Bericht zum149. Jour fixe: Das SS–Massaker von Distomo und der Kampf eines Überlebenden um Gerechtigkeit

Veranstaltung des AK Distomo im Rahmen des „Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg“ am 1.03.2017

Für das gut besuchte Treffen hatten wir glücklicherweise noch den Raum B dazugenommen, sodaß alle 85 Teilnehmerinnen Platz fanden, wenn auch einige in der letzten Reihe auf Tischen sitzen mußten.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Lesung von Passagen aus der Biografie von Agyris Sfountouris , eines der wenigen Überlebenden des SS-Massakers von Distomo am 10.06.1944. Der Hamburger Publizist Patric Seibel war zufällig auf Sfountouris aufmerksam geworden und in enger Zusammenarbeit mit ihm entstand die vorgestellte Biografie als einfühlsames Portrait seines vielschichtigen Lebens: „Ich bleibe immer der vierjährige Junge von damals“.

Patric Seibel hat Textauszüge vorgetragen, die vom ebenfalls anwesenden Agyris Sfountouris ergänzt oder kommentiert wurden. Am Beispiel einzelner Lebensetappen gelang es deutlich zu machen, inwieweit die traumatischen Erlebnisse um das Massaker von Distomo, dem Stountouris Eltern und ein Großteil seiner Familie zum Opfer fiel, seinen weiteren Lebensweg maßgeblich geprägt haben. Er kämpft seit vielen Jahren um eine wahrheitsgemäße Geschichtsschreibung, die die deutsche Verantwortung für die Ermordung von 218 Bewohnern seines Heimatdorfes nicht nur benennt und anerkennt, sondern auch die lebenslang von diesen Verbrechen Gezeichneten angemessen entschädigt. Dies ist bis heute nicht geschehen.

Anschließend wurde aus Büchern und Essays, die Sfountouris selbst verfasst hat, vorgelesen und so ein weiterer Einblick in verschiedene Phasen seines ereignisreichen Lebens gegeben.

Ein zweiter Schwerpunkt des Abends war dem Kampf um Entschädigung der griechischen NS-Opfer gewidmet.

Die breite Blutspur, die die Verbrechen von SS und Wehrmacht in Europa hinterließ, ist in unendlich vielen Gedenksteinen überall in Europa präsent. Allerdings fand und findet dies, wenn überhaupt, nur sehr unzureichend Eingang in den Geschichtsunterricht an deutschen Schulen, in den gesellschaftlichen Diskurs insgesamt. Im Gegenteil wird die politische Elite nicht müde zu behaupten, eine weltweit einmalige Auseinandersetzung mit den Verbrechen des NS-Regimes initiiert zu haben.

Aus der Sicht der Kriegsopfer und ihrer Nachkommen stellt sich dies ganz anders dar: Griechenland befindet sich seit knapp 10 Jahren im Würgegriff seiner internationalen Geldgeber, hat jegliche staatliche politische Autonomie verloren. Weite Teile seiner Bevölkerung sind im Zuge der von außen verordneten Sparmaßnahmen einer wachsenden Verarmung und Verelendung ausgesetzt. Ausgerechnet die deutsche Regierung als Führungsmacht innerhalb der EU spielt dabei erneut eine besonders schändliche Rolle.

Die unendliche Geschichte, wie sich die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des faschistischen Deutschen Reiches seit 1946, d.h. bereits vor der Staatsgründung, bis heute jeglicher Zahlungsverpflichtung für die vielen tausend zivilen Opfern der Verbrechen von SS und Wehrmacht entzieht, gerät zu einem Lehrstück, das in seinen einzelnen Akten durch Vertreter des AK Distomo überzeugend dargelegt wurde. Erst bis zum Abschluss eines gesamtdeutschen Friedensvertrages vertagt, zogen die Vertreter der deutschen Regierung nach 1990 alle Register bis hin zu absurden Argumentationen und völkerrechtswidrigen Vereinbarungen, um alle Entschädigungsforderungen abzuwehren. Ihrem wachsenden politischen Einfluss ist es zu verdanken, dass bisher keine rechtliche Instanz dem Einhalt geboten hat. So verwegen es klingt, ist Deutschland in Wahrheit der größte Schuldner Europas!

Distomo steht stellvertretend für unzählige Orte in vielen europäischen Ländern, in denen die Bewohner ein ähnliches Schicksal während der Naziherrschaft erlitten haben und die ebenso eine Wiedergutmachung dringend benötigen.

In dem seit vielen Jahren hartnäckig geführten Kampf der Aktivisten des AK Distomo in enger Kooperation mit Überlebenden und auch ausländischen Rechtsanwälten quasi gegen Windmühlenflügel konnten durchaus Teilerfolge erreicht werden. Durch sehr gut besuchte Veranstaltungen wie die dargestellte und weitere öffentlichkeitswirksame Aktionen geht es darum, gegen willkürliche Rechtsbeugung, nicht nur vergangene Verbrechen betreffend, klar Stellung zu beziehen und das in den Medien verbreitete Griechenlandbild offensiv zu korrigieren, um so öffentliche Unterstützung für die legitime Forderung der allzu lang verweigerten Wiedergutmachung einzufordern.

Barbara Kübel

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