Stimmen aus Berlin zur „Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“-Demo am 1. August 2020

In den Mainstream-Medien (bis heute) wird eine TeilnehmerInnenzahl von 17.000 bis 20.000 genannt. Immer wieder, unisono.
Dann gibt es Berichte mit Zahlen bis zu 1,3 Millionen (eine junge euphorische Reporterin bei RT).

Was war dort los?

Wir haben unsere Berliner Kontakte gefragt, hier 3 Antworten:

Ich kann nicht schreiben, ob die eine oder andere Zahl richtig oder falsch wäre. Fakt ist, diese „Bewegung“ und ihr abstrusen Verschwörungen ist nicht nur bei wenigen Kollegen der Berliner S-Bahn verankert. Auch habe ich selbst in meinem Stadtteil Plänterwald, was kein Touristen-Stadtteil ist, Gespräche von Menschen zufällig mitgehört, die die Gedanken der Demo vom Samstag teilten.
Also, egal ob 20’000 oder 500’000 Teilnehmer, 1,3 Mio. waren es garantiert nicht, die Gegenwehr gegen die Regierung ist in vielen Köpfen der „normalen“ Menschen verankert. Sie benennen es als eine Verschwörung zwischen Politik und Kapital, meinen aber wohl tatsächlich das System des Kapitalismus.
Das einfache Proletariat ist es hauptsächlich, welches sich dieser Bewegung verbunden fühlt. Genau die Kollegen posten und verbreiten dies Ideen, die sich mit meinen politischen Analysen und Hintergründen nie beschäftigten wollten, rennen nun diesen Sch… hinterher und wiederholen nur das was Andere (Rechte) ihnen in ihrer einfachen Sprache und ihrem einfachen Intellekt in den Mund legen.
Wenn sie von Freiheit reden, meinen sie die Freiheit ihres Egos. Sie stellen in ihrem Protest ihre Ansprüche an ihren Bedürfnissen über Solidarität, Respekt und Rücksichtnahme. Dieser öffentliche Protest vom letzten Samstag, für Egoismus und Selbstherrlichkeit, kommt genau bei den Kleinbürgern an, die sich mit dem Ellenbogen-System des Kapitalismus identifizieren und die sich wohl auch in einem Sozialismus nie dem Allgemeinwohl unterwerfen würden.
U., arbeitet bei der Berliner S-Bahn


Wir können das überhaupt nicht sagen, halten aber die Zahl von 20.000 für stark untertrieben. Wir haben den Zug dieser meist nett aussehenden, sozial unverantwortlichen, freiheitlichen Dummköpfe eine Stunde an uns vorbeiziehen lassen und kamen anschließend weder vorn Richtung Alex noch hinten Richtung Oranienburger Tor mit dem Auto raus; vorn waren sie schon und hinten immer noch. Aber dabei liefen sie nicht dicht, sondern eher locker, wie beim Spaziergang. Also ich würde sehr gewagt schätzen 40 bis 50 Tausend. Hunderttausend sehen anders aus. Kneipengänger, Anthroposophen, Esoterikerinnen, regierungsskeptische Kleinbürger. Man greift sich dann die Theorie, die zum Befürfnis passt, und sei sie noch so blödsinnig. Was mich am Konzept der Aufklärung durch Theorie noch stärker zweifeln lässt als ohnehin schon. Und dazwischen die Rechten.
Sonst wird ja immer gesagt, Polizeischätzung soviel, Veranstalterschätzung soviel. Das will man hier wohl nicht machen, weil die Angabe von über 1 Million natürlich Blödsinn ist. Und es waren ja mehrere Veranstaltungen nacheinander.
K.D.


Ja man macht sich da so seine Gedanken, wenn man 1 1/2 Stunden solch einen Aufzug an sich vorbeipatrollieren sieht. Von der schmerzlichen Frage beseelt: Wann hört das denn endlich auf? Und der Aufzug bot ja nun nicht wirklich kein kohärentes Bild. Wie soll man die Demonstrierenden verstehen? Wer gab den Ton an? Was war das prägende Motiv, die Triebkräfte? Wenn man als Materialist zur Analyse schreitet, dürfte das Resultat kaum sein: Hier kommen Leute zusammen, die Freude an der Verbreitung von Verschwörungstheorien haben. Bei aller Liebe und Verständnis für esoterische Leidenschaften: Dafür schlagen sich Leute nicht den ganzen Tag um die Ohren.

Meine Einschätzung: Die Triebkraft für diese Massendemonstration – und das war sie gewiss und die 20 000 dürften eher die Unterkante sein – ist der Unwille, eine Einschränkung der gewohnten Art zu leben hinzunehmen und/oder an der Sicherung der wirtschaftlichen Existenz durch staatliche Auflagen gehindert zu werden. Es sollen ja euch einige Mittelständler in diese Demo investiert haben. Die Demonstrierenden plädieren für weniger Auflagen und eine größere Bereitschaft gesundheitliche Risiken einzugehen, was sie natürlich nicht so auf direktem Wege kommunizieren. Stattdessen erfreuen sie sich daran, ihre recht egoistischen Wünsche als Freiheitsbewegung zu veredeln. Und da die Kämpfe dafür sich in hohem Maße einer linken Kultur bedienen, wurde hier auch in großem Stil geräubert. Dutzende Male wurde das berühmte Hannah Ahrend-Zitat „Niemand hat das Recht zu gehorchen“ auf Schilder bemüht, Der Anti-AKW-Slogan „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ erlebt eine Neuaufführung. Man will „solidarisch“, „authentisch“ und „tolerant“ sein und vor allem als Rebell wahrgenommen werden, der sich staatlicher Bevormundung widersetzt und „selbst“ und „quer“-denkt. In gewisser Hinsicht spiegelt sich hierin schon eine gewisse Hegemonie, die die Linke in sozialen Bewegungen erobert hat.

Und ich denke, dass die meisten Demonstranten das auch glauben (wollen), und nicht als Soldaten eines rechten Aufzugs wahrgenommen werden wollten. Doch dem Willen, eine Vor-Corona-Normalität möglichst schnell zu erreichen, wird alles andere untergeordnet. Zum Beispiel die Differenzen zu Halb, Ganz oder Dreiviertel-Nazis, die sich in der Demo wie die berühmten Fische im Wasser bewegen konnten, aber trotzdem nicht das Bild dieser Aktion geprägt haben. Denn im Vordergrund stand nicht die Realisierung der neurechten Agenda „Grenzen dicht und Remigration“, auch wenn viele am Samstag verbreiteten Verschwörungsmythen hier ihre historische Heimat haben. Doch die entstammen erstmal dem kleinbürgerlichen Irrationalismus, der seine ganz eigene Suppe am Leben hält.

Ich hatte auch den Eindruck, dass sich einige tatsächlich auf diese Demo verirrt haben. Warum sonst geht jemand mit einem Pappschild des antifaschistischen VVN-Mottos „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ auf solch eine Demo? Oder mir Regenbogenfahnen. Und die Erfahrung, dass unsere Rufe „Nazis raus“ (gemeint war das als Aufforderung an die Demonstranten, sich von den Nazis in ihren Reihen zu distanzieren), dort an uns zurückschallten, ist einerseits Ausdruck wirklicher Empörung. Denn im Unterschied zu den alten Rechten wollen diese Leute nicht an diese „Hochzeit des Deutschtums“ andocken. Zum anderen drückt es aber auch den Versuch von Neurechten aus, eine Umdefinierung der Werte vorzunehmen, in der Linke in die „eigentlichen Nazis“ verwandelt werden sollen.

Sei es, wie es sei. Ich fand das Ganze ziemlich frustrierend. Ich kann mich in meinem politischen Leben nicht daran erinnern, einmal Zeuge einer Massendemonstration geworden zu sein, in der Nazis soviel „normale Leute“, objektiv vor ihren Karren haben spannen können. Dies sollte aber nicht zu panikartigen Reaktionen führen. Man muss sich immer den Rahmen anschauen, in dem sich diese rücksichtslose „Freiheitsbewegung“ momentan bewegt. Noch halten deutlich mehr als 70% der Bevölkerung die Anti-Corona-Maßnahmen für richtig. Damit dies auch so bleibt, scheint mir eine Generalattacke auf diese „Corona-Leugner*innen“ nicht so sinnvoll. Zweckmäßiger erschient mir der Versuch des Zerhackens dieses politisch-ideologischen Breis und ihrer sozialen Trägergruppen. Gerade bei den anstehenden wirtschaftlichen Auseinandersetzungen. Die Demo hat diese Aufgabe nicht gerade erleichtert. Denn sie dürfte bei den Teilnehmern als Erlebnis der Stärke wahrgenommen werden. Man wähnt sich nun als Angehöriger einer Bewegung, die in der Lage ist zu provozieren und sich durchzusetzen.   
J.G.

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