Veranstaltungsarchiv

Jour Fixe 205

Datum: 11/01/2023
Uhrzeit: 18:30 - 21:00
Ort: ausnahmsweise anderer Ort: mpz, Sternstr. 2. - schräg gegenüber vom Centro Sociale. U-Bahn Feldstr, 3 Minuten
Jour Fixe
Orhan Akman
Orhan Akman

Einladung zum 205. Jour Fixe am 11. Januar 2023 um 18 Uhr 30 – pünktlich!

Achtung: ausnahmsweise anderer Ort. WEGEN DER BEGRENZTEN PLATZZAHL BITTE ANMELDEN!

 

Sind die Gewerkschaften in der Krise?


Referent: 
Orhan Akman, Leiter der Bundesfachgruppe Einzel- und Versandhandel in der ver.di-Bundesverwaltung (Berlin)


Orhan Akman beantwortet diese Frage mit einem klaren „Ja“ und nennt die Krise beim Namen. Er analysiert die Krise der Gewerkschaft ver.di, kritisiert den Bundesvorstand und gibt zugleich mögliche Antworten auf die Krise.

Orhan Akman, der im April 2022 seine Kandidatur für den ver.di-Bundesvorstand erklärte, wurde Ende August/Anfang September des gleichen Jahres mehrfach fristlos gekündigt. Er klagte gegen die Kündigungen und das Berliner Arbeitsgericht urteilte zu seinen Gunsten. Orhan Akman arbeitet weiterhin für ver.di.

Wir wollen mit Orhan über den Konflikt zwischen dem ver.di-Bundesvorstand und ihm sprechen.

Es geht um die Grundsatzfrage: Welchen Charakter haben unsere Gewerkschaften?

Sind sie Sozialpartnerschaftsorgane zur Befestigung des kapitalistischen Systems oder Klassenkampforganisationen mit dem Ziel einer sozialistischen Gesellschaft?

Warum müssen Gewerkschaften das politische Mandat für die lohnabhängig Beschäftigten beanspruchen und dürfen dieses Feld nicht dem Klassengegner überlassen?

Orhan Akman schreibt:

Ver.di revolutionieren!

Im Jahr 2001 aus fünf Einzelgewerkschaften mit 2,81 Millionen Mitgliedern zusammengeschlossen, hat Verdi seit der Gründung fast eine Million Mitglieder verloren. Die Einzelgewerkschaften, aus denen Verdi hervorging, vereinten sich nicht aus einer Position der Stärke heraus. Alle fünf Gewerkschaften hatten bereits zuvor mit einer rückläufigen Mitgliederentwicklung und sinkenden Beiträgen zu kämpfen. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auf die Probleme der einzelnen Gründungsgewerkschaften einzugehen. Aus fünf kranken Katzen entsteht jedenfalls kein Tiger, wenn nicht gleichzeitig wesentliche Veränderungen in der Gewerkschaftsarbeit vorgenommen werden.

Nach mehr als 20 Jahren ist heute klarer denn je: Verdi befindet sich in einer tiefgreifenden Krise. Es ist eine Krise der Mitgliederentwicklung, eine Krise der rückläufigen Mitgliedsbeiträge und somit der Handlungsfähigkeit; eine tarifpolitische und insgesamt eine politische Krise. Hinzu kommt die organisationspolitische Krise der Gewerkschaft, in der das beitragszahlende Mitglied immer mehr entmachtet wird und sich in der eigenen Organisation immer weniger wiederfindet. Zwischen der Gewerkschaft als Apparat und ihren Mitgliedern findet eine regelrechte Entfremdung statt.

Alle diese Krisen stehen in einem Zusammenhang. Eine einschneidende Änderung der Ausrichtung unserer Gewerkschaft ist nötig, um wieder Organisationsmacht, betriebliche und politische Durchsetzungs- und Gestaltungsmacht sowie gesellschaftliche Relevanz zu gewinnen. Gelingt uns das nicht, verschwinden wir in der absoluten Bedeutungslosigkeit. Das hätte verheerende Auswirkungen auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten, nicht nur im Dienstleistungsbereich.

Diese Krisen werden allerdings nicht richtig analysiert und auch nicht beim Namen genannt. Aber ohne eine zutreffende Analyse kann man in einer Krise nicht gegensteuern. Das sollte eine der Kernaufgaben des Bundesvorstandes sein, der bei der Krisenbewältigung jedoch nur Ansätze von unzureichender Symptombekämpfung verfolgt, anstatt an die Wurzeln zu gehen.

www.orhan-akman.de/2022/09/ver-di-revolutionieren/

Vorher in der „aktuellen halben Stunde“ ein Bericht von Nosrat Taymoorzahde über den Aufstand im Iran.