Corona-Maßnahmen in einer ganz normalen Fabrik in Deutschland

Von @schmuttko, 13.12.2020, Schichtarbeit in einer Wellpappenfabrik 
Dieser Bericht wurde uns zur Verfügung gestellt und ist ursprünglich hier (Link) veröffentlicht 
Unten ein Kommentar dazu.

Hier kommt, wie versprochen, der Bericht über die Corona-Maßnahmen in einer ganz normalen Fabrik in Deutschland. Habt etwas Nachsicht. Ich hatte Nachtschichtwoche und schreibe frei raus.

Ich arbeite in einer Wellpappenfabrik. Wir stellen Kartonagen her.

Insgesamt sind 600 Menschen dort beschäftigt. In meinem Bereich 80 Menschen pro Schicht. Es wird im 3-Schicht-System gearbeitet. Nacht-, Früh- und -Spätschicht.
Zum Anfang der Pandemie war die erste Handlung des Unternehmens uns Passierscheine für den Weg zur Arbeit auszustellen.

Falls man von der Polizei angehalten wird. Wochen später wurden dann vermehrt Desinfektionsspender an den Ein- und Ausgängen aufgestellt. Es wurden später auch Masken verteilt. Zum selber zusammenbauen.

Zwei Plastikstreifen mit Noppen, an denen der unzertifizierte und passend zugeschnittene Stoff eines Automobilzulieferers, der sich wohl auf die Schnelle auf die Maskenherstellung versucht hat, geklemmt wird und dann mit einer Schnüre hinter dem Kopf zusammengebunden wird.

Scherzhaft sagte ich zu meinen Kollegen, dass der Stoff noch nichtmal fürs Fliegengitter reichen würde. So groß und durchsichtig waren die Maschen in dem Stoff. Der Stoff ist auch eher Plastikartig und er kann öfters gewaschen werden, laut Hersteller (Automobilzulieferer).

Ganze 5 Stck. Stoff hat jeder Mitarbeiter bekommen. Für nunmehr 9 Monate. Ok. Es ist erstmal ein mechanischer Schutz. Ich habe sie aber nie getragen. Habe immer eine zuverlässigere Maske, die ich mir bei einem Gespräch mit dem Betriebsleiter erkämpft habe, von zu Hause getragen.

Schichtbeginn. Alles ist so wie immer. Es wird sich in der Umkleide umgezogen. Diese besitzt keine Fenster und nur eine Tür. Die Lüftung funktioniert sporadisch. Das ist seit Jahren so.

Ist sich fertig umgezogen wird die Maske aufgesetzt und sich zum Pausenraum bewegt wo man noch zusammen Kaffee trinkt. An den Tischen dürfen 4 Menschen sitzen, vor Corona waren es 6. Die Maske wird nur beim Bewegen getragen.

In den Pausen und an den Maschinen wird generell auf die Maske verzichtet. Der Schichtbeginn ist eine Katastrophe. Die unterschiedlichen Schichten treffen aufeinander und stehen zusammen. Es gibt also keine zeitversetzten Schichten.

Wer Maske trägt ist gut und wer keine trägt auch gut. Abmahnungen würde es für das Öffnen der Fenster geben. Es wird nicht gelüftet. Lüften ist generell untersagt. Wegen dem Hygienezertifikat von Anfang 2017. Closed-Door-Politik.

Es könnte Laub von Draußen auf die Kartonage fallen. Das heißt, es wird nicht gelüftet und es gibt auch keine Klimaanlagen oder Luftumwälzungsanlagen. Ich will es jetzt kurz machen.

Es hängen überall Plakate wie man sich Privat zu verhalten hat. Nicht feiern, keine Kontakte, Urlaub verzichten usw. aber in der Firma läuft alles so wie vor Corona. Nur mit dem Unterschied, dass alles auf die Maske geschoben wird.

Keinerlei Umstrukturierungen was die Arbeitsabläufe angeht und keinerlei Umbauten an den Arbeitsplätzen. Es stehen alles am band so wie vor Corona auch. Sprich, das Unternehmen macht sich einen schlanken Fuß und überträgt die Verantwortung auf den eh geschundenen Mitarbeiter.

Vor 15 Jahren gab es zwischen den höllisch lauten Maschinen noch meterhohe Schallschutzwände. Nachdem jeder Mitarbeiter mit angepasstem Gehörschutz versorgt wurde, wurden diese Schutzmaßnahmen (Schutzschall, Isolierung) nach und nach abgebaut.

Platz wurde frei für weitere laute Maschinen. Der Mensch dazwischen alleine gelassen.

Was ich sagen will, es läuft praktisch alles wie vor Corona. Mit dem Unterschied, dass billige Lösungen wie Maske und Desinfizierspender installiert wurden.

Kontrollen ob dessen Gebrauch gibt es nicht. Obwohl sonst jeder Scheiß kontrolliert wird. Am meisten rege ich mich aber über das Nicht-Lüften auf. Jedes Kind weiß doch mittlerweile, dass in geschlossenen Räumen öfters gelüftet werden sollte um die eigenen Gesundheit …
..und Schlussendlich auch die anderer Menschen zu schützen. Das wird in der Fabrikhalle nicht gemacht. Zu groß die Mühen und zu groß der Aufwand (Luftzirkulation, Fenstereinbau) wohl für die Firma. Wenn es denn um die Befindlichkeit des Mitarbeiters in der Produktion geht.

Das wegen dieser idiotischen Closed-Door-Politik (Stickige Luft) die Gesundheit, ganz unabhängig von Corona, der Mitarbeiter leidet ist egal.

Es haben sich auch schon einige Mitarbeiter mit Corona infiziert. Laut deren Angaben wurde ihnen vom stellvertretendem Geschäftsleiter mitgegeben, am Besten nur einen Mitarbeiter beim Gesundheitsamt anzugeben. weil man ja Masken trägt….

Ich werfe hier die Frage auf, mit welchem recht werden z.B. Theater mit hervorragenden Schutzmaßnahmen geschlossen und in der freien Wirtschaft alles so weiter laufen gelassen?


Von S.H., Bremen, 28.12.2020:
Das was der @schmuttko schreibt ist die Regel. Auch in dem Betrieb in dem ich arbeite geht es ähnlich zu. Der Unterschied ist, dass es ein groß ausgearbeitetes Hygienekonzept gibt, welches aber nur auf dem Papier stattfindet. Masken sind bei uns Mangelware, müssen aber getragen werden. In meinem Bereich haben wir dünne Papier Masken die eigentlich keinen Sinn machen. Wir arbeiten da mit mehreren Kollegen und Kolleginnen am selben Arbeitsplatz, wo ein ständiges Desinfizieren gar nicht möglich ist. Abstände einhalten nicht möglich. Gerade die Geschäftsführung und die Führungskräfte sind die diejenigen die immer wieder gegen ihr eigenes Konzept verstoßen. Zum Anfang des Lockdown durften wir dann unsere Umkleide-Räume nur noch mit max. 2 Personen nutzen, die Folge war, dass es doch einige Zeit gedauert hat, bis alle umgezogen am Arbeitsplatz waren. Die Regel wurde dann direkt wieder abgeschafft. Wie gesagt, die Produktion und das Geldverdienen steht an erster Stelle.

Das Schlimmst ist, dass wenn sich Kollegen*innen wegen Corona oder Verdacht krankmelden, erfahren es die anderen nicht oder erst, wenn der oder die Betroffene wieder da ist. Alles ganz schön asozial. Ich als Arbeiter kann mich im privaten Umfeld schützen, aber auf der Arbeit habe ich keine Möglichkeit dazu.

LG, S.

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