Von Labournet.tv (Berlin) und den Angry Workers (Großbritannien).
Der Saal bei ATIF in der Bartelstraße war gut gefüllt, fast 40 Menschen waren gekommen. Wir hatten nach dem Film eine angeregte Diskussion, auch mit den beiden FilmemacherInnen – das war sehr gut!
Labournet.tv ist eine Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, Filme vor allem über Arbeitskämpfe aus aller Welt auch für ein deutsches Publikum zugänglich zu machen; nach 15 Jahren sind auf der Webseite mittlerweile annähernd tausend Filme / Filmclips mit Untertiteln anzuschauen.
https://www.labournet.tv/de
Die Angry Workers sind eine Gruppe von Arbeitern und Arbeiterinnen aus Großbritannien, die sich in verschiedenen Branchen organisieren, mal mit, mal ohne Gewerkschaften. Für sie steht die Selbstorganisation am Arbeitsplatz zusammen mit politischer Organisierung im Fokus.
https://www.angryworkers.org/
Der Film ist kein Dokumentarfilm, sondern ein Film, der eine wichtige Diskussion anstoßen will: Wie stellen wir uns die Organisation und die Mechanismen einer anderen Gesellschaft vor? Ganz materiell: Wie wollen wir unser Essen produzieren und all die Dinge, die wir zum Leben brauchen? Nicht als reine Träumerei, sondern ausgehend von den vorhandenen Strukturen der materiellen Produktion. Dahiunter steht die Marx’sche Idee, dass eine Revolution auf dem Vorgefundenen aufbaut, in ihr die Verhältnisse umgedreht werden.
Der Film basiert im Wesentlichen auf Interviews / -ausschnitten, die die beiden FilmemacherInnen mit über 40 GenossInnen geführt haben.
Im ersten Teil kommen Aktive der Bewegungen der 1970er Jahre zu Wort. Nicht aus der BRD, sondern aus verschiedenen Ländern Europas, in denen die Verbindung von Arbeiter- und gesellschaftlichen Kämpfen am weitesten fortgeschritten war: Portugal, Spanien, Italien,…
Diesen Reichtum der Erfahrungen vor 50 Jahren werden im zweiten Teil Interviews von heute gegenübergestellt. Diese Interviews drücken mehr die Suche nach Alternativen aus, die Suche nach Potenzialen.
Daneben gibt es einen Strang zur Arbeitszeitrechnung, ein Konzept aus der Rätebewegung der 1920er Jahre. Damals ging es darum, Ideen zu entwickeln, wie sich der Warenaustausch zwischen selbstorganisierten und verwalteten Betrieben organisieren ließe, ohne auf das zentralistische staatssozialistische Modell zurückzugreifen.
Der Film war sehr anregend, das hat die große Beteiligung gezeigt. Im nachhinein lässt sich vielleicht eine unausgesprochene offene Frage formulieren; Was für eine Vorstellung von gesellschaftlicher Umwälzung haben wir?
Viele sehen die „Revolution“ als bewussten Akt einer aktiven Minderheit an. Aus dieser Perspektive geht es um die Organisation von Widerstand und Hervorhebung der Subjektivität. Daraus resultierte u.a. ein Widerspruch aus dem Publikum, dass der Film eine eurozentristische Sicht auf die Welt transportiere.
Oder gehen wir davon aus, dass das herrschende Gesellschaftsmodell zusammenbrechen wird, weil es nicht mehr funktioniert; die Rolle von „Revolutionären“ wäre dann nicht die von „Anführern auf dem Weg in eine neue Welt“, sondern derjenigen, die sich auf den Moment des Zusammenbruchs vorbereiten und benennen können, welche Chancen sich in diesem Moment auftun.
Ist es heute vorstellbar, das vorgefundene Gefüge einer globalisierten Wirtschaft, eines weltweiten Produktionsnetzwerkes mit tiefen Gräben, Ungleichheiten, Spaltungen und Barrieren „umzudrehen“? Das ist auch, aber weniger die Frage nach unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und räumlicher Entfernung. Es ist wesentlich die Frage nach technischer Normierung, Absprache, Überwindung von Ungleichheiten.
Der Trend auch linker Utopien geht heute eher in Richtung Regionalisierung – eine Vorstellung einer gemeinsam gestalteten globalen Gesellschaft existiert höchstens in Ansätzen.
Der Film beantwortet diese Fragen nicht, will sie auch nicht beantworten. Er gibt einen wertvollen Anstoß für eine wichtige Debatte.