Am 1.04.2026 hatten wir Ewgenij Kasakow zu unserem JourFixe eingeladen. Die Veranstaltung führte den Arbeitstitel: ‚Der Ukraine-Krieg: Widerstand auf beiden Seiten der Front‘. Wir verfolgten damit die Absicht, an Positionen herangeführt zu werden, die in der aktuellen Diskussion um den Ukraine-Krieg gar nicht oder nur rudimentär bekannt sind. Auch wollten wir Näheres über die Auswirkungen des bereits mehr als vier Jahre anhaltenden Krieges auf die russische Wirtschaft und Gesellschaft erfahren.
Ewgenij wurde in Moskau geboren und ist als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland ausgewandert. Nach dem Studium der Philosophie und Geschichte sowie einer Promotion an der Uni Bremen führte ihn sein Weg nach Russland, wo er mehrere Jahre an der Universität Perm arbeitete und forschte. Auf diese Weise konnte er Einblicke in die inneren Verhältnisse Russlands gewinnen und wissenschaftlich publizieren.
Im Folgenden sollen einige Thesen seines Referates zusammengefasst werden:
-
Beim Blick auf Parteien, Bewegungen sowie den Gewerkschaften in Russland warnte er davor, mit den bei uns gängigen Begriffen von links, liberal und rechts zu arbeiten. Vermeintlich linke Gruppen wie demokratische Sozialisten, Nationalisten, Kommunisten unterstützen weitgehend die Politik der Regierung. Streiks in den Betrieben gegen verschlechternde Arbeitsbedingungen finden, wenn überhaupt, nur sehr selten statt und auch die Gewerkschaftsbewegung insgesamt segelt im Windschatten der staatlichen Politik.
-
Russland gilt auf militärischem Gebiet als Großmacht, dies lässt sich jedoch nicht für die Wirtschaft des Landes sagen. Ihre Grundlage stellt der Rohstoffreichtum des Landes dar. Der seit langem geplante Versuch, diesen auf entwickelter technologischer Basis weiterzuverarbeiten, ist bisher gescheitert.
-
Der Zerfall des Sowjetreiches wurde maßgeblich unter der Präsidentschaft von Boris Jelzin (1991 bis 1999) bis zur Zahlungsunfähigkeit Russlands und schwerster wirtschaftlicher Verwerfungen vorangetrieben. Die Staatsbetriebe wurden verscherbelt, es entstand so der Grundstock von riesigen Oligarchenvermögen, eine wirtschaftliche Recht- und Gesetzlosigkeit, die erst nach der Wahl von Putin schrittweise in geordnetere Bahnen überführt werden konnte.
-
Der Ukraine-Krieg ist von seinem Charakter her ein Stellvertreterkrieg zwischen dem US-amerikanischen und russischen Kapitalismus. Es geht seit 2022 von westlicher Seite darum, eine Konkurrenz der Russischen Föderation nicht hochkommen zu lassen, im besten Fall einen gesicherten Zugriff auf die enormen Rohstoffvorräte sicherzustellen.
-
Eine Anti-Kriegsbewegung sowohl in Russland als auch in der Ukraine existiert leider nur rudimentär und innerlich gespalten. Ihre Arbeit findet unter verschärfter Repression statt und ist entsprechend schwach. Dies war zu Beginn des Krieges 2022 in Russland noch anders.
-
Während in der Ukraine Soldaten zunehmend durch brutale Methoden der Zwangsrekrutierung zum Kriegsdienst geprügelt werden, geschieht dies im riesigen Russland eher auf der Basis von Freiwilligkeit. In den strukturschwachen Gegenden am Rande des Großreiches ist ein Eintritt in die Armee mit regelmäßigen Geldzahlungen verbunden, die die bisherigen Verdienstmöglichkeiten um ein Vielfaches überschreiten.
-
Eine linke Position muss darauf ausgerichtet sein, Widerstand gegen den Krieg im Inneren der kriegsführenden Mächte zu organisieren und ggf. von außen zu unterstützen.
-
Für uns vom JourFixe spielten bisher andere Fragestellungen eine Rolle: zwar war der Einmarsch Russlands in die Ukraine völkerrechtswidrig, trotzdem drehte es sich in der Vorgeschichte des Krieges darum, dass Russland als Großmacht über einen langen Zeitraum vergeblich die Berücksichtigung ihrer Sicherheitsinteressen durch die USA (keine Osterweiterung der Nato!) geltend gemacht hat.
Unser Referent bestand auf der These, dass für Materialisten Absprachen auf der Basis des Völkerrechts abhängig vom machtpolitischen Kräfteverhältnis gesehen werden müssten. Auch unsere Parteinahme für Russland vor dem Hintergrund der deutschen Verbrechen auf dem Boden der Sowjetunion im 2. Weltkrieg spielte in seiner Argumentation eine untergeordnete Rolle. Für ihn steht die Machtbalance unter den am Krieg beteiligten kapitalistischen Akteuren im Vordergrund seiner Betrachtung. Es handele sich um einen innerkapitalistischen Kampf um die Stellung Russlands im Gefüge der Weltmächte.