Sam Moss vor 80 Jahren: Die Machtlosigkeit revolutionärer Gruppen! – Wie machtvoll können wir heute sein?

Faksimile "Living Marxism" Nr. 7 (1939)
Faksimile „Living Marxism“ Nr. 7 (1939)

Den folgenden Text schrieb Sam Moss ca. 1939 zur Auseinandersetzung innerhalb rätekommunistischer Gruppen und GenossInnen in den USA. Diese waren stark involviert in die Kämpfe der Arbeiterklasse: Streiks, Straßenkämpfe, Platzbesetzungen. Mit dem New Deal von Roosevelt wurde die Situation befriedet. Der Ausgangspunkt von Moss: „Bewandert in der Diskussion der Entwicklung des Kapitalismus, haben die kleinen und ineffektiven revolutionären Organisationen, die an den Rändern der breiten Massen umherschwirren, doch nichts dazu beigetragen – weder im Guten noch im Schlechten – den Verlauf der Geschichte zu beeinflussen.“

Anmerkung:
Wir stimmen grundsätzlich dieser sehr realistischen Einschätzung der Arbeiterklasse zu. Auch wenn es eine Einschätzung von 1939 ist, auch wenn es eine Einschätzung der us-amerikanischen Arbeiterklasse ist.

Europa hatte und hat andere Bedingungen, aber gerade die Einschätzung der Arbeiterklasse der USA bringt Grundsätzliches zum Bewußtsein der Arbeiterklasse klarer zum Ausdruck. Der Unterschied zu den USA: In Europa gab es damals (in den 20er und 30er Jahren) starke kommunistische und sozialdemokratische Parteien. Das könnte den Eindruck erwecken, als wenn die Zugehörigkeit oder das Wählen dieser Parteien bedeutete, eine sozialistische Gesellschaft anzustreben.
Sam Moss beschreibt richtig, daß Lohnabhängige, nur weil sie Lohnabhängige sind, kein Revolutions-Gen mit in die Wiege gelegt bekommen haben. Ihr Interesse ist es, ein auskömmliches Leben zu führen mit einer positiven Zukunftsperspektive für die nächste Generation. Der Kapitalismus (und Imperialismus!) ist ihnen erstmal nicht wesenfreund, sie werden hineingeboren und wachsen in ihm auf, mit all seinen Eindrücken und Verlockungen. Sie atmen ihn quasi mit der Muttermilch ein.
Realistisch ist der Text von Sam Moss auch deswegen, weil er allen kommunistischen Gruppen mit Avantgarde-Anspruch die Luft aus den Reifen läßt. Nicht die Parteien sondern die Massen sind die entscheidenden Faktoren bei gesellschaftlichen Umbrüchen. Das zeigte sich 1917, als sie in der Februar-Revolution das jahrhundertealte Zaren-Regime stürzten und ebenso im November 1918 in Deutschland und Österreich-Ungarn die Kaiser-Regime.
Sam Moss argumentiert zu Recht, daß die Bedingungen, unter denen die Arbeitermassen leben, entscheidend sind für die Entwicklung ihres Bewußtseins. Nicht die kommunistischen Gruppen „schaffen“ das revolutionäre Bewußtsein sondern der Kapitalismus selbst schafft die Voraussetzungen für radikales Bewußtsein. Die Radikalität kann nach links oder rechts ausschlagen.
Unsere Aufgabe ist es, das radikale, Auswege suchende, Bewußtstein zu fördern und Hilfen bei der Organisierung anzubieten. Und nicht zu glauben, mit Avantgarde-Anspruch, sich an die Spitze setzen zu können. (DW)


Zur Machtlosigkeit revolutionärer Gruppen[i]2

von Sam Moss3

Der Unterschied zwischen den radikalen Organisationen und den breiten Massen stellt sich als Unterschied in den Zielsetzungen dar. Erstere wollen anscheinend den Kapitalismus zerstören; die Massen versuchen nur, ihren Lebensstandard innerhalb des Kapitalismus aufrechtzuerhalten. Die revolutionären Gruppen agitieren für die Abschaffung des Privateigentums; die Menschen, Massen genannt, besitzen entweder Teile von Privateigentum oder hoffen, diese eines Tages zu besitzen. Die kommunistisch Inspirierten kämpfen für die Ausrottung des Profitsystems; die Massen, kapitalistisch inspiriert, sprechen von dem Recht der Bosse auf „gerechten Profit“. Solange wie für eine relativ große Mehrheit der amerikanischen Arbeiterklasse die Lebensbedingungen, an die sie gewohnt sind, weiterbestehen und sie genügend Freizeit haben, um ihren Beschäftigungen, wie zum Beispiel Baseball und Kino, nachzugehen, sind sie im Allgemeinen recht zufrieden und dankbar gegenüber einem System, das diese Dinge ermöglicht. Der Radikale, der dieses System ablehnt und so ihre Position darin gefährdet, ist ihnen weitaus gefährlicher als die Bosse, die sie bezahlen und sie zögern keinesfalls, einen Märtyrer aus ihm zu machen. Solange wie das System ihre grundlegenden Bedürfnisse in der hergebrachten Form befriedigt, sind sie sehr zufrieden damit und welche Übel auch immer sie in der Gesellschaft erblicken mögen, so schreiben sie diese „ungerechten Bossen“, „schlechten Managern“ oder anderen Personen zu.

Das Verständnis der kleinen radikalen Gruppen – „Intellektuelle“, die „zum [theoretischen] Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben“[ii] und die die Ursache der gesellschaftlichen Missstände eher im System denn im Individuum sehen – geht über die Ziele der Arbeiter hinaus. Sie erkennen, dass die grundlegenden Bedürfnisse der Arbeiterklasse innerhalb des Kapitalismus nur für eine vorübergehende Periode befriedigt werden können und dass jedes Zugeständnis, welches das Kapital der Arbeit macht, nur dazu dient, den Todeskampf zwischen diesen Gegnern aufzuschieben. Zumindest theoretisch versuchen sie ständig, den Kampf für unmittelbare Forderungen in einen Kampf gegen das System zu verwandeln. Aber im Vergleich zur Realität von Brot und Butter, die der Kapitalismus der Mehrheit der Arbeiter immer noch anbieten kann, können die Radikalen nur Hoffnungen und Ideen unterbreiten und die Arbeiter beenden den Kampf, sobald ihre Forderungen erfüllt sind.

Der Grund für den scheinbaren Unterschied zwischen den revolutionären Gruppen und der Arbeiterklasse ist einfach zu verstehen. Die Arbeiterklasse, nur besorgt um die momentanen Bedürfnisse und im Allgemeinen zufrieden mit ihrer gesellschaftlichen Stellung, spiegelt das Niveau der kapitalistischen Kultur wider – eine Kultur, die für „die enorme Mehrzahl die Heranbildung zur Maschine“[iii] darstellt. Die Revolutionäre stellen jedoch sozusagen Abweichungen von der Arbeiterklasse dar; sie sind Begleiterscheinungen des Kapitalismus; sie stellen isolierte Fälle von Arbeitern dar, die aufgrund einzigartiger Umstände ihres individuellen Lebens dahingehend vom gewöhnlichen Entwicklungskurs abgewichen sind, dass sie, obgleich sie Nachkommen von Lohnsklaven sind, sich ein Interesse an intellektueller Auseinandersetzung angeeignet haben, indem sie sich die vorhandenen Bildungsmöglichkeiten zunutze machten. Obgleich es viele von diesen geschafft haben, in das Kleinbürgertum aufzusteigen, sind andere, deren Karrieren in diese Richtung durch die Umstände verhindert waren, als intellektuelle Arbeiter innerhalb der Arbeiterklasse verblieben. Unzufrieden mit ihrer gesellschaftlichen Situation als Maschinenanhängsel, lehnen sie sich, die unfähig sind, innerhalb des Systems aufzusteigen, gegen selbiges auf. Recht häufig abgeschnitten von der Verbindung mit ihren Arbeitskollegen am Arbeitsplatz, die ihre radikalen Ansichten nicht teilen, vereinigen sie sich mit anderen rebellischen Arbeitern und anderen erfolglosen Karrieristen anderer Gesellschaftsschichten in Organisationen zur Veränderung der Gesellschaft. Wenn sie auch in ihrem Kampf um die Befreiung der Massen von der Lohnsklaverei aus nobelsten Motiven heraus zu handeln scheinen, ist es sicherlich nicht schwer, zu sehen, dass, wenn man für jemanden anderes leidet, man nur das Leid des anderen als sein eigenes identifiziert hat. Aber wann immer sie die Gelegenheit haben, innerhalb der existierenden Gesellschaft aufzusteigen, zögern sie nicht, abgesehen von seltenen Ausnahmen, ihre revolutionären Ziele aufzugeben. Und wenn sie dies tun, liefern sie eine ehrliche und vernünftige Logik für ihre Abtrünnigkeit, denn, „Bedarf es tiefer Einsicht, um zu begreifen, daß mit den Lebensverhältnissen der Menschen auch ihr Bewußtsein sich ändert?“[iv] Bewandert in der Diskussion der Entwicklung des Kapitalismus, haben die kleinen und ineffektiven revolutionären Organisationen, die an den Rändern der breiten Massen umherschwirren, doch nichts dazu beigetragen – weder im Guten noch im Schlechten – den Verlauf der Geschichte zu beeinflussen. Ihre gelegentlichen Perioden der Aktivität können nur durch die vorübergehende oder dauerhafte Aufgabe ihrer revolutionären Ziele erklärt werden, wodurch sie versuchten, sich den unmittelbaren Forderungen der Arbeiter anzunähern. Sie spielten dabei aber nicht die ihnen eigene revolutionäre Rolle, sondern erfüllten die konservative Rolle der Arbeiterklasse. Sobald die Arbeiter ihre Ziele erreicht hatten, fielen die radikalen Gruppen wieder in die Bedeutungslosigkeit zurück. Sie hatten immer nur eine ergänzende Rolle und niemals eine entscheidende.

II.
Der Autor ist überzeugt davon, dass die Tage der revolutionären Partei gezählt sind; unter den gegenwärtigen Bedingungen werden die revolutionären Gruppen solange toleriert, oder besser ignoriert, wie sie bedeutungslos sind; nichts ist so symptomatisch für ihre Bedeutungslosigkeit als die Tatsache, dass ihre Existenz erlaubt ist. Wir haben oft gesagt, dass nur die Arbeiterklasse alleine – die solange fortbestehen wird, wie der Kapitalismus besteht und die unter diesem System nicht vernichtet werden kann – einen erfolgreichen Kampf gegen den Kapitalismus führen kann und dass die Initiative seinen Händen nicht entrissen werden kann. Wir können hier schließlich hinzufügen, dass der Konservatismus der heutigen Arbeiterklasse, nur die weiterhin bestehende, erhebliche Stärke des Kapitalismus widerspiegelt und dass diese materielle Macht nicht durch Propaganda aus der Welt geschafft werden kann, sondern durch eine materielle Macht, die größer als die des Kapitals ist.

Dennoch kritisieren Mitglieder unserer eigenen Gruppe von Zeit zu Zeit die Inaktivität der Gruppe. Sie erklären, dass wir, angesichts unserer Isolation vom heutzutage geführten Klassenkampf, im Wesentlichen bloße Studiengruppen sind, die vollständig von den Entwicklungen abgeschnitten sein werden, wenn es zu gesellschaftlichem Aufruhr kommt. Sie führen an, dass aufgrund der Allgegenwärtigkeit des Klassenkampfs, es uns als revolutionärer Organisation obliege, den Klassenkampf zu verschärfen. Aber sie schlagen kein spezifisches Handeln vor. Die Tatsache, dass alle anderen radikalen Organisationen im Feld, die, trotz ihres Bestrebens ihre Isolierung zu überwinden, unbedeutende marxistische Sekten wie unsere sind, überzeugt unsere Kritiker nicht von der Vergeblichkeit jeglichen Handelns, das kleinen Gruppen möglich ist.

Die sehr allgemeine Aussage, dass der Klassenkampf allgegenwärtig sei und dass wir ihn verschärfen müssten, wird zuerst einmal in der Annahme getroffen, dass der Klassenkampf ein revolutionärer Kampf ist, tatsächlich jedoch sind die Arbeiter als Masse heutzutage konservativ. Es wird davon ausgegangen, dass der Klassenkampf direkt auf die Schwächung des Kapitalismus abzielt, aber, obgleich er letztlich diesem Ziel dient, richtet er sich tatsächlich auf die Sicherung der Position der Arbeiter innerhalb der Gesellschaft. Darüber hinaus wird der tatsächliche Klassenkampf nicht durch revolutionäre Organisationen geführt. Er wird in den Fabriken und durch die Gewerkschaften geführt.

In Amerika wird er heute durch Organisationen wie die A.F. of L. und die C.I.O.7 geführt und obgleich hier und da verteilt über den Kontinent sporadische Streiks aufkommen, die von allen existierenden konservativen Organisationen verboten wurden und die die Form aufzeigen, die der Klassenkampf annehmen mag, sobald der Staat all diese Organisationen vollständig ihrer Macht beraubt, sind diese Arbeiterbewegungen heutzutage spärlich und isoliert. Es stimmt, dass die Führung sowohl des C.I.O als auch der A.F. of L. konservativ sind, andererseits verhält es sich auch mit den Mitgliedern beider Gewerkschaften so. Um ihre Mitglieder zu behalten und mehr Arbeiter zu gewinnen, müssen die Gewerkschaften von der kapitalistischen Klasse Konzessionen für sie abringen; die Arbeiter verbleiben nur in den Gewerkschaften, weil sie durch selbige solche Konzessionen erreichen; und in dem Maße, als sie solche Konzessionen für die Arbeiter erlangen, führen die Gewerkschaften den Klassenkampf. Wenn wir uns also in den Klassenkampf stürzen wollen, müssen wir dorthin gehen, wo der Klassenkampf geführt wird. Wir müssen uns entweder auf die Fabriken oder die Gewerkschaften oder beides konzentrieren. Wenn wir das tun, so müssen wir, zumindest nach außen hin, unsere revolutionären Prinzipien preisgeben, denn wenn wir ihnen Ausdruck verleihen, werden wir schnell aus dem Job entlassen und aus der Gewerkschaft ausgeschlossen und damit, mit einem Wort, erneut vom Klassenkampf abgeschnitten und jäh in unseren vorherigen Zustand der Machtlosigkeit zurückversetzt. Im Klassenkampf aktiv zu werden, bedeutet folglich, so konservativ zu werden, wie die große Gruppe der Arbeiter. Anders ausgedrückt: sobald wir also in den Klassenkampf eintreten, können wir nichts Besonderes dazu beitragen. Die einzige Alternative zu diesem Kurs besteht darin, auf unsere Art weiterzumachen, machtlos an unseren Prinzipien festhaltend. Unabhängig von dem von uns verfolgten Kurs, ist es offensichtlich, dass wir den Gang der Dinge nicht beeinflussen können. Unsere Machtlosigkeit illustriert, was für alle offensichtlich sein sollte: Geschichte wird alleine von den breiten Massen gemacht.

Die rätekommunistischen Gruppen unterscheiden sich von allen anderen revolutionären Gruppen darin, dass sie sich nicht als Avantgarde der Arbeiter noch als Führer der Arbeiter verstehen, sondern als eins mit der Arbeiterbewegung. Aber dieser Unterschied zwischen unserer Organisation und anderen ist nur ein ideologischer Unterschied und es entspricht ihm kein materieller Unterschied. Praktisch sind wir tatsächlich wie alle anderen Gruppen. Wie sie, funktionieren wir außerhalb der Sphären der Produktion, in denen der Klassenkampf ausgefochten wird; wie sie, sind wir von der großen Masse der Arbeiter isoliert. Nur in der Ideologie unterscheiden wir uns von von allen anderen revolutionären Gruppen, andererseits ist es nur die Ideologie, in der sich alle Gruppen voneinander unterscheiden. In der Praxis gibt es keinen Unterschied zwischen den Gruppen. Und wenn wir den Vorschlägen unserer Kritiker folgten und „den Klassenkampf verschärften“, würde unser „leninistischer“ Charakter ziemlich offensichtlich. Lassen wir uns beispielsweise einmal annehmen, dass es für uns als unabhängige Gruppe möglich ist, die Arbeiter eines bestimmten Industriezweiges zu organisieren. Der Umstand, dass diese sich nicht aus eigenem Antrieb heraus, ohne unsere Hilfe, bewegt haben, bedeutet, dass sie für ihre Initiative von uns abhängig sind. Indem wir ihnen die Initiative geben, nehmen wir sie ihnen aus den Händen. Wenn sie entdecken, dass wir in der Lage sind, ihnen den ursprünglichen Impuls zu geben, werden sie für weitere Impulse von uns abhängig sein und wir werden uns bald in der Situation sehen, dass wir sie Schritt für Schritt anführen. Folglich ignorieren diejenigen, die für die „Verschärfung“ des Klassenkampfs eintreten nicht nur die objektiven Bedingungen, die ein solches Vorgehen in Frage stellen, sondern befürworten auch unsere Führerschaft gegenüber den Massen. Selbstverständlich mögen sie sagen, dass wir uns gegen die Übel einer solchen Entwicklung schützen könnten, da wir ja um sie wüssten. Aber auch dieses Argument ist ein ideologisches. Praktisch werden wir gezwungen sein, uns an die Umstände anzupassen. Es wird also offensichtlich, dass wir durch eine solche Praxis wie eine leninistische Gruppe funktionieren würden und im besten Falle nur die Ergebnisse des Leninismus hervorbringen könnten. Die Machtlosigkeit der existierenden leninistischen Gruppen zeigt jedoch, dass der Erfolg selbst eines solchen Verlaufs unwahrscheinlich ist und verweist einmal mehr darauf, dass in Bezug auf die wirklichen proletarischen Bedürfnisse, kleine revolutionäre Gruppen obsolet geworden sind. Vielleicht kündigt dieser Zustand den sich nähernden Tag an, wenn es für jegliche kleine Gruppe objektiv unmöglich sein wird, die Führung der Massen zu übernehmen, da sie am Ende gezwungen wäre, sie für ihre eigenen Bedürfnisse auszubeuten. Nur die Arbeiterklasse kann den revolutionären Kampf führen, auch wenn sie heute nur den nicht-revolutionären Kampf führt, und der Grund dafür, dass sich die rebellischen klassenbewussten Arbeiter in außerhalb des Klassenkampfs stehenden Gruppen zusammentun, ist einzig, dass es bislang keine revolutionäre Bewegung darin gibt. Ihre Existenz als Gruppen zeigt darum, dass es keine revolutionäre Situation, sondern vielmehr eine nicht-revolutionäre Situation gibt. Wenn die Revolution kommt, werden ihre Mitglieder darin eintauchen, nicht als funktionierende Organisationen, sondern als individuelle Arbeiter.

Obgleich die objektiven Bedingungen zwischen uns und anderen Organisationen keine praktischen Unterschiede zulassen, können wir wenigstens unsere ideologischen Unterschiede aufrechterhalten. Während also alle Gruppen in den unmöglichsten Situationen die Revolution sehen und glauben, dass alles, was für die Revolution fehlt, eine Gruppe mit den „richtigen marxistischen Grundsätzen“ ist; während, kurzum, sie die Bedeutung von Ideen überbewerten und sich zufälligerweise als die Träger dieser Ideen sehen – eine Haltung, die ihren Hang zum Karrierismus reflektiert –, wollen wir die Wahrheit jeder Situation sehen. Wir sehen, dass der Klassenkampf heute noch konservativ ist; dass die Gesellschaft nicht einfach durch diesen einen Kampf geprägt ist, sondern durch eine Vielzahl von Kämpfen, die von der Vielfalt der Schichten innerhalb des Systems abhängen und die bislang den Kampf zwischen Kapital und Arbeit zugunsten des Kapitals beeinflusst haben.

Da wir jedoch nicht bloß die unmittelbare Situation, sondern auch die darin enthaltenen Trends sehen, verstehen wir, dass die Schwierigkeiten des Kapitalismus zunehmend wachsen und dass sich die Mittel zur Befriedigung auch nur der unmittelbaren Bedürfnisse der Arbeiterklasse kontinuierlich verringern. Als Begleiterscheinung der sinkenden Profitabilität des Kapitalismus sehen wir eine zunehmende Angleichung der Spaltungen innerhalb der zwei Klassen, einmal durch die Enteignung von Kapitalisten durch Kapitalisten in der Oberklasse und dann in der Unterklasse durch eine zunehmend einheitlichere Verteilung der Subsistenzmittel unter den Massen, um die gesellschaftliche Katastrophe abzuwehren, die eintreten würde, würden sie nicht befriedigt werden. Während diese Entwicklungen stattfinden, formieren sich die unterschiedlichen Ziele der Oberklasse zu einem Ziel: die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Ausbeutungssystems. Die unterschiedlichen Ziele der Arbeiter formieren sich, trotz der wachsenden ideologischen Verwirrung, zu einem Ziel: ein grundlegender Wandel der gegenwärtigen sozioökonomischen Formen des Lebens. Dann werden wir, als eine bloß zusätzliche Schicht der Arbeiterklasse, oder, genauer gesagt, als Ableger, wirklich in der gesamten Arbeiterklasse aufgehen, indem unsere Ziele in ihren aufgehen und wir uns in dem revolutionären Kampf verlieren werden.

Aber, so mag gefragt werden, warum schließt ihr Euch in Gruppen zusammen, wenn ihr doch um die Sinnlosigkeit der Handlung wisst? Die Antwort besteht einfach darin, dass die Handlung ein persönliches Bedürfnis befriedigt. Es ist unvermeidlich, dass Menschen, die das Gefühl der Rebellion gegen eine auf Ausbeutung und Krieg gegründete Gesellschaft teilen, in der Gesellschaft nach ihresgleichen suchen und mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Waffen kämpfen. Unfähig, zusammen mit dem Rest der Bevölkerung gegen das System zu rebellieren, werden sie sich ihm alleine entgegenstellen. Die Tatsache, dass sie sich an einer solchen Handlung beteiligen, wie sinnlos sie auch immer erscheinen mag, stellt die Grundlage für die Voraussage dar, dass auch die großen Massen sich aus derselben Dringlichkeit heraus zusammenschließen werden und auch alle ihnen zur Verfügung stehenden Waffen nutzen werden, sobald sie sich in ähnlicher Weise berührt fühlen und auf die Zwänge einer objektiv revolutionären Situation reagieren. Wenn sie dieses tun, werden sie es nicht aus ideologischen Gründen tun, sondern aus Notwendigkeit und ihre Ideologien werden nur die dann erforderlichen Notwendigkeiten reflektieren, so wie ihre gegenwärtigen bürgerlichen Ideologien ihre heutigen Notwendigkeiten reflektieren.

Die Ansicht, dass kleine Gruppen keine revolutionäre Effektivität aufweisen, wird von revolutionären Organisationen als pessimistisch erachtet. Was ist, wenn diese Ansicht die Unvermeidbarkeit der Revolution anzeigt? Was ist, wenn sie auf das objektive Ende der vorab festgelegten Führung der Massen und das Ende jeglicher Ausbeutung verweist? Die radikalen Gruppen sind mit diesem Bild nicht zufrieden. Eine Zukunftsaussicht, in der sie nicht mehr Bedeutung als ihre Mitmenschen haben werden, verschafft ihnen keine Freude und sie verurteilen eine solche Zukunftsaussicht als Philosophie des Defätismus. Tatsächlich haben wir jedoch über die Nutzlosigkeit kleiner radikaler Gruppen gesprochen; bezüglich der Zukunft der Arbeiter waren wir recht optimistisch. Aber allen radikalen Organisationen scheint: wenn ihre Gruppen eine Niederlage erleiden ist es die Niederlage aller und wenn ihre Gruppen sterben, dann stirbt alles. Mit solchen Äußerungen enthüllen sie deshalb ihre wirkliche Motivation für die Rebellion und den wirklichen Charakter ihrer Organisationen. Wir jedoch, sollten in der Machtlosigkeit dieser Gruppen keinen Grund zur Verzweiflung sehen. Wir sollten in ihr vielmehr einen Grund für Optimismus in Bezug auf die Zukunft der Arbeiter sehen. Denn in ebenjener Atrophie aller Gruppen, die die Massen aus dem Kapitalismus heraus in eine andere Gesellschaft führen würden, sehen wir zum ersten Mal in der Geschichte das objektive Ende jeglicher politischer Führerschaft und der Teilung der Gesellschaft in ökonomische und politische Kategorien.

Übersetzung: Lars Stubbe, 02.09.09, Revision: 07.10.2018


1 Mit diesem Artikel widmet LIVING MARXISM erstmals der allgemeinen Diskussion von Problemen der Arbeiter und Arbeiterorganisationen Platz. Die hier vertretenen Ansichten sind diejenigen von einzelnen Arbeitern und werden nicht notwendigerweise von den Gruppen der Rätekommunisten geteilt. Wir laden unsere Leser ein, sich an diesen Diskussionen zu beteiligen.

2  [Anm. in eckigen Klammern stammen vom Übersetzer. Dieser Text wurde ursprünglich veröffentlicht als „On The Impotence of Revolutionary Groups“, in: Living Marxism, Band IV, Nr. 7, Juni 1939, S. 216-220. Ein Reprint der Zeitschrift erschien 1970 bei Greenwood. Eine PDF des Originals findet sich unter: http://libcom.org/files/ICC%20Vol%204%20No%207.pdf, abgerufen: 04.10.2018.]

3  [Eine Anfrage beim Internationalen Institut für Sozialgeschichte zu dem Autor Sam Moss, der mit dem deutsch-US-amerikanischen Rätekommunisten Paul Mattick in Briefkontakt stand, führte keine näheren Personen- oder Organisationsangaben zutage. Offensichtlich gehörte er zu rätekommunistischen Gruppen, die die Leserschaft des von Mattick herausgegebenen „Living Marxism“ gebildet haben. Die Geschichte dieser Gruppen muss erst noch geschrieben werden. Dies wäre vor allem deswegen wichtig, weil sie nach der Machtübergabe an den Faschismus die einzigen Rückzugsorte darstellten, in denen rätekommunistische Theorie noch offen diskutiert werden konnte. Obgleich die Kämpfe in den USA in der Großen Depression Geschichte sind, ist die Fragestellung des Textes heute noch aktuell: kann es im Sinne marxistischer Theorie überhaupt so etwas wie eine Avantgarde geben? Die Selbstbefreiung des Proletariats muss mit einer Selbstbefreiung des Einzelnen korrespondieren, es darf keine Verhältnisse geben, in denen sich jemand irgendeiner anderen Person unterordnen muss. Die revolutionäre Hoffnung des Artikels liegt einerseits in der Machtlosigkeit der kleinen Gruppen als Ausdruck dafür, dass die Massen keine Führung mehr über sich zulassen und andererseits in der Zuspitzung der gesellschaftlichen Situation, in der die Massen ihre Lage erkennen und sie selbstbestimmt ändern können. Die Parallele zu heutigen Gruppen wäre nicht nur im nationalstaatlichen Rahmen, sondern global zu erörtern.]

4 [Marx/Engels (1848) „Manifest der Kommunistischen Partei“, in: MEW, Bd. 4, S. 472.]

5 [Marx/Engels (1848) „Manifest der Kommunistischen Partei“, in: MEW, Bd. 4, S. 477].

6 [Marx/Engels (1848) „Manifest der Kommunistischen Partei“, in: MEW, Bd. 4, S. 480].

7 [American Federation of Labor und Congress of Industrial Organizations. Die AFL wurde 1886 gegründet und organisierte vor allem Arbeiter in den handwerklich ausgerichteten Branchen, galt deshalb als  sog. „craft union“, also eine sog. Berufsgewerkschaft. Anfang des 20. Jahrhunderts stellte sie sich gegen die Masseneinwanderung aus Europa und tolerierte auch rassistische Praktiken. Der CIO wurde durch den Austritt mehrerer Gewerkschaften aus dem AFL, die in erster Linie den industriellen Massenarbeiter organisierten, als Reaktion auf das Festhalten des AFL an der Organisierung entlang berufsgewerkschaftlicher Linien 1936 als „industrial union“ oder Industriegewerkschaft gegründet. 1955 vereinigten sich die beiden wieder zum AFL-CIO. 2005 kam es zu einer erneuten Spaltung durch die Gründung von „Change to win“, eine Koalition verschiedener Gewerkschaften aus der gesellschaftlichen Reproduktion, allen voran die SEIU. 2013 trat die radikale Hafenarbeitergewerkschaft ILWU aus dem AFL-CIO aus.]

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