Andreas Hesse: Zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus

Eine Familienchronik aus Berlin Rixdorf/Neukölln

Zwei Rezensionen:
a) Von Dieter Wegner, aktiv bei Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg
b) Teil einer Rezension von NN, Gruppe Arbeiterpolitik

Rezension von Dieter Wegner
Ich kenne Andi schon lange, seit der Zeit, die er ausführlich in seinem Buch beschreibt: Anfang der 1970er Jahre, als der Druckerkreis entstand, der sich in Berlin traf. Ich war damals auch in der Gewerkschaft IG Druck und Papier, weil ich einige Jahre Korrektor in einem kleinen Verlag in Hamburg war. Und ich war bei der Gruppe Arbeiterpolitik in Hamburg. Bei den Druckertreffen in Berlin und anderen Orten war ich nicht dabei sondern hörte auf den Gruppenabenden nur die Berichte von den Setzern und Druckern von den Treffen.

Und jetzt lese ich noch mal die detaillierten Schilderungen von Andi in seinem Buch! Mit einem hohen Erinnerungswert und auch: Das wußte ich ja noch nicht!

In einen engeren Kontakt mit Andi kam ich anläßlich des Streiks bei BSH (Bosch Siemens Spandau) im Jahre 2006, bei dem er und Jochen G. den Streik und die IG Metall medienmäßig unterstützten.

Nach diesem Streik vereinbarten GenossInnen aus vier Orten, an denen gerade Streiks stattgefunden hatten oder betriebliche Auseinandersetzungen, gemeinsame bundesweite Treffen, auf denen gewerkschaftliche AktivistInnen und UnterstützerInnen Gelegenheit hatten, sich auszutauschen und sich zu vernetzen.
Lieber Andi, warum erwähnst Du dies nicht? Du gehörst mit zu den Gründern dieses Kreises, der immerhin schon seit über 19 Jahren besteht und sich mehrfach im Jahr trifft!

Aber dies Buch umfaßt einen viel längeren Zeitraum, weil Andi nicht nur die ca. 55 Jahre seines politischen Lebens erzählt sondern auch das Leben Vaters und Großvaters, beide revolutionäre Berliner Sozialdemokraten. Andi hatte nach dem Tode seines Vaters ihre hinterlassenen Dokumente gefunden, das war der Anlaß für ihn, ihre und seine Lebensgeschichte aufzuschreiben.
Daraus ist ein bemerkenswertes Geschichtsbuch geworden, von der Zeit von 1900 bis heute! Es handelt von Menschen, die Geschichte miterlebt und gestaltet haben. Ein Geschichtsbuch „von unten“, keines von oben herab von einem Historiker oder Journalisten geschrieben!

Eine spannende Frage in dem Buch ist, warum Eberhard Hesse, also Andis Vater, der bis 1945 linker Sozialdemokrat war, also Sozialist, zu einem rechten Sozialdemokraten, zu einem Westberliner kalten Krieger mutierte. Andi hat es in Gesprächen mit seinem Vater nie erfahren, er versucht es, durch die gefundenen Dokumente herauszufinden.

Ich werde an Jakob Walcher erinnert, der 1928 zusammen mit Heinrich Brandler und August Thalheimer (bis 1924 Vorsitzende der KPD) die KPD-O gründeten, um das Ruder in der KPD herumzureißen und die RGO-Politik und die Sozialfaschismustheorie gegen die SPD zu beenden und zur Einheitsfrontpolitik zurückzukehren.
Walcher trennte sich 1932 von der KPD-O und war ein Mitbegründer der SAP, in der auch Willi Brandt waren und Eberhard Hesse.
Nachdem Walcher aus der Emigration zurückgekehrt war, traf er sich mit Willi Brandt, dessen politische Vaterfigur er gewesen war. Brandt war in die SPD eingetreten, hatte in Westberlin von seiner Vergangenheit als Sozialist Abschied genommen und den Weg der Westbindung eingeschlagen. Und hatte sich von einem Kritiker der Sowjetunion zu einem Gegner gewandelt. Walcher brach deswegen mit seinem Freund und politischen Ziehsohn.

Nebenbei: Walcher wurde für fünf Jahre Chefredakteur der zentralen Gewerkschaftszeitung Tribüne, dann wegen seiner Vergangenheit in der KPD-O und SAP abgelöst und wurde als Archivkraft eingesetzt. Ein übliches Schicksal in der Sowjetzone/DDR! Immerhin landete er nicht in Bauzen II oder im Gulag wie andere vor ihm.
Die Führer der Sowjetzone und der DDR hatten nicht die Fähigkeit, alle Mitkämpfer für den Aufbau des neuen Staates einzusetzen sondern gingen in ihrer Politik wie auch schon Lenin, Trotzki, Stalin in der Sowjetunion vor und entfernten diese Mitkämpfer, weil sie mißtrauisch meinten, diese lägen wegen ihrer politischen Vergangenheit nicht auf der befohlenen Linie. Diese törichte Haltung der SED-Führung schwächte den Aufbau sozialistischer gesellschaftlicher Strukturen, war doch der größte Teil der Bevölkerung bis zum 8. Mai überzeugte Nazis gewesen. Und die kleine Minderheit von Kommunisten und Sozialdemokraten, die überlebt hatten und aus der Emigration in die sowjetische besetzte Zone zurückkehrten, voll Idealismus, eine sozialistische antifaschistische Gesellschaft aufzubauen, standen vor einer ungeheuer schweren Aufgabe. Viele ehemalige Genossen der KPD-O, SAP, Trotzkisten, Sozialdemokraten, Anarchisten beteiligten sich nach Kriegsende beim Aufbau eines Neuen Deutschland in der SBZ, hatten aber nicht das Glück wie Jakob Walcher, nur degradiert zu werden sondern landeten tatsächlich in Bauzen II oder wurden in die Sowjetunion ausgeliefert. 

Eberhard Hesse ging diesen Weg wie Walcher nicht, machte stattdessen Karriere, war mit Brandt befreundet, wie wir im Buch erfahren!

Ich erlebte in den 1970er Jahren das Wehren der Setzer-Kollegen gegen die Wegrationalisierung ihres Berufes mit, vermittelt auf den Treffen der Gewerkschaft IG Druck und Papier in Hamburg und bei den Berichten der Setzer- und Drucker-Kollegen von ihren bundesweiten Treffen in Berlin, Darmstadt, bei Hamburg. In seinem Buch schildert Andi diese Abwehrkämpfe.

Heute befinden wir uns in einem Kampf der Autoindustrie gegen ihre Schrumpfung, bei dem es jährlich um zigtausende Arbeitsplätze geht. Von dem damaligen Kampf der Setzer können die heute bedrohten AutoarbeiterInnen lernen!

Andi schildert detailreich sein eigenes Erleben in Berliner Verlagen und die Organisation von Widerstand.

Wer hat einen Nutzen von der Lektüre dieses Buches? Alle, die in Kämpfen stehen, wo es um ihre Existenz geht. Aber auch alle, denen der Einstieg in den Beruf noch bevorsteht, erfahren hier Arbeits- und Klassenkampf anschaulich geschildert! Die damals kämpfenden Setzer befanden sich in der Phase des Rheinischen Kapitalismus. Die heute Kämpfenden befinden sich in der Phase des Schweinischen Kapitalismus, wie es ein Gewerkschafter mal drastisch ausdrückte. Wir alle sind mehrfach bedroht, durch den Sozialabbau im Neoliberalismus, beschleunigt durch die Kriegsrüstung, durch den Klimawandel.

Die Kämpfe heute sind keine rein gewerkschaftlichen Kämpfe mehr sondern werden zu politischen, zu gesellschaftlichen Kämpfen. Oskar Negt drückte es so aus, daß die wichtigste Aufgabe der politischen Linken darin besteht, „daß sie … das Bündnis zwischen der Friedensbewegung und jenen Kräften in den Gewerkschaften stärkt, die gegen die Politik des Sozialabbaus Widerstand mobilisieren“.
Auf den Punkt gebracht: Es ist heute ein gewerkschaftlich und gesellschaftlicher Kampf gegen Kapital und Staat und erweitert auch gegen die AfD mit ihren faschistischen Elementen und auch gegen Gewerkschaftsführungen und Teile des Apparates mit ihrer Sozialpartnerschaftsideologie. Es ist ein Kampf um die Köpfe der KollegInnen, die unter dem Einfluß der Sozialpartnerschaftsideologie und des Denkens der AfD von „außen und innen“ statt von „oben und unten“ stehen.
Unsere Aufgabe ist es, mit dabei zu sein bei der Schaffung einen neuen Arbeiterbewegung – unter schwierigeren Bedingungen als sie unsere VorkämpferInnen vorfanden.

 

Teil einer Rezension von NN, Gruppe Arbeiterpolitik

https://arbeiterpolitik.de/2026/09/zwischen-sozialdemokratie-und-kommunismuseine-familienchronik-aus-berlin-rixdorf-neukoelln/

…Im Text geht es um seine Kindheit in „der antikommunistischen Frontstadt Westberlin„. Neben dem Alltag seiner Eltern und sonstigen Verwandten, seiner Schulbildung und seiner Einstellung geht es auch hier um die gesellschaftlichen Verhältnisse und schließlich den Prozess seiner Politisierung in der „Studenten- und Jugendrevolte„. Er brach das Gymnasium ab und machte eine Berufsausbildung im Grafischen Gewerbe. Er sah seine Aufgabe darin, „die Arbeiterklasse zu revolutionieren„, und trat der IG Druck und Papier bei. Die Beschreibung seiner vielfältigen Aktivitäten dort nimmt breiten Raum ein. Nach seiner Aussage war es die Lohntarifrunde 1976, die ihn in die Gruppe Arbeiterpolitik führte. Es ging -bis in die frühen achtziger Jahre hinein- um technische Umwälzungen in der Druckindustrie, die zu harten Abwehrkämpfen der Gewerkschaft führten.

In den Jahren davor lagen Auseinandersetzungen um Ausschlüsse in der Westberliner SPD, der Mauerbau 1961, der Besuch Kennedys, die Kubakrise 1962, der Besuch des Schah von Persien, der zu Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch die Westberliner Polizei führte.

Später kamen Aktivitäten in der Hausbesetzerszene und um den Besuch des US-Präsidenten Reagan, der M. Gorbatschow dazu aufrief, die Mauer einzureißen. 1990 war es soweit, die Sowjetunion und die DDR lösten sich auf, die politischen Gewichte in Europa und der Welt wie auch die zwischen den Klassen verschoben sich. Die politische Wende dieser Zeit machte auch der Gruppe Arbeiterpolitik zu schaffen. Ihre Aktionsmöglichkeiten und die Zahl ihrer Aktiven gingen zurück. Aber sie tat weiter, was möglich war.

Von den folgenden Aktivitäten sind dann besonders hervorzuheben der Kampf gegen den Rechtsextremismus, die Opposition gegen den Angriffskrieg gegen Jugoslawien, der Widerstand gegen die Hartz-Pläne, betriebliche Kämpfe v. a. in der Metallindustrie (Orenstein & Koppel), die internationalistische Solidaritätsarbeit zu Griechenland, die zu Besuchen dort und Gegenbesuchen hier führten. Das alles wird mit viel Details und politischer Auswertung erzählt. Aktuell sind dann noch die Stellungnahmen zu den Kriegen in der Ukraine und in Nahost. Andreas Hesse spricht sich eindeutig gegen die expansive Politik der westlichen „Wertegemeinschaft“ unter der Führung der USA, gegen eine neue Führungsrolle der BRD, gegen die Erfüllung der angeblichen „Staatsräson“ zugunsten des zionistischen Vernichtungskrieges gegen die palästinensische Bevölkerung aus.

Er schreibt dazu: “ Die barbarischen Zustände vergangener Kriege leben erneut auf: in dem Massenmord, der Vertreibung und dem Aushungern der palästinensischen Bevölkerung in Gaza durch die israelische Armee. … Die politischen Repräsentanten der BRD haben die deutsche Geschichte auf ‚die Einzigartigkeit des Genozids an den europäischen Juden‘ reduziert. Mit diesen Argumenten rechtfertigen sie die finanzielle und militärische Unterstützung Israels und die Aufrüstung gegenüber Russland. Von ihren Untertanen versuchen sie die Anerkennung der Existenzberechtigung des israelischen Staates zu erzwingen – in Form des ‚moralisch zwingend erforderlichen Bekenntnisses‘ oder durch entsprechende Verbote, Verordnungen und Gesetze, mit denen vor allem der ‚muslimisch geprägte Antisemitismus‘ bekämpft werden soll.„

Aussicht
Eine zentrale Frage, die sich beim Lesen einer solchen politischen Familien- und Autobiografie stellt, ist die nach den Handlungsmöglichkeiten unter den heutigen Umständen, wie sie anfangs als Vorspann dieser Rezension angedeutet wurden. Sie sind unter heutigen Gegebenheiten nicht spektakulär, sie können die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse nicht rasch ändern, aber Aktivitäten schaffen Gemeinsamkeiten, Zuversicht und Kraft. Das dürfen wir uns nicht nehmen lassen, und insoweit liegt es auch an uns. Es wird in dieser Biografie in der Verbindung von gesellschaftlicher Analyse und persönlichem Handeln deutlich.

In der Selbstdarstellung der Gruppe Arbeiterpolitik auf ihrer Website heißt es: „Wir stehen heute vor der Frage: ‚Wie können Kommunisten in dieser historischen Konstellation Einfluss unter den lohnabhängigen Menschen gewinnen?‘ Die objektiven Voraussetzungen dafür schafft das Kapital nach und nach selbst durch seine krisenhafte Entwicklung. Eine Möglichkeit, um wieder Rückhalt bei den Arbeitern, Angestellten und Arbeitslosen zu finden, besteht sicher darin, die Ursachen für die instabilen gesellschaftlichen Verhältnisse aufzuzeigen. Dies wird nur gelingen, wenn wir an den praktischen Erfahrungen der Lohnabhängigen ansetzen. Ziel muss die Förderung von Klassenbewusstsein und längerfristig die Formierung einer handlungsfähigen politischen Organisation sein.„

Zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus
Eine Familienchronik aus Berlin Rixdorf/Neukölln
ISBN 978-3-00-087867-1
284 Seiten · 15,00 EUR + Versandkosten
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