halten soziale und politische Bewegungen sowie Organisationen, Initiativen und Vereine der Klimagerechtigkeitsbewegung aus Italien, Frankreich, Großbritannien, Spanien, der Schweiz, Österreich und Deutschland. Laut Bekundungen beträgt diese Volksbeteiligung circa 1,5 Millionen Euro. Hinzu kommen Großinvestoren wie die Banca Etica mit 2,5 Millionen Euro und sogenannte Social Impact Investoren.

Das Kollektiv hat mit einer Initiative für ein Gesetz erreicht, dass dieses im Regionalparlament in Florenz Ende 2024 verabschiedet wurde. Laut dem Gesetz kann ein Industriekonsortium zur Reindustrialisierung brachliegender Fabriken eingesetzt werden. Seit Sommer 2025 besteht dieses Industriekonsortium, das die GKN-Fabrik der Arbeitergenossenschaft GFF übertragen könnte.
All das hat das Kollektiv erreicht, obwohl die Arbeiter*innen 15 Monate lang keine Gehälter bekommen haben. Mit Spenden und Crowdfundingkampagnen haben sie ihren Kampf finanziert.
In diesen viereinhalb Jahren haben sie die Öffentlichkeit mobilisiert, über Bedingungen der Arbeiterklasse informiert und Lösungen für eine andere Form von Arbeit und Produktion im Sinne des Klimaschutzes aufgezeigt. Dafür haben sie:
–       Eine Unterschriftenaktion mit Tausenden von Unterstützern im Dezember 2022 durchgeführt.
–       12 Demonstrationen veranstaltet, an denen Zehntausende Menschen aus Italien und Europa teilnahmen.
–       In den vergangenen drei Jahren jeweils das Working Class Literaturfestival veranstaltet.
–       4 Bücher veröffentlicht.
–       An 3 Dokumentarfilmen mitgewirkt.
–       Ihren Arbeitskampf in ein Theaterstück übertragen.

Warum ist GFF noch nicht am Ziel?
Einer dieser Großinvestoren mit sozialer Verantwortung hat seine Investitionszusage infrage gestellt, obwohl der Geschäftsplan 4 Due-Diligence-Prüfungen (technisch, kommerziell und industriell) im Zeitraum von Oktober 2024 bis Juni 2025 standgehalten hat.
GFF will nun die drohende Investitionslücke mit einer Spendenkampagne ausgleichen. Bis April sollen 2 Millionen Euro an Spenden über den gemeinnützigen Arci-Dachverband eingesammelt werden: https://www.produzionidalbasso.com/project/unazione-per-salvare-gff-dare-uno-schiaffo-in-faccia-al-sistema-non-ha-prezzo/. Das Industriekonsortium ist – absichtlich oder nicht – nicht handlungsfähig und hat GFF die Fabrik noch nicht übertragen. Es scheint, dass der aktuelle Stimmungsumschwung in Europa – weniger Klimaschutz, weg von grünen Investitionen und Green New Deal sowie die Normalisierung rechtsextremer Positionen – eine ernstzunehmende Gefährdung des Projekts darstellen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass von politischer Seite aus – der postfaschistischen Meloni-Regierung – dieses Leuchtturmprojekt sabotiert wird.

Hintergrund:
Am Anfang der Gründung des Fabrikkollektivs ex GKN stand in erster Linie der Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze. Denn 2019 kaufte der britische Investmentfonds Melrose die GKN Fabrik in Campi Bisenzio bei Florenz. Der damalige Betriebsrat Dario Salvetti fürchtete, dass Melrose vor allem Geld aus der Fabrik schlagen wolle und sich nicht um die Arbeiter*innen schere. Er ist die treibende Kraft hinter dem Kollektiv.
Als dann Melrose die mehr als 400 Arbeiter*innen am 9. Juli 2021 über Nacht kündigte, verabredeten sie sich noch in der Nacht bei dem Autozuliefererbetrieb und haben dort eine permanente Betriebsversammlung eröffnet, die bis heute anhält.
Grund für die Kündigung und die Schließung der Fabrik war laut Melrose, dass Fiat auf Elektroautos umstellt und die Antriebswellen aus dem GKN-Werk nicht mehr nachgefragt würden. Das Kollektiv hat nicht nur für den Erhalt der Arbeitsplätze gekämpft, sondern frühzeitig dem neuen Fabrikbesitzer Francesco Borgomeo signalisiert, dass sie die Zukunft der Fabrik in einer nachhaltigen zukunftsorientierten Produktion im Sinne des Klimaschutzes sehen. Doch Borgomeo hat für diese Konversion des Betriebs keine Investoren gesucht, sondern versucht, die Arbeiter*innen zu zermürben und ihnen keine Gehälter mehr gezahlt.

Das Kollektiv hat 2022 neue Bündnisse mit der Klimagerechtigkeitsbewegung geschmiedet und im März 2022 beim globalen Klimastreik mit Fridays for Future Italy mehr als 40.000 Menschen in Florenz auf die Straßen gebracht.
Seitdem zählen Wissenschaftler*innen, Studierende und verschiedene Gruppen aus der Klimagerechtigkeitsbewegung und andere soziale und politische Bewegungen zum Unterstützer*innenkreis des Kollektivs. Gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Leonard Mazzone und anderen Expert*innen haben sie den Geschäftsplan für die Produktion der Lastenräder und Solarmodule entwickelt.

Im Frühjahr 2023 hat das Kollektiv dann seine erste Crowdfunding Kampagne gestartet. Bis dahin lebten sie von Spenden eines dafür gegründeten Unterstützervereins. Mit dem Crowdfunding sollten die Arbeiter*innen, die weder Gehalt noch soziale Leistungen erhielten, unterstützt werden. Aber es sollte auch ein erstes Startkapital für die Umsetzung des Geschäftsplans eingesammelt werden.
Im August 2023 hat das Kollektiv dann die Genossenschaft ex GKN FOR FUTURE (GFF) gegründet. Die Arbeiter*innen haben als Mitglieder eine besondere Stimmengewichtung. Außerdem sind andere Gruppen, Vereine und Organisation aufgerufen, Anteile über die Investitionsplattform https://www.ener2crowd.com/it/registrati?promoCode=GFF zu zeichnen. So gibt es jetzt Genossenschaftsmitglieder aus ganz Europa, die damit die Konversion des Betriebs und den Aufbau der ersten öffentlichen sozial-integrierten Fabrik für Lastenräder und Solarmodule mit finanzieren.
Gleichzeitig sollen aber diese Gruppen und Initiativen wie ein Korrektiv auf die Prozesse bei GFF wirken und immer wieder überprüfen, ob Produktion und die Demokratisierung der Arbeit noch den verabredeten Kriterien für eine nachhaltige, ökologischen Produktion und den gemeinwohlorientierten Zielen entsprechen.
In diesem zermürbenden Kampf hat das Kollektiv nie aufgegeben, organisiert Demos und Versammlungen, zu denen auch immer wieder prominente Unterstützung anreist wie Greta Thunberg am 25. November 2025. Die breite Unterstützung der vielen sozialen und politischen Bewegungen und der Bevölkerung ist immer noch da. International blicken alle gespannt nach Campi Bisenzio, auf den Kampf, der vielen als Beispiel gilt. Sie hoffen, dass es dem Kollektiv und GFF am Ende gelingt, die erste öffentliche sozial-integrierte Fabrik zu eröffnen.

Verantwortlich:
Kathy Ziegler und Cedric Büchling, Vertreter*innen der deutschen Soli-Gruppe ex GKN
Telefon von Kathy : 01793288097
Diese Informationen haben wir auf Grundlage der Mitteilungen des Fabrikkollektivs ex GKN und der Genossenschaft GFF erstellt. Gerne können wir den Kontakt für Interviewpartner*innen vor Ort in Campi Bisenzio herstellen.
Weiterführende Informationen:
·      Seite des Fabrikkollketivs: https://insorgiamo.org/
·      Seite der deutschen Soli-Gruppe: https://insorgiamo.org/germany
·      Artikel zum aktuellen Stand auf labournet.tv: https://www.labournet.tv/de/aktuelles/spendenaufruf_GKN
·      Arte-Doku: https://www.arte.tv/de/videos/120879-009-A/re-italiens-laengster-arbeitskampf/
·      Dossier zu ex GKN auf labournet.de: https://www.labournet.de/interventionen/solidaritaet/autozulieferer-gkn-schliesst-florentiner-werk-campi-bisenzio-und

Fabrikkollektiv: Sozial- ökologische Wende von unten
Von Kathy Ziegler
klimagewerkschafter@bwup.de
https://www.robinwood.de/magazin/fabrikkollektiv-sozial-oekologische-wende-von-unten

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