Von Alwin Altenwald
Der rbb hat das Verdienst, mit seiner Doku (44 Minuten) die schlimmen Zustände in dieser Branche der Lieferfahrer in der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht zu haben. Er beschreibt seine Doku wie folgt:
„Angst, Gewalt, Hungerlöhne: Das Geschäft mit indischen Lieferfahrern, die zu Tausenden als Studenten nach Deutschland gelockt werden. Exklusive Einblicke und Beweise zeigen, wie Kriminelle die jungen Menschen ausbeuten“.
https://www.youtube.com/watch?v=kevhvPbnTy4
Wer sich noch nicht mit den Arbeits- und Lebensverhältnissen dieser LieferfahrerInnen beschäftigt hat wird es kaum fassen, was in Deutschland in der Arbeitswelt möglich ist. Unsichtbar und unbekannt in der Öffentlichkeit! Obwohl wir diese ausländischen KollegInnen täglich vor Augen haben.
Sie sind beschäftigt bei Subunternehmen, führen quasi ein Sklavenleben. Das erinnert an das Dasein der Werksvertragsarbeiter in den Fleischkonzernen wie Tönnies. Erst der Ausbruch der Corona-Pandemie bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, veranlaßte Bundesarbeitsminister Heil (SPD), daß das Subunter(un)wesen in der Fleischindustrie zum großen Teil abgeschafft wurde und die Konzerne verpflichtet wurden, die KollegInnen direkt zu beschäftigen.
Viele hatten geglaubt, daß das der Auftakt sei für die Überprüfung des Werkvertragssystems mit seinem Subunternehmertum, daß auch eine Direktanstellung auf dem Bau und in der Logistikbranche erfolgen werde, mit ähnlichen Mißständen wie in der Fleischindustrie. Aber Fehlanzeige! Unsere neoliberalen Parteien wissen, wessen Interessen sie zu vertreten haben, schon gar nicht die der Lohnabhängigen „ganz unten“, der meist migrantischen LieferfahrerInnen.
Dieser Film von rbb zeigt uns, daß Mafia-Methoden und Sklavenbehandlungen nicht nur ArbeiterInnen aus Rumänien betreffen wie vor 15 Jahren in der Fleischindustrie sondern auch zigtausende indische StudentInnen, die nach Deutschland gekommen sind. Es vollzieht sich das Profitprinzip des kapitalistischen Systems. Erschreckend auch, daß Politiker nichts aus dem Skandal mit den Subsubsubunternehmen und den Werksverträgen beim „System Tönnies“ gelernt haben und so tun als ob sie überrascht seien von der Behandlung der indischen StudentInnen. Aber Unterschiede gibt es von damals zu heute: Während die rumänischen WerksvertragsarbeiterInnen sich nicht durch Streiks wehrten und nicht selbst an die Öffentlichkeit gingen (besser: zu gehen vermochten) und eine Stimme bekamen durch Anti-System-Tönnies Gruppen und Personen wie Inge Bultschnieder und Pastor Peter Kossen (Lengerich), wehren sich die LieferfahrerInnen durch öffentliche Proteste und Streiks.
Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg hat seinezeit zum „System Tönnies“ zwei Bücher (bei der Buchmacherei Berlin) herausgegeben, eines hieß „Ist das System Tönnies passé?“. Wie wir sehen, ist das System Tönnies mit seinem Subsubsubunternehmertum und Sklavenhalterei nicht passé sondern lebt fort! Und es ist die Prognose zu wagen, daß es weiter fortlebt – in diesem wirtschaftlichen System und mit diesen systemtreuen Politikern.
Ist das System Tönnies passé?
Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg
https://diebuchmacherei.de/de_de/produkt/ist-das-system-toennies-passe/
Das ‚System Tönnies‘ – organisierte Kriminalität und moderne Sklaverei
https://diebuchmacherei.de/de_de/soz-09-2020/
https://diebuchmacherei.de/produkt/das-schweinesystem/