Arbeiterbewegung von rechts? Ein aktueller Forschungsbeitrag

Warum stößt der sich ausbreitende „völkische Nationalismus“ bei Arbeitern, Gewerkschaftsmitgliedern und Erwerbslosen auf überdurchschnittliche Resonanz?

Diese Frage bewegt uns als „Gewerkschaftslinke Hamburg“ natürlich ganz besonders.

Aussagekräftiges Material dazu, sprich den akademischen Forschungsstand und eine eigene aktuelle Studie dazu liefert ein 50-seitiger Beitrag von Klaus Dörre (u.a), seit 2005 Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Gründungsmitglied des Institut Solidarische Moderne, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac und … …

Titel: Arbeiterbewegung von rechts? Motive und Grenzen einer imaginären Revolte
https://link.springer.com/article/10.1007/s11609-018-0352-z

Inhaltsverzeichnis:
1 Einleitung: Aufstand der Mitte oder Arbeiterrevolte?
2 Tiefenbohrung im gewerkschaftlichen Arbeitermilieu
3 Der heuristische Rahmen
4 Alltagsbewusstsein und rechtspopulistische Orientierungen
5 Ansichten zu Demokratie, Volk und System
6 Die national-soziale Gefahr und wie ihr (nicht) zu begegnen ist

Auszug aus Punkt 6 zur Frage Gewerkschaften und Rechtsextreme: „In der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der national-sozialen Gefahr fällt … den Gewerkschaften eine wichtige Rolle zu. Häufig sind sie die einzigen Organisationen, die Arbeiter mit Sympathien für die populistische Rechte überhaupt noch erreichen. Unklar ist jedoch, wie eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit dem radikalisierten Populismus aussehen könnte.“

Wer sich weniger umfassend mit der Studie beschäftigen möchte, dem sei ein 30-minütiges Interview des Deutschlandfunks mit Klaus Dörre zum Thema Zunkunft der Gewerkschaften empfohlen, das man lesen oder hören kann:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/soziologe-klaus-doerre-ueber-die-zukunft-der-gewerkschaften.990.de.html?dram:article_id=417757.

Dem Langtext (s.o.) ist folgende Zusammenfassung vorangestellt:
„Der Beitrag befasst sich mit völkisch-populistischen Orientierungen von betrieblich aktiven, gewerkschaftlich organisierten und teilweise in Betriebsräten aktiven Arbeitern. Anhand einer empirischen Tiefenbohrung wird gezeigt, wie sich im Alltagsbewusstsein der Befragten Protestmotive mit einer Ethnisierung der sozialen Frage verbinden.“ … „Imaginär bleibt die populistische Revolte, weil sie, letztendlich herrschaftskonform, auf eine Wiederherstellung von Verhältnissen zielt, die nicht wiederherstellbar sind. Unsere empirischen Befunde verhalten sich zu monokausalen Erklärungen sperrig, verweisen jedoch auf eine verdrängte Klassenproblematik. Weil es aussichtslos erscheint, als ungerecht empfundene Verteilungsverhältnisse grundlegend zu korrigieren, neigen Lohnabhängige spontan dazu, Auseinandersetzungen zwischen oben und unten in Konflikte zwischen innen und außen umzudefinieren. Die Tendenz zu exklusiver Solidarität wird vom organisierten Rechtspopulismus aufgegriffen und verstärkt – eine Herausforderung für demokratische Zivilgesellschaften und die Gewerkschaften.“

Weiteres Zitat:
„Pegida und die AfD als Demokratiebewegung normaler Lohnabhängiger – das ist der Tenor von Selbstdarstellungenradikal rechts orientierter Arbeiter, die wir im Rahmen eines laufenden Forschungsvorhabens zum „Gesellschaftsbild des Prekariats“ erhoben haben. Unsere Primärerhebung …, die als Teilprojekt eine Tiefenbohrung … in sächsischen Regionen beinhaltet, aktualisiert eine Basisstudie zu Prekarität und Rechtspopulismus aus den Jahren 2003–2006. Empirische Grundlage dieser Basisstudie sind themenzentrierte Interviews mit Arbeitern und Angestellten …, darunter viele prekär Beschäftigte und Erwerbslose, Expertengespräche mit Führungskräften, Betriebsratsmitgliedern und Gewerkschafterinnen … sowie eine Gruppenbefragung von Leiharbeitskräften, die wir nun mit einer neu zusammengesetzten Forschungsgruppe reinterpretieren.“

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