Der lange und schwierige Weg zum Streik bei Neupack

Der lange und schwierige Weg zum Streik bei Neupack

Vor 20 Jahren war die Welt bei Neupack noch „in Ordnung“. Die Firma galt als Arbeitgeber, der gut zahlte. Das geschah hauptsächlich aber durch Überstunden und Feiertagszuschläge, wodurch man gut über die Runden kam. Der Einstiegslohn war damals noch gleich. Allerdings herrschte auch damals schon das „Nasenprinzip“, d.h. persönliche Bevorzugung. Und die Schicht der Angestellten und Maschinenführer bekam übertariflich bezahlt. Das änderte sich, als ein neuer Betriebleiter kam. Das Betriebsklima verschlechterte sich zusehends, einige KollegInnen bekamen seit 2002 keine Lohnerhöhung mehr!
2012 waren sie dann bis zu dem Punkt gelangt, daß sie bis zu 40 Prozent unter Tarif erhielten. So entstand der Wunsch nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit, nach einem Tarifvertrag. Die Unterschiede im Lohn lagen bei BetriebshelferInnen zwischen 8.50 Euro und 13 Euro, bei Maschinenführern sogar zwischen 8.50 Euro und 19 Euro, bei PackerInnen zwischen 7.80 und 10 Euro. KollegInnen, die in zehn Jahren nicht einmal krank waren, blieben ganz unten in der Lohnstufe, andere, die häufig krank waren aber in der Gunst von Vorgesetzten hoch standen, bekamen öfter Lohnerhöhungen – „Nasenprinzip“ pur. Einige KollegInnen erhielten bis zu 50 Prozent weniger Lohn für gleiche Arbeit. Auch Urlaub und Sonderzahlungen wurden unterschiedlich und teils willkürlich gewährt.
Es muß unter miserablen Arbeitsbedingungen gearbeitet werden: Sehr staubig, im Sommer über 40 Grad, im Winter oft bitterkalt, etliche Produktionsbereiche nicht klimatisiert, es gab keine Dusche in Stellingen, immer noch nicht.

Der Mann, der diesen Wunsch nach Verbesserung organisierte, zuerst, indem er einen Betriebsrat gründete, dann, indem er die Belegschaft zu ca. 75 Prozent in der Gewerkschaft organisierte, war Murat Günes. Er war 1995 als Leiharbeiter bei Neupack angefangen, im nächsten Jahr wurde er fest angestellt, er arbeitete sich zum Maschinenführer hoch.

Die wechselvolle Geschichte des Betriebsrates:

Bis 2003 konnten 40 Prozent für die Gewerkschaft geworben werden.
Im Frühjahr 2012 waren es dann 75 Prozent.
BR-Wahl 2003: Mehrheit der IG BCE-Liste 5 zu 2
BR-Wahl 2006: Mehrheit der IG BCE-Liste 5 zu 2
BR-Wahl 2010: Mehrheit für Arbeitgeberseite 4 zu 3
BR-Wahl 2011: Mehrheit der IG BCE-Liste 4 zu 3.
Diese Mehrheit kam zustande, nachdem acht Kollegen der Arbeitgeberliste zurückgetreten waren.

Der einigende Faktor: Hoffen auf den Tarifvertrag
Die Gegensätze, die sich aus den verschiednen Ethnien und Religionen ergaben und oft zu heftigen Auseinandersetzungen führten, wurden gedämpft, indem es Murat Günes gelang, sie für die Gewerkschaft zu werben – in Hinblick auf  die Vorbereitung des Streiks.

Der Betriebsratsvorsitzende und andere Betriebsaktivisten warben in der Zeit vor Streikbeginn etwa 75 Prozent der Belegschaft für die Gewerkschaft und zusammen mit dem Gewerkschaftssekrtär Rajko Pientka orientierte er auf Tarifverhandlungen, wobei ihnen und der Belegschaft klar war, daß es angesichts der Mentalität der Krüger-Familie auf Streik hinauslaufen würde. Sie vertrauten der Kampfkraft ihrer großen Gewerkschaft,
Sie hatten „nur“ auf ihrer Forderung bestanden, auf die sie von ihrem BR-Vorsitzenden Murat Günes und ihrem Gewerkschaftssekretär Rajko Pientka in den Monaten vor Streikbeginn eingeschworen worden waren: Tarifvertrag statt Einzelarbeitsverträge!

Zum Streik kam es, weil Druck von der Belegschaft von Neupack ausging.
Es gab mehrere Probe-Urabstimmungen vor dem Streikbeginn am 1. November. Sie dienten dazu, Kampfbereitschaft, auch gegenüber Hannover zu demonstrieren.
Der Gewerkschaftssekretär Rajko Pientka, seit Oktober 2011 zuständig für die Firma Neupack in Stellingen und Rotenburg, identifizierte sich mit dem Wunsch der Belegschaft nach Verbesserung ihrer Lage und der Vorstellung, dies durch einen Tarifvertrag zu erreichen. Er setzte sich bei der Landesbezirksleitung nachdrücklich dafür ein. Dem Druck wurde nachgegeben, weil man in Hannover glaubte, leichtes Spiel zu haben als große Gewerkschaft mit 680 000 Mitgliedern gegenüber einem kleinen Krauter mit einer 200 Leutefirma. Der sollte zur Sozialpartnerschaft gezwungen werden. Dazu bedurfte es notfalls eines Streiks, um einen Tarifvertrag zu erzwingen.

Bei Neupack gab es keinen Vertrauensleutekörper. (Diese fehlende Struktur stellte sich während des Streiks als sehr hinderlich heraus. Es wurden zwar mehrfach Streikkomittees gebildet, die aber nicht wirkungsvoll funktionierten).

In die Erreichung eines Tarifvertrag hatten sie viel Hoffnungen reingelegt:
° Gleiche Löhne für gleiche Arbeit.
° Lohnerhöhungen auf 82 Prozent des Flächentarifvertrages. (Diese ganz bescheidne Forderung war wohlkalkuliert, sie war als Anfangsforderung gedacht, um auch möglichst viele KollegInnen dahinter zu kriegen.)
° Abschaffung des Nasenfaktors.
° Aufhören der Schikanen.
° Zahlung von Lohnerhöhungen (einige KollegInnen hatten seit 12 Jahren keine Lohnerhöhung mehr bekommen).
Aber: Diese Forderung nach einem Tarifvertrag war die Grundlage, die sie alle einte – und von der sie von der IG BCE-Führung erst abgebracht werden konnten mittels der Flexi-„Verarschung“..

Die Idee vom Flexi-Streik war schon länger in den Köpfen einiger Streikaktivisten. Ihnen war klar, daß der Flexi-Streik (ein wirksamer Flexi-Streik nach ihren Vorstelllungen) nicht von Anfang an gegangen wäre. Es mußte unter den Streikenden durch den Dauerstreik ein gegenseitiges Vertrauen und Zusammenhalt erzeugt werden. Ein Flexi-Streik nach ihren Vorstellungen sollte im März beginnen. Bis dahin sollte Krüger weiter mürbe gemacht werden. Der Flexi-Streik ab März sollte dann Krüger wirklich treffen: Ein Tag raus, ein Tag rein, bestimmte Abteilungen bestreiken, mal in Stellingen streiken, mal in Rotenburg. Bei gutem Auftragseingang streiken, bei schlechtem Auftragseingang reingehen. Als dann am 24.1. die IG BCE-Führung selbst mit der Idee des Flexi-Streiks kamen, waren sie zuerst irritiert, glaubten an die Argumente von Landesbezirksleiter Becker. Sie wurden baldl eines besseren belehrt und erkannten die IG BCE-Methode als Flexi-Verarschung.

Eine Zeittafel

Oktober 2011 Rajko Pientka wird für Neupak Stellingen und Rotenburg zuständiger Gewerkschaftssekretär der IG BCE
5./6. 12. 2011 Die Grundlagen für einen Haustarifvertrag für Neupack werden auf Mitgliederversammlungen in Stellingen und ROW vorgestellt
Im März 2012 finden Betriebsversammlungen und Mitgliederversammlungen statt.
Firma Neupack setzt auf Verzögerungstaktik.
10./11.5. finden Betriebsversammlungen statt, auf denen die Tarifvertragsvorstellungen der IG BCE erläutert werden.
22.5. Erste Verhandlungsrunde wird beendet mit der Absichtserklärung von Neupack, daß ein Haustarifvertrag abgeschlossen werden soll.
(Der Senior-Chef Jens Krüger erklärt ausdrücklich: Ich will einen Haustarifvertrag! Er wiederholt das auch auf Nachfrage! Dann jedoch muß der Heilige Geist des Kapitals über ihn gekommen sein – Die Krügers rücken von ihrer Haltung ab.)
Mit dem Hinweis auf Urlaubzeit verzögern sie die Verhandlungen und spielen auf Zeit.
10.9. Zweite Verhandlungsrunde. Arbeitgeberseite zeigt keinerlei Gesprächsbereitschaft.
15.9. Mitgliederversammlungen in Stellingen und ROW.
Anfang Oktober wird Arne Hoeck als Berater der Unternehmensleitung eingestellt. (Im Januar 2013 wird er als Geschäftsführer eingestellt und löst Haefner ab).
22.10. Dritte Verhandlungsrunde. Nach eine Stunde wird Verhandlung wird von IG BCE-Seite abgebrochen und für gescheitert erklärt, da Neupack nicht über Entgelt TV verhandelt. IG BCE führt halbtägigen Warnstreik durch.
23.10. Betriebsversammlungen in Stellingen und ROW auf Veranlassung des Betriebsrates.
25. u. 26.10. Neupack bietet auf Betriebsversammlungen (auf Veranlassung der Geschäftsführung) in Stellingen und ROW Lohnerhöhungen und Verbesserung der Arbeitsbedingungen an.
Der Betriebsrat lehnt dies aufgrund der laufenden Tarifverhandlungen  ab.
29. u. 30.10. Urabstimmungen in Stellingen und ROW
1.11. Um fünf Uhr Beginn des unbefristeten Erzwingungstreiks

Bei Neupack gab es im Oktober 2012 insgesamt 191 Beschäftigte, davon 128 in Stellingen und 63 in Rotenburg.
Von den 191 Beschäftigten sind 30 Angestellte (7 davon in ROW).
Es streiken 110 KollegInnen.
18 Gewerkschaftsmitglieder waren StreikbrecherInnen.

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