1918: Warum war kein Rätesystem in Deutschland möglich, Genosse Zeuner?

Anmerkungen zur Rede „Hundert Jahre Novemberrevolution“, die Bodo Zeuner am 8.11.2018 vor dem Brandenburger Tor gehalten hat.

 

Die Rede: http://1918unvollendet.blogsport.eu/files/2018/11/bodo_zeuner_8_11_2018.pdf 

Zu Bodo Zeuner: https://de.wikipedia.org/wiki/Bodo_Zeuner

 

Beitrag von Dieter Wegner, mit einer Entgegnung von Bodo Zeuner 

 

Eine Rede, von der man sich wünschte, daß er sie noch hundert Mal in Deutschland hält …

Aber diese Rede beinhaltet meiner Meinung nach einen eklatanten Fehlschluß! Bodo Zeuner argumentiert, daß ein Rätemodell 1918 in Deutschland wenig überzeugend war, nicht durchzusetzen gewesen sei. Warum er so argumentiert, wird einem klar, wenn man den Satz liest: „Auch im revolutionären Rußland hatte Lenin die Autonomie der Räte, der Sowjets, bereits zugunsten einer zentralistischen Parteidiktatur abgeschafft“. Er plädiert dann auf Deutschland bezogen: Räteprinzip in den Betrieben „ja“, wäre möglich gewesen.

 

Da fragt man sich: Wie soll das denn möglich sein? Auf Staatsebene eine kapitalistische parlamentarische Herrschaft und in den Betrieben herrschen die ArbeiterInnen.
Zeuner folgt damit der Logik der Arbeiterbewegung von ihren Anfängen an, der Spaltung in Ökonomie (Gewerkschaft) und Politik (Partei und Parlament). Diese Spaltung spielte und spielt der Bourgeoisie in die Hände, die Spaltung nützte und nützt ihr, das Parlament ist ihre Herrschaftsform! Die Spaltung geht noch weiter: Bürgerliche Wissenschaftler wie Dahrendorf unterteilen den Menschen in einen homo oeconomicus und einen homo politicus. Dieses Spaltungsmodell hat sich anscheinend in Zeuners Kopf verfestigt.

 

Wenn Bodo Zeuner sich auf Lenin, Trotzki und Stalin beruft, die gleich nach der Oktoberrevolution die Räteherrschaft wieder beseitigten, dürfte das doch kein Beweis dafür sein, weder für Rußland noch für Deutschland, daß Rätemacht/Sowjets unmöglich als Staatsform ist!

 

Warum und wie die Bolschewiki gleich nach der Oktoberrevolution anfingen, die Betriebskomitees zu entmachten wird sehr deutlich beschrieben in dem Buch von Rainer Thomann und Anita Friedetzky: Aufstieg und Fall der Arbeitermacht in Rußland.
http://diebuchmacherei.de/produkt/aufstieg-und-fall-der-arbeitermacht-in-russland/

 

Bodo Zeuner entlastet die Mehrheitssozialdemokraten, indem er davon ausgeht, daß objektiv keine Räte-Demokratie möglich war und der Grund dafür nicht bei der MSPD, den Freicorps und den übrigen reaktionären Kräften zu suchen ist, die die Revolutionen blutigst niederschlugen und ihnen keine Chance zur Entwicklung gaben. Er nimmt damit den Standpunkt der damaligen MSPD und der heutigen SPD ein: Wir haben damals aus der schwierigen Situation das Beste gemacht – die erste Demokratie in Deutschland.

 

Aber sehr zustimmen müssen wir Bodo Zeuner, daß 1918 eine beschwiegene Revolution ist, der 9. November 1938 (Pogrom gegen Juden) und der 9.11.1989, Öffnung der Mauer. Willkommene Anlässe des Beschweigens von seiten der bürgerlichen Medien, einschließlich der Sozialdemokraten, sind .diese beiden Gedenktage des 9. November! In diesem Jahr allerdings kann der 9. November 1918 nicht ganz beschwiegen werden. Unisono bei Bürgerlichen wie bei Sozialdemokraten wird nur ein Teilaspekt der Revolution erwähnt, man kann sagen sie wird funktionalisiert, für die Zwecke der Bourgeoisie umgedeutet. Man stellt sich positiv zur Revolution, sie war notwendig, um die parlamentarische Demokratie in Deutschland einzuführen, auch das Frauenwahlrecht, das Tarifsysten und Mitbestimmung im Betrieb. Also: Alles erreicht, kleine Verbesserungen sind natürlich immer möglich. Aber alles muß im Rahmen dieser (formalen und kapitalistischen) Demokratie bleiben – alles, was in Richtung Emanzipation der Arbeiterklasse, Rätesystem geht wird strengstens verfolgt, an der Spitze dabei: Sozialdemokraten an der Regierung und in Gewerkschaften und Betrieben!

 

Es ist ein altbekannter Spruch, der schon oft skandiert wurde, so bei den Demos ab 1967: „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“. Anlässe dazu gab es genug: Die große Koalition ab November 1966 der SPD mit den Altnazis von der CDU/CSU. Der Radikalenerlaß unter der Kanzlerschaft Willi Brandts. Die Berufsverbote sozialdemokratischer Landesregierungen! Ältere Genossen schüttelten damals den Kopf: Die Sozialdemokraten haben niemanden verraten, die sind so, sie erfüllen ihre Aufgabe.

 

Um wieviel größer muß die Wut damals gewesen sein, nachdem die SPD, nicht nur Ebert und Noske sondern in Kennntnis und Verantwortung der gesamten Führungsclique, mit den Freicorps und regierungstreuen Truppen die Revolutionen in Bremen, München, Berlin, Thüringen, im Ruhrgebiet und anderswo hatten blutig niederschlagen lassen. Deshalb schon damals der Spruch: „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“. Auch damals war er schon falsch, wie Zeuner richtig bemerkt, die SPD-Führung stand keine Minute auf der Seite der Revolution, sie war der Feind in den eigenen Reihen. Der Spruch damals hätte lauten müssen: „Wir haben uns in der SPD geirrt“ – aber das reimt sich ja nicht, geschweige war diese Einsicht da.

 

Nur wenige Autoren, wie Bodo Zeuner und Klaus Gietinger werden den Geschehnissen von 1918 gerecht: Es war eine Revolution – überall im Reich hatten sich Arbeiter- und Soldatenräte gebildet – aber eine unvollendete, weil sie vom Feind in den eigenen Reihen, die MSPD, niedergeschlagen wurde. Ohne die Konterrevolution der MSPD wäre Rätemacht sowohl in den Betrieben als auch im Staat möglich gewesen!

Dieter Wegner, November 2018. (aktiv bei Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg)


Es erfolgte bereits eine Entgegnung auf diesen Beitrag von Dieter Wegner:


Bodo Zeuner: 
Räte 1918 – Antwort an Dieter Wegner

 

Ich bleibe dabei, dass 1918 – und im Grunde auch bis heute – ein allein auf Räten aufgebautes politisches System wenig überzeugend war und ist. Ein Programm „Räte statt Parlament“ wirft eine Fülle von Fragen auf, etwa: Wie und von wem soll das Gemeinwohl bestimmt und durchgesetzt werden? Welcher Repräsentationsschlüssel für die verschiedenen Räte bildenden Gruppen soll gelten? Was wird aus Parteien und Gewerkschaften? Ist die Gewaltenteilung samt richterlicher Unabhängigkeit überflüssig? Was wird aus dem imperativen Mandat unter Zeitdruck? Weder damals noch heute waren und sind diese Probleme hinreichend konzeptionell gelöst, und bis heute hat es nirgends auf der Welt in größeren Gemeinwesen ein funktionierendes dauerhaftes reines Rätesystem mit demokratischem Charakter gegeben. Ohne ein gleiches und gleichgewichtiges Wahl- und Abstimmungsrecht aller Mitglieder kann ich mir eine demokratische sozialistische Gesellschaft nicht vorstellen.

 

Das ändert nichts daran, dass Rätebewegungen und Doppelherrschaften in revolutionären Umbrüchen notwendig und voranbringend sind, dass die deutschen Räte im Dezember 1918 viel zu früh zugunsten der Nationalversammlung abgedankt haben, statt zuvor die Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse in Wirtschaft und Staatsapparat zu verändern, dass die in die Weimarer Rechtsordnung übernommenen Reste der Räte überwiegend kanalisierend und eindämmend wirkten und dass eine rätebasierte „Wirtschaftsdemokratie“ statt Kapitalismus nach wie vor eine uneingelöste Forderung bleibt.

 

Mich wegen meiner Position gleichzeitig in die Nähe von Ebert/Scheidemann und von Stalin (!) zu rücken, ist erkennbar absurd. Differenzen, die zwischen uns bleiben mögen, sollten wir ohne Diffamierungen austragen.

Bodo Zeuner, Berlin, 2. Dezember 2018

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