Von „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ (Lengerich)
Papst Leo XIV. hat am 15. Mai seine erste Enzyklika mit dem Titel „Magnifica Humanitas“ veröffentlicht. Darin spricht er u. a. auch über Menschenhandel und moderne Sklaverei in unserer Zeit und verpflichtet Gesellschaft und Kirche, dagegen einzutreten.
Der Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ in Lengerich, der in vielfacher Weise Arbeitsmigranten berät und unterstützt, weist darauf hin, dass Menschenhandel und moderne Sklaverei Realität und alltägliche Praxis auch in der sozialen Marktwirtschaft unseres Landes sind. Peter Kossen, Vorsitzender des Vereins, erläutert: „Medienrecherchen bringen aktuell das Schicksal von Männern aus Indien ans Tageslicht, die mit einem Akademiker-Visum von dubiosen Agenturen gegen horrende Vermittlungsgebühren nach Deutschland gelockt werden, um sich dann vor Ort in der modernen Sklaverei der Fleischindustrie wiederzufinden. Häufig werden sie bereits in den ersten Wochen wieder gekündigt und sofort aus den Unterkünften geworfen. Hochverschuldet können sie weder vor noch zurück. Menschen aus Vietnam, die für ebenso viel Geld über ein Erntehelfer-Visum angelockt wurden, geht es ähnlich.“ (vgl. „Monitor“-Bericht am 21.04.26: https://www.youtube.com/watch?v=uwLr_F-jGFQ, DIE ZEIT, 5. Februar) Die Fleischindustrie, aber auch die Paketdienste, die Gebäudereinigung und der Bausektor suchten mittlerweile, so Kossen, weltweit nach Arbeitskräften, „die sie wie Maschinen anmieten, verschleißen und dann entsorgen.“
Gesellschaftliches und kirchliches Desinteresse
Der Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ beklagt das gesellschaftliche und auch kirchliche Desinteresse an diesem Massenphänomen. Und er beruft sich auf Papst Leo, der in seiner Enzyklika schreibt: „Menschenhandel ist als eine zeitgenössische Form der Sklaverei und als schwere Verletzung der Menschenwürde anzusehen; nicht entschlossen zu reagieren oder diese Praktiken in irgendeiner Weise zu dulden, bedeutet dies in gewisser Weise, sich heute an Sünden mitschuldig zu machen, wie sie in der Vergangenheit begangen wurden, als die Sklaverei verschwiegen oder gerechtfertigt wurde.“ (MH 175) Papst Leo bekennt, dass die Kirche 1800 Jahre gebraucht habe, um die völlige Unvereinbarkeit von Sklaverei und christlichem Menschenbild festzustellen. „Genau aus diesem Grund wird die Erinnerung an die Komplizenschaft und an die Blindheit von gestern im Hinblick auf die Sklaverei zu einem Aufruf zur Wachsamkeit.“ (MH 177) Die „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ kann diesen Aufruf nur bekräftigen. Sie erfährt in ihrem Engagement für Arbeitsmigranten tagtäglich, dass Menschenhandel und Sklaverei nicht irgendwo in der Welt passieren, sondern mitten in unserer Gesellschaft.
Peter Kossen erklärt: „Ausbeutung von Menschen, Sklaverei, „funktioniert“ bis heute immer da, wo Menschen als Nummer geführt werden, wo sie kein Gesicht haben, keinen Namen und keine Geschichte. Arbeitsmigranten leben unter uns und sind doch Bürger einer dunklen Parallelwelt, eine große anonyme Gruppe, eine „Geisterarmee“. So werden sie ohne Aufsehen und ohne schlechtes Gewissen ausgebeutet, betrogen und gedemütigt.“ Kossen erzählt von Menschen aus Asien, die bis zu 15.000 € bezahlt haben, in der Fleischindustrie aber bereits nach wenigen Wochen „rausgetreten“ worden sind und weder hier bleiben noch in die Heimat zurückkehren können. „Übrigens gibt es im Umgang mit den Menschen keinen Unterschied zwischen der Geflügelfleischindustrie und der Schweine- und Rindfleischindustrie: Die Brutalität und die Skrupellosigkeit in der Ausbeutung wehrloser Menschen sind gleich krass. Und es ist auch nicht nur die Fleischindustrie“, betont Kossen mit Blick auf weitere Branchen, die von Menschenhandel und moderner Sklaverei profitieren. Er zitiert den verstorbenen Papst Franziskus mit den Worten: „Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann.“ (Evangelii gaudium 53)
Sehen – Urteilen – Handeln
Der Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ fordert die Gesellschaft und auch die Kirchen dazu auf, hinzuschauen und himmelschreiendes Unrecht zu verurteilen, gerade auch, wenn es vor der eigenen Haustür passiert. Peter Kossen nennt die Zwangsprostitution als besonders grausame Form von Menschenhandel und Sklaverei. Er berichtet: „Jeden Tag kaufen in Deutschland eine Million Männer den Körper einer Frau. Deutschland gilt als das „Bordell Europas“. Fast der ganze deutsche Straßenstrich wird bedient durch Mädchen und Frauen aus Rumänien und Bulgarien. So an der B 68 nördlich von Osnabrück. Oft sind es Roma, oft Analphabetinnen, nicht selten sind es Minderjährige. Sie werden hierher gelockt mit dem Versprechen einer Arbeit in der Gastronomie oder einem anderen Dienstleistungssektor. Einmal in Deutschland angekommen, werden sie jedoch in großer Zahl zur Prostitution gezwungen und gefügig gemacht mit Drogen und angedrohter und mit ausgeführter körperlicher und psychischer Gewalt; und dies nicht selten von den gleichen Leuten, die im Hauptgeschäft Männer und Frauen als Billiglöhner in die Fleischfabriken schleusen.“
Papst Leo XIV. schreibt in „Magnifica Humanitas“: „Wenn wir in Zukunft nicht um Vergebung bitten wollen, weil wir dem Schatz der Menschenwürde, der unserem Glauben innewohnt, nicht treu geblieben sind, dann liegt es jetzt an uns, den Menschenhandel in seinen vielfältigen Erscheinungsformen direkt und entschieden anzuprangern und gemeinsam mit all jenen, die sich für dieses Anliegen einsetzen, Schritt für Schritt konkrete Maßnahmen zur Prävention, zum Schutz, zur Befreiung und zur Rehabilitation zu unterstützen.“ (MH 177)
Die Dimensionen des Unrechts – weltweit und vor Ort – dulden kein Wegschauen und kein Schweigen, davon sind die Aktivisten der „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ überzeugt. Sie fordern dazu auf, keine Kompromisse auf Kosten der Opfer zu machen, sondern mutig Menschenhandel und Sklaverei zu bekämpfen.