Wie war der 1. Mai 2026? Wohl recht unterschiedlich!

Mit Eindrücken aus Hamburg, Berlin, Hannover

Von Alwin Altenwald

Der 1. Mai war vielerorts wie immer – deprimierend. Und die Spitzen der DGB-Gewerkschaften konnten sich ungehindert als legitime Vertreter der Arbeiterklasse aufspielen, oft Hand in Hand mit ihren sozialdemokratischen Promis. Aber in einigen Städten war es auch sehr erfreulich. Es kamen viel mehr als erwartet. Darunter viele Junge. Und aus Betrieben – vom Niedergang der Wirtschaft Betroffene, die einen ersten Schritt gemacht haben: kollektiv zu werden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Das ist eben das Erfreuliche in diesem Jahr.

Am 1. Mai brachten alle RednerInnen des DGB und der DGB-Gewerkschaften diesen Spruch: „Erst unsere Jobs, dann eure Profite!“ In ihren Sonntagsreden reden sie sogar von Kapitalismus und Klassenkampf von oben. Dann kehren sie in die Kreise ihrer Sozialpartner von Kapital und Staat zurück und kehren in ihrer Praxis für die restlichen 364 Tage im Jahr den Spruch um: „Erst eure Profite, dann unsere Jobs!“.
Die Ausdenker und die RednerInnen mit diesem Spruch wissen sehr wohl, daß diese Wirtschaft auf dem Eigentum an den Produktionsmitteln und Profiterwirtschaftung aufgebaut ist. Dieser Spruch ist also entlarvend und zynisch zugleich: Einmal im Jahr darf man ganz bescheiden anmerken, daß die Jobs eigentlich vor Profiten stehen sollten. Soviel Keckheit müssen die Partner von Kapital und Staat ihren Co-Managern zugestehen.
Für die Losung an einem zukünftigen 1. Mai „Sichere Jobs durch Klassenkampf und durch Eigentum an Produktionsmitteln!“ werden wir schon selber sorgen müssen.
Und dann gehört es für die DGB- Funktionäre an diesem Tag dazu von einer „gerechten Arbeitswelt“ zu schwadronieren. Als ob es die zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern geben könnte. Aber viel schlimmer als dieses Schwadronieren ist die Unterstützung des Kriegskurses von Regierung und Kapital. Die Ebnung des Weges in den 1. Weltkrieg durch SPD und ADGB im August 1914 durch die Bewilligung der Kriegskredite und Burgfrieden kostete damals vielen Millionen Menschen das Leben.
Und diese Politik wiederholen sie heute!.
Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg würden sich nicht nur im Grabe umdrehen sondern aus ihm auferstehen, falls sie dies heute erlebten! Und diesen Satz rausschreien, daß die Mauern von Jericho bis Berlin erbeben: Der Hauptfeind steht im eigenen Lager!

Aber: Dieser 1. Mai war vielerorts, so in Hamburg (Demo mit 3.000 war angemeldet, 11.000 waren gekommen https://asb.nadir.org/pool/fak/aktuelles/20260501-13/album/index.html und die „Revolutionäre 1. Mai-Demo“: https://asb.nadir.org/pool/fak/aktuelles/20260501-20/album/index.html) und in Berlin https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/impressionen-1-mai-2026/ nicht von diesem zynischen Schwachsinn des DGB geprägt sondern von den Vielen, darunter auch viele Jüngere, die wegen der Kriegsgefahr und Kostenabwälzung auf Lohnabhängige demonstriert haben, mit Wut und Elan. Auch wenn die Anmelder der Demos noch unbehelligt blieben in ihrer ersten Reihe.

 

Gewerkschaftsforum Hannover: Der 1. Mai in Hannover

Hallo!

Ich bin gespannt, zu erfahren, wie die Kampfdemonstration und Kundgebung des DGB in Hannover aus Eurer Sicht so war.

Laut „NDR“-Website sollen dort ja stattliche „8.500“ Personen zusammengekommen sein. In mehreren Artikeln (Fahrgastfernsehen Hannover etc.) wird behauptet, der Goseriede-Platz sei prall gefüllt gewesen. Die Fotos, die ich mir angeschaut habe, vermitteln da allerdings ein anderes Bild.

Wie war denn die Stimmung unter den Teilnehmern? Wie wurde mit dem Verbot des MLPD-Standes umgegangen? Und gab es eine „revolutionäre“ Erste Mai-Demo im Anschluss?

Nach der Lektüre diverser Berichte über die Veranstaltungen in anderen Städten habe ich den Eindruck, dass von einer Protestreaktion der Lohnabhängigen auf die derben reaktionären Reform-Pläne der Merz-Klingbeil-Dobrindt-Regierung nicht die Rede sein kann.

Bundesweit meldet der DGB insgesamt 366.000 Teilnehmer. Das bedeutet Stagnation im Vergleich zum Vorjahr und einen Rückgang zu den Jahren davor, wo es nach DGB-Angaben 400 bis 450.000 gewesen sein sollen.

Zahlen wie die armseligen 2.500 Hanseln in Bremen und die Tatsache, dass sich Protagonisten des arbeitsrechtlichen und Sozialkahlschlags wie Klingbeil & Bas in Bergkamen und Duisburg offenbar ohne große Proteste verlogen und dummdreist als „Stimme der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“ aufspielen konnten und sich der DGB „grundsätzlich reformbereit“ zeigt, sind kein gutes Zeichen.

Daran ändern auch die angeblich „6.000 bis 8.000“ Teilnehmer an der (bestenfalls linkssozialdemokratischen) „Wer hat, der gibt“-Demo in Hamburg aus dem politischen Spektrum der (post-autonomen) Interventionistischen Linken (IL) mit LINKE-Parteichef Jan van Aken als einem der Redner nichts.
In Berlin versuchte die Linkspartei offenbar recht erfolgreich mit einem Gratiskonzert der „Revolutionären 1. Mai-Demo“-Konkurrenz zu machen.
In neugieriger Erwartung,
A.

Hallo A.,

Zu Deinen Fragen:

Die traditionelle DGB-Demo vom Freizeitheim Linden war geschätzt etwa so groß wie letztes Jahr – also rund 1500 Menschen. Anders als in den vergangenen Jahren haben sich aber wieder mehr junge Leute beteiligt. Nicht in Massen, aber durchaus sichtbar. Unter anderem hat die FAU mit Sympathisanten einen eigenen Block gebildet, mit Sprechchören wie „Was macht den Faschisten Angst? Klassenkampf, Klassenkampf“ und „Kein Boss, Kein Staat, nur das Syndikat“, aber auch immer wieder „FAU, FAU …“. Lustig.

Die scheinen ganz gut Zulauf bekommen zu haben und jetzt wirklich auf sowas wie Betriebskämpfe zu orientieren.

Ansonsten viel rote Fahnen. Die SDAJ mit einer ganz achtbaren Abordnung. Betriebsgruppen von VW und ZF gegen Aufrüstung und Militarisierung (dürfte der IG Metall nicht gefallen) und vereinzelt auch mal eine Palästina-Flagge.

Am Klagesmarkt war es so lala. Die Bühne mit den Reden ist ja hinten schräg vor dem DGB-Haus. Da verirren sich sowieso immer nur wenig hin. Mit dem ganz breiten Daumen vielleicht 500. Die Hauptrednerin von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kreiste hauptsächlich um die diesjährige Parole „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“.

Du kannst Dir denken, was da kommt. Ganz am Schluss hat sie aber zumindest für Essentials wie den 8 Stunden Tag und den 1. Mai als Feiertag Gegenwehr angekündigt. (Wie immer das aussehen mag). Ein improvisierter MLPD-Stand ist nach langen Verhandlungen mit den Bullen am Rande der Kundgebung geduldet worden. Einzelheiten kann jemand anderes besser erzählen – da war ich nicht dabei.

Was die revolutionären Demos angeht, gab es nicht nur eine sondern sogar zwei! Und zwar nicht, wie Du vielleicht denkst, eine kommunistische und eine anarchistische. Sondern zwei von roten Gruppen angemeldete. Eine um 15 Uhr vom Steintor mit geschätzt so 300 Menschen. Und eine um 16 Uhr vom Küchengarten, wo sich 450 bis 500 Leute versammelt hatten.

Die um 15 Uhr war im Internet angekündigt, aber auch nur mit sehr wenig Text und nicht klar, welche Gruppe eigentlich dahintersteht. Da eine der wichtigen Parolen war „Jugend, Zukunft, Sozialismus“, vermute ich mal die Internationale Jugend oder ähnliches. Die Redebeiträge am Steintor waren ok, aber recht allgemein.

Da die Demo eher klein war, und trotzdem möglichst „kämpferisch“ wirken sollte (vorne mit Transparenten abgeschlossener Block, viele rote Fahnen, junge Menschen, die so halb vermummt sind und versuchen, böse zu gucken) hatten wir keine Lust, und da anzuschließen und sind zu Fuß Richtung Linden, wo wir über Plakate gestolpert sind, die für 16 Uhr am Küchengarten ebenfalls eine revolutionäre 1.Mai Demo ankündigen. Aber auch auf den Platen keine aufrufende Gruppe – nicht mal eine Jahreszahl.

Als wir da um 16:15 Uhr ankamen, formierte sich bereits die Demo. Wenn es da Reden gab, haben wir die leider nicht mitbekommen. Auf einem prominent platzierten Transparent an der Demospitze konnte man aber entnehmen, dass das wohl die Demo der Gruppe „Rote Ihme“ war. Könnte was mit der Gruppe „Kämpfende Jugend“ aus Bremen zu tun haben – aber alles ohne Gewähr. Infos auch hier nur sehr spärlich. Diese Demo jedenfalls hat neben dem eigentlichen Kern viel junges Lindener Volk angezogen. Die sicherlich zum größten Teil keine Kommunisten waren, aber offenbar keine Berührungsängste hatten. Auch interessant!

Die Gruppe bietet regelmäßig Info- und Diskussionsveranstaltungen an. Vielleicht lohnt es sich, das mal zu untersuchen. Auf beiden „revolutionären“ Demos waren keine Anarchos zu sehen. Offenbar haben die beschlossen, dass man da nicht mehr hingeht.
Wir sind dann noch ein Stück mitgelaufen, haben uns aber verabschiedet als die Demo Richtung Innenstadt abgebogen ist.
Soweit erstmal.
Grüße, W.

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