Buchempfehlung: Michael Legband (Hg.): Zweimal Unrecht. Julius Legband – ein Itzehoer Maurermeister im Widerstand

Buchempfehlung: Michael Legband (Hg.): Zweimal Unrecht. Julius Legband – ein Itzehoer Maurermeister im Widerstand

Von Dieter Wegner

Schleswig-Holstein und die Nazis: Zuspitzung oder Sonderweg?
Bis auf den Text von Michael Legband, dem Enkel des Maurermeisters Julius Legband, befassen sich die Verfasser in diesem Buch mit der Geschichte Itzehoes und des Landes Schleswig-Holstein in der Nazi-Zeit und den Jahzehnten nach 1945. Es wird mehrfach die Frage gestellt, ob Schleswig-Holstein mit seiner Politik der Re-Nazifizierung eine Zuspitzung in der BRD war oder einen Sonderweg eingeschlagen habe.
Meine Meinung war es eine Zuspitzung. Denn Adenauer schuf sich Kabinette und einen Verwaltungsapparat, der von ehemaligen führenden Nazis durchsetzt war. Man denke nur an: Globke als zweitwichtigsten Mann in der Adenauer-Regierung, an die Minister Lübke, Kiesinger, Strauß u.v.a.m.!
In Schleswig-Holstein gab es die ersten fünf Jahre nach Kriegsende SPD-Regierungen. Bei den Landtagswahlen 1950 kam jedoch der Deutsche Block (CDU, FDP, DP) mit Unterstützung des BHE (Bund der Heimatvertriebenen und Enrechteten), die 20 Prozent der Stimmen erhalten hatten, an die Regierung. Der BHE war eine Partei mit Nazis an der Spitze. Die Partei ging dann bald, auch auf Bundesebene in die CDU und die DP auf. Unter dieser neuen Landesregierung mit Walter Bartram an der Spitze begann buchstäblich eine Re-Nazifizierung des Landes. Ehemalige hohe Nazis aus der ganzen Republik strömten nach Schleswig-Holstein und wurden in allen Bereichen des öffentlichen Dienstes untergebracht. So in Richterämtern, im sozialen und Gesundheitsbereich.
Älteren Nazis bekamen hohe Entschädigungen und Pensionen, auch Massenmörder und Verbrecher.

Der Fall Hinrich Lohse – Reichskommissar in Schleswig-Holstein und „Ostland“
Die bekanntesten Fälle waren Hinrich Lohse (Bauer aus dem Dorf Mühlenbarbek zwischen Kellinghusen und Itzehoe), der hohe Parteiämter in Itzehoe und Kreis Steinburg und als Reichskommissar in Schleswig-Holstein bekleidete und von 1941-44 Reichskommissar für das besetzte „Ostland“ war (Staaten des Baltikums und Weißrußland, mit Sitz in Riga – also ein riesiges Gebiet!). Lohse war der einzige Nazi-Führer, der Reichskommissar in zwei Gebieten war, in Schleswig-Holstein und in „Ostland“! Als Lohse seinen Dienst 1941 dort antrat, lebten über 500.000 Juden dort, als er 1944 vor der Roten Armee flüchten mußte, waren es noch 1.000. Riga war ebenfalls Endstation für zigtausende Deportierte aus Deutschland. Wer in Hamburg auf die Stolpersteine achtet, kann oft lesen: Deportiert 1941 nach Riga.
Lohse verbrachte seinen Lebensabend gut versorgt und unbehelligt und hochgeachtet auf seinem Bauernhof in Mühlenbarbek. (*)

Der Fall Heyde alias Sawade
Dann Prof. Heyde alias Dr. Sawade, Mörder von über 100.000 Behinderten und Kranken. Er machte nach 1945 unter dem Pseudonym Sawade viele Jahre in hohen gesundheitlichen Ämtern weiter. Das war vielen in Behörden und Politik in Kiel bekannt. Sie deckten ihn. Ein ungeheuerlicher Vorgang, heute kaum mehr nachvollziehbar. Aber typisch für die politischen Zustände unter den CDU-Ministerpräsidenten Bartram, Lübke, von Hassel, Barschel in Schleswig-Holstein.
Nach 1950, den fünf Jahren der SPD-Regierungen, dauerte diese Phase des Schutzes der Alt-Nazis (Re-Nazifizierung) dann 38 Jahre, bis 1988 Björn Engholm als Nachfolger von Barschel Ministerpräsident wurde.

Der Fall Lina Heydrich
Dann ein weiterer exemplarischer Fall, der von Lina Heydrich, der Frau von Reinhard Heydrich, des stellv. Protektors von Böhmen und Mähren in Prag. Sie zog mit ihrem Mann in das Schloß, das sie einer jüdischen Familie weggenommen hatten. Jüdische Bedienstete, die ihren Unwillen erregten, schickte sie in Vernichtungslager. Nach 1945 erhielt sie eine hohe Pension für ihren Mann, ihr Haus auf Fehmarn durfte sie behalten.
Das alles wurde von Nazi-Seilschaften in Behörden und Politik durchgezogen, während fast allen Opfern des Nazi-Regimes wie Julius Legband Entschädigungsleistungen verweigert wurden. Das geschah auch in anderen Bundesländern aber in Schleswig-Holstein war es besonders extrem!

SPD damals und heute
Wenn man die SPD der unmittelbaren Nachkriegszeit mit der heutigen vergleicht, stellt man einen riesengroßen Unterschied fest. Sie war damals zwar auch eine antikommunistische Partei, aber sie war antifaschistisch, ihre Führer (Schuhmacher, Ollenhauer, Wehner, Erler, Schmidt, Brandt u.v.a.m.) waren Verfolgte oder Emigrierte gewesen, Nazis hatten sich ihr nach 1945 kaum angeschlossen. Der Unterschied zu den anderen bürgerlichen Parteien schwand, je mehr die SPD-Führung auf den Kurs der Westbindung und Sozialpartnerschaft mit dem Kapital einschwenkte.
Heute sind sie alles neoliberale Einheitsparteien: CDU/CSU/SPD/FDP/Grüne/AfD. Bis hin zu Teilen der Linkspartei. Der riesengroße Unterschied von damals zu heute ist plastisch nachzuvollziehen, wenn man die entsprechenden Passagen zu diesem Thema in dem Buch liest.

Dieses Buch: Zweimal Unrecht. Julius Legband – ein Itzehoer Maurermeister im Widerstand sollte Pflichtlektüre an allen Schulen sein, nicht nur in Schleswig-Holstein.
Aber nicht nur für Schüler sollte es Pflichtlektüre sein, sondern für jeden, der sich für jüngere Geschichte interessiert. Eine bessere Lektüre als dieses Buch gibt es kaum!

(*) Anmerkung am Rande: Ich ging von 1950 bis 1956 in einem Nachbarort von Mühlenbarbek, in Kellinghusen zur Mittelschule. In meiner Klasse waren etliche Schüler aus Mühlenbarbek. Weder im Fach Geschichte noch in einem anderen Fach kamen wir auf die Nazi-Zeit und auch nicht konkret auf den Nazi-Verbrecher Lohse oder die Verbrechen der Nazis der in Kellinghusen, zB der Ermordung eines kommunisitschen Kellinghusener Arbeiters durch Kellinghusener SA-Leute. Davon erfuhr ich erst Jahrzehnte später.

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