War 1945 ein Neuanfang für die Arbeiterbewegung und die Gewerkschaften? Unterschiedliche Standpunkte von Uwe Gertz und Lothar Wentzel

Die Unterschiede

Auf einer Veranstaltung des Jour Fixe am 5.6.2019 wurde von Lothar Wentzel (ehemaliger Mitarbeiter der Grundsatzabteilung der IG Metall) ein Vortrag gehalten mit dem Titel „Neuanfang 1945. Belegschaften und Betriebsräte setzen die Produktion in Gang“.

Dem Referenten ging es darum, die Leistungen der Belegschaften beim Instandsetzen der unterbrochenen Produktion in den Industriebetrieben hervorzuheben. Dazu waren sie auf die Erfahrung der „alten“ Facharbeiter und „alten“ Gewerkschafter angewiesen. Dieses Instandsetzen war automatisch verbunden mit der Wahl von antifaschistisch gesinnten und gewerkschaftlich erfahrenen Belegschaftssprechern. Schon im Herbst 1945 fanden also die ersten Betriebsrätewahlen statt..

Durch das Referat erhielt man den Eindruck, als ob der „Neuanfang 1945“ sich darin äußerte, dass die „alten“ ADGB-Gewerkschaftsverhältnisse der Zeit vor 1933 wie selbstverständlich wieder aufgenommen werden sollten, also wieder mit Konzepten von „Wirtschaftsdemokratie“, „Mitbestimmung“, „Arbeitsgemeinschaft“ und „Partnerschaft“ zwischen Monopolherren und Gewerkschaftsvertretern.

Es schien, als wären sich alle Belegschaften darin einig, die dringend notwendigen, neu zu gründenden Gewerkschaften als reine Ordnungsfaktoren im Sinne der alten und erhalten gebliebenen Besitzverhältnisse zu akzeptieren.

Bereits im Februar 2010 hielt der Kollege Uwe Gertz (ehemaliger Vertrauensmann in der IG Chemie, IG Metall und Verdi) beim Jour Fixe einen Vortrag zu einem ähnlichen Thema. Ihn interessierte die Zeit des Neuanfangs 1945 bis 1949. Nur dass bei ihm als Ergebnis herauskam, dass es heftige Auseinandersetzungen unter den Aktiven dieser Zeit darüber gab, ob es genügen würde, die faschistischen Elemente aus den Betrieben zu verjagen. War es nicht vielmehr an der Zeit (wie schon einmal 1918/19), die gesamten Besitz- und damit Ausbeutungsverhältnisse radikal in Frage zu stellen und zu ändern, Gewerkschaften also als Gegenmacht der Arbeiter aufzubauen und konzeptionell auszurichten?

Beide Referenten haben offensichtlich konträre Ansichten über die Funktion und Aufgaben von Gewerkschaften. Deshalb verwundert es nicht, dass sie in ihren Darstellungen der Zeit nach 1945 zu unterschiedlichen Betrachtungen und Schlussfolgerungen kommen.

Um sich ein eigenes Bild von diesen beiden Ansätzen machen zu können, empfehlen wir das Buch von Chaja Boebel/Frank Heidenreich/Lothar Wentzel (Hrsg.):„Neuanfang 1945. Belegschaften und Betriebsräte setzen die Produktion in Gang“, Hamburg 2019, https://www.vsa-verlag.de/nc/buecher/detail/artikel/neuanfang-1945/

und noch einmal das Referat des Kollegen Uwe Gertz von 2009, das wir hiermit unter seinem Titel „Wie die Faust in eine Bettelhand verwandelt wurde“ veröffentlichen.

Zur Position von Lothar Wentzel kann man sich auch schon ohne das komplette Buch ein Bild machen. Frei nachlesbar beim Verlag: Inhalt & Leseprobe: www.vsa-verlag.de-Boebel-ua-Neuanfang-1945.pdf

Weitere Literatur zur eigenen Meinungsbildung:

Im Zuge der Niederlage der Faschisten bildeten sich in vielen größeren Städten Deutschlands antifaschistische Gruppen, mit unterschiedlichsten Namen. In Hamburg war es die Sozialistische Freie Gewerkschaft (SFG). An ihr kann beispielhaft der Versuch eines Neuanfanges und sein Scheitern gezeigt werden. Innerhalb weniger Tage hatte die SFG 50.000 Mitglieder. In allen Hamburger Bezirken machte sie sich daran, drängende Probleme anzugehen wie Essen, Kleidung, Wohnen, Ingangbringen der Produktion und Bekämpfung der alten Nazis.

Die Gründung der SFG und ihr Wirken wird hervorragend geschildert:

a) bei Holger Christier: „Sozialdemokratie und Kommunismus. Die Politik der SPD und der KPD in Hamburg 1945 – 49“

b) bei Franz Spliedt: „Die Gewerkschaften. Entwicklungen und Erfolge. Wiederaufbau seit 1945“

(Das Buch ist antiquarisch erhältlich. Spliedt beschreibt darin detailliert und triumphierend wie er die SFG mit Major Dwyer außer Gefecht setzte).

Holger Christier war ein führender Hamburger SPD-Politiker. Er war eine zeitlang Bürgerschaftspräsident. Er beschreibt in seinem Buch in erfreulich sachlichem Ton die Verhältnisse nach 1945 in Hamburg. Ohne antikommunistischen Unterton! Hier das Buch (Seite 59 bis 79) als pdf: https://www.zeitgeschichte-hamburg.de/files/fzh/Digitalisate/Holger%20Christier%20Sozialdemokratie%20und%20Kommunismus.pdf 

Franz Spliedt war vor 1933 ein führender Sozialdemokrat (Reichstagsabgeordneter) und Gewerkschafter (Vorstand ADGB). Er war im Juni 1945 hauptverantwortlich für die Denunziation des SFG bei Major Dwyer, dem britischen Kommandanten von Hamburg und dem folgenden Verbot.

Außerdem:

Beschluß des „Führerkreises der vereinigten Gewerkschaften“ vom 28.4.1933, nachzulesen und kommentiert im Blog der Anarchosyndikalistische Gruppe Hamburg:
http://vabaltona.blogsport.de/images/VerratdesADGB1.Mai1933.pdf
Anmerkung:
Der Führerkreis der vereinigten Gewerkschaften bestand aus maßgebenden Gewerkschaftsführern von ADGB, christlichen Gewerkschaften und gelben Gewerkschaften. Für den ADGB war Franz Spliedt der wichtigste Vertreter.

Exemplarisch Franz Spliedt:
Franz Spliedt, führender SPD-Mann und im Vorstand des ADGB vor 1933, steht exemplarisch dafür, daß es 1945 kein Neuanfang war sondern ein „weiter so“ der Weimarer Zeit. Und er steht exemplarisch für die Unterordnung unter den Kapitalismus und sogar Nationalsozialismus! (siehe link zu „Führerkreis der vereinigten Gewerkschaften“. Dafür wurde er in Hamburg in den 50ern geehrt und eine DGB-Bildungsstätte nach ihm benannt. Nach 1945 spielte er – altersbedingt – nur noch regional und als Sozialexperte eine Rolle.

Daß nach 1945 ein antikapitalistisches System in den drei Westzonen hätte entstehen können – aufgrund der allgemeinen antikapitalistischen Stimmung – ist aber wegen der damaligen Kräfteverhältnisse, der Militärherrschaft durch die Alliierten, kaum anzunehmen. Aber Spliedt gehörte zu den Kräften in DGB und SPD, die diesen kämpferischen Neuansatz von Anfang an bekämpften und zusammen mit Westalliierten und Kapitalisten zunichte machten. Damit in den Westzonen ein antikommunistisches System mit Westbindung entsteht – die BRD.

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