Diskussion zum Jour Fixe Info und Artikel „Allah und die Linke“

Antwort auf die Kritik von Barbara, weil der Artikel von Helmut Ortner, veröffentlicht bei Pressenza, ins Jour Fixe Info 26-2021 übernommen wurde

Ich bin Iraner und habe die Schah-Zeit erlebt und war im Kampf gegen den von den USA unterstützten Schah dabei. Der große verhängnisvolle Fehler aller Linken – ob GewerkschafterInnen/Kommunisten/Demokraten – war damals, daß wir Khomeini und seine Anhänger falsch eingeschätzt haben. Weil sie anscheinend  gegen den Schah und den US-Imperialismus kämpften.

Die Motive der Khomeini-Anhänger und von uns Linken und Demokraten im Kampf gegen das Schah-Regime waren unterschiedlich! Die Khomeini-Anhänger waren gegen das Schah-Regime und dessen laizistische ökonomische und kulturelle Reformen, weil sie einige ihrer Privilegien durch die sogenannte Weiße Revolution des Schah verloren und die Frauen das Wahlrecht bekommen hatten.

Schon 1953, wurde die Beseitigung der demokratischen Regierung von Dr. Mossadegh durch den CIA und die Briten angezettelt. Mossadegh hatte es gewagt, die Anglo-Iranian Oil Company zu enteignen, damit die Ölerträge dem eigenen Volk zugute kämen.

Der CIA wurde schon damals  unterstützt von Groß Ayatollah Kaschani, dem höchsten Führer der Mullahs. Nach dem Sturz von Mossadegh wurde der Schah von den USA in seine Machtposition eingesetzt.

Weniger als zwei Monate nach Machtübernahme durch Khomeini hat er im sogenannten Religiösen Dekret angeordnet, dass Frauen ab sofort Schleier tragen mussten. Zigtausende Frauen sind aus Protest anlässlich des 8. März (Internationaler Frauentag) in mehreren Städten auf die Strasse gegangen. Das Regime hat seine  Polizisten zur Niederschlagung der Proteste losgeschickt. Viele Frauen wurden verletzt und verhaftet! Aber ein großer Teil der Linken hat argumentiert, dass wir momentan wichtigere Probleme und Aufgaben hätten als das Schleiertragen. Viele Linke haben nicht verstanden, dass die Attacke gegen die Frauen der Anfang der Unterdrückungswelle gegen andere Bewegungen und Klassen war.

Und daß sie dasselbe Schicksal erleiden würden.  

Was den Anti-Amerikanismus und Nicht-Anti-Imperialismus der Islamisten betrifft, darf man nicht vergessen, daß während Khomeinis Aufenthalt in Paris enge Kontakte zwischen seinen Beratern und US-Diplomaten bestanden. Auch nicht, daß es der damalige Oberbefehlshaber des US-Militärs, General Heuyzer, war, der einige Wochen vor der Machtübernahme der Islamisten nach Teheran gereist war und bei einem Treffen mit den höchsten iranischen Militärchefs diese davon überzeugte, eine neutrale Position zu beziehen. Der Schah wurde praktisch fallengelassen.

Und genau das ist passiert, daß der Schlag gegen die Frauen die Verfolgung aller anderen Gegner einleitete.

Als wir Linken auch nach Machtübernahme der Islamisten immer noch gegen den US Imperialismus protestierten, hat der islamistische Studentenverband neun Monate nach der Machtübernahme die US-Botschaft in Teheran gestürmt. Das war eine Todesstoß, der größtenteils die Linken traf. Die islamistischen Studenten argumentierten: Ihr macht große Worte gegen den US-Imperialismus! Wir handeln und haben die US-Botschaft besetzt!

Unsere Fehleinschätzung rächte sich also bald  nach der Machtübernahme durch Khomeini. Er ließ zigtausende Kommunisten ermorden, es waren auch viele meiner engsten Genossen dabei.

Die Ironie ist jedoch, dass einige linke Kräfte (innerhalb der iranischen Linken sowie der globalen Linken) den Vertretungskampf, den der iranische Staat für Russland und China gegen ihre westlichen Gegner führt, als „anti-imperialistischen Kampf“ ansehen.

Das Mullah-Regime zeichnet aus, daß es gegen kulturelle Modernität und ein Bild emanzipierter Frauen ist aber für industrielle Modernität, für Neoliberalismus und für Privatisierung, auch und gerade der Ölindustrie.

Wir kritisieren und kämpfen gegen die Apartheid und  das Besatzungsregime in Israel und stehen voll hinter dem Befreiungskampf der Palästinenser und gleichzeitig vergessen wir nicht, dass Hamas eine erzreaktionäre und terroristische islamistische Gruppe ist, die dem Freiheitskampf der Palästinenser entgegensteht! Ohne Zweifel kann man weitere solche Beispiele finden.

Ich halte den Standpunkt von Helmut Ortner für richtig, daß nicht nur das Christentum von Linken kritisiert werden darf sondern daß es kein Tabu sein darf, daß Linke auch den politischen Islam kritisieren dürfen und müssen!

Wer gegen den westlichen Imperialismus von USA und Nato kämpft muß auch gegen den politischen Islam mit seinen Ambitionen der Weltherrschaft kämpfen!

Wir sehen die Kritik am politischen Islam nicht wie Barbara als„globale Moraldiskussion“ sondern als Voraussetzung für seine Bekämpfung!

Nosrat (Vorb.Gruppe Jour Fixe)

 

Antwort auf die Kritik von Barbara an Inhalten der Jour Fixe Infos, zuletzt am Artikel von Helmut Ortner, veröffentlicht bei Pressenza, weil dieser ins Jour Fixe Info 26-2021 übernommen wurde

Ihr erster Satz lautet: „Bei der Lektüre der letzten JFI fällt auf, dass verschiedene Male Artikel erschienen sind, in denen auf ‚die Linke‘ eingedroschen wurde; z.B. mit dem Vorwurf, Altlinke befolgten in Zeiten von Corona plötzlich brav und unkritisch die Anweisungen der Regierung…usw“

Was Barbara als „auf die Linke eindreschen“ empfindet, ist die Kritik im Jour Fixe Info (JFI) seit Frühjahr letzten Jahres am Versagen der Linken (Linke allgemein, nicht nur Linkspartei), das politische Feld den Querdenkern und damit dem Einfluß von Rechten auf diese überlassen zu haben. Allerdings wurde im JFI die Regierungspolitik, verkündet durch ihre Lautsprecher Lauterbach, Wieler und Drosten als an Kapitalinteressen orientiert, kritisiert. Und kritische Meinungen wie von Streek, Püschel wurden in den Jour Fixe Infos bevorzugt gebracht, schon allein angesichts der medialen Omnipräsenz von Lauterbach, Wieler und Drosten.

Barbara schreibt: „Wir sind konfrontiert mit einer Medienlandschaft, in der es Schwerstarbeit ist, herauszufinden ‚was ist‘. Es kann und darf nicht Aufgabe eines kleinen linken Medienportals wie des JFI sein, diese Nebelkerzen weiter zu zünden und damit den Blick auf die Realität zu verschleiern. Diese Funktion erfüllt der Text ‚Allah und die Linke‘ leider sehr gut“. Sie wirft also dem JFI vor „Nebelkerzen zu zünden“ und „damit den Blick auf die Realität zu verschleiern“. Immerhin tun wir das zusammen mit dem Autor Helmut Ortner, der Giordano Bruno Stiftung und der internationalen Presseagentur Pressenza. Inwiefern wir Nebelkerzen zünden, indem wir uns der zentralen These und richtigen Beobachtung von Ortner anschließen, daß die Linke zwar das Christentum (einschließlich Papst) kritisiert/kritisieren darf aber für sie der politische Islam tabu ist, erschließt sich uns nicht anhand der Kritik von Barbara! Kein Rätsel bleibt, daß Barbara für ein Denk- und Kritikverbot für Linke in dieser Sache ist.

Wenn Barbara schreibt: “Wer Aufklärung beschwört und die Linke erfolgreich (sic) runterputzt, muss nicht mehr über eine Abschaffung des Kapitalismus sprechen, über Menschenrechte und Besatzungspolitik im Nahen und Mittleren Osten, er ist angekommen in einer Welt des moralischen Scheins“ – so fühlen wir uns damit nicht gemeint. Wir werden weiter nicht nur gewerkschaftliche Kernthemen „abdrucken“, auch Themen der Besatzungspolitik im Nahen und Mittleren Osten, alles im Hinblick auf das Ziel der Abschaffung des Kapitalismus. Und wir befinden uns damit nicht in einer „Welt des moralischen Scheins“ sondern seit vielen Jahren bzw. Jahrzehnten in einer Welt des konkreten praktischen Kampfes. Für uns ist allerdings Kritik, nicht nur am Klassengegner und sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaftsvorständen sondern auch am Versagen der Linken Voraussetzung für Klassenkampf. Ohne Kritik, Diskussion und damit Klarheit geht es nicht.

Barbara schreibt: „Bezogen auf das Zitat von RL kann es doch nur unsere Aufgabe sein zu untersuchen, warum in den letzten Jahren weltweit immer stärker Zuflucht zur Religion gesucht wird. Was läuft bei uns gesellschaftlich schief, was sind die Ursachen dafür, dass in arabisch verwurzelten Bevölkerungsgruppen besonders orthodoxe Auslegungen des Islam an Boden gewinnen?“ Was heißt: orthodoxe Auslegung des Islam? „Orthodoxe Auslegung des Islam“ klingt harmlos. So wie es Dutzende christlicher Sekten gibt, die harmlos sind. Es geht aber um Praxis, um die Errichtung von islamischen Staaten und  Weltherrschaft. Es geht um Einzelne, um Gruppen, um ganze Armeen, die für diese „orthodoxe Auslegung“ des Islam in den Dschihad ziehen.

Und Ausgangspunkt dieser „orthodoxen Auslegung des Islam“ war Khomeini mit seiner Errichtung des ersten islamischen Staates 1979.

Man kann lange darüber nachdenken, warum für Moslems der Dshihad und die Idee des Islamischen Staat so eine Faszination hat. Aber das sollte nicht hindern, einen klaren Standpunkt gegen ihn einzunehmen. Genau wie man nach 1933 lange darüber diskutieren konnte, wie es zur Nazi-Herrschaft in Deutschland kommen konnte, was die Massen faszinierend an der faschistischen Idee fanden. Aber es für Linke wichtig war, einen klaren Standpunkt gegen den Faschismus einzunehmen und gegen ihn zu kämpfen.

Dieter (Vorb.Gruppe Jour Fixe)

Ein Nachsatz:

Es ist erfreulich, daß endlich Reflektion und Kritik einsetzen bei Linken am Versagen der Linken während der Corona-Pandemie. So mit diesem Band:

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1154007.corona-leugner-linkes-vakuum.html

Wenn auch der Rezensent des Buches, Thomas Gesterkamp am deutlichsten wird: „Zu kurz kommt aber, warum sich bei Linken kaum Widerstand gegen die Maßnahmen regte“

Kritik ist die Voraussetzung, Fehler zu beheben, also Praxis des Widerstandes zu entwickeln. Daß also eine linke Bewegung gegen die Corona-Politik der Regierung mit ihrer Notstandsgesetzgebung und ihrem kapitalorientierten Handeln entsteht!

Die Linke hat versagt und den Protest gegen die Corona-Politik den NormalbürgerInnen bei den Querdenkerdemos überlassen und dem zunehmenden Einfluß der Nazis.

Das ist in striktem Gegensatz zu allen Widerstandsbewegungen gegen Kapital und Staat in der Geschichte der BRD, als sich Bewegungen gegen die Wiederbewaffnung, gegen Atomwaffen, gegen AKW, der Jugend und Studenten („68er“), die Klimakatastrophe (FFF) entwickelten.

Es ist also ein historisches Versagen der Linken, diesmal keinen großen Protest entwickelt zu haben und das politische Feld der Regierung mit ihren Angstkampagnen und den Querdenkern überlassen zu haben. Die Republik ist durch das Abtauchen der Linken ein großes Stück nach rechts gedriftet!

Allah und die Linke

Von Helmut Ortner (Giordano-Bruno-Stiftung.)
Aus Furcht, Rechten Zündstoff zu liefern, schweigt die parteipolitische und außerparlamentarische Linke zum Thema Islam. Der „Islamophobie“-Vorwurf soll Kritiker mundtot machen. Es ist an der Zeit, die Zurückhaltung im Umgang mit dem politischen Islam aufzugeben. Galt nicht Religionskritik spätestens mit Voltaire einmal als Selbstverständlichkeit?
https://www.pressenza.com/de/2021/05/allah-und-die-linke/

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