Kurzarbeit ist gar nicht so schlecht, aber…

Von H.S, Medizintechnischer Betrieb (Norddeutschland)

Dies ist eine Ergänzung zum Bericht https://gewerkschaftslinke.hamburg/2020/04/20/wie-die-kapitalisten-bei-kurzarbeit-ihren-schnitt-machen/

Hallo zusammen,

nachdem ich jetzt seit dem 01.April in Kurzarbeit bin, stelle ich für mich fest, dass es gar nicht so schlecht ist. Ich arbeitete anfänglich 3 Std. am Tag und bin jede dritte Woche komplett zu Hause. Erst war ich selbst in Zwiespalt, das Arbeitsaufkommen liegt zur Zeit bei ca.65 % und unsere Stundenzahl ist aber um knapp etwas über 70 % reduziert worden. Heißt, die Arbeit hat sich massiv verdichtet und es kommt zu einer enormen Produktivitätssteigerung. Es gibt keinen Leerlauf mehr und Pausen werden zum Teil durchgearbeitet. Es bleiben zwar viele Sachen liegen, das fällt in den Zahlen nicht auf, da es sich auf das Drumherum bezieht und erst später Auswirkung haben wird.

Eigentlich ist es gar nicht so schlecht, 3 Std., mit genug um die Ohren, arbeiten zugehen und dann wieder entspannt nach Hause und den Alltag genießen. Problem Nummer eins dabei ist, es gibt keinen vollen Lohnausgleich. Zum Kurzarbeitergeld legt der Unternehmer 10% dazu, ist nicht die Welt. Das zweite Problem ist, die Führungskräfte bekommen gerade einen Höhenflug bei der Produktivitätssteigerung und verstehen nicht wie das mit einem mal möglich ist. Da wird was nachhaltig hängen bleiben, 3 Std. Gas geben ist das Eine, aber 8 Std. wird niemals klappen. Ich habe in der letzten vorletzten Woche dann eine Erhöhung unserer Einsatzzeit eingefordert, mit der Begründung, dass die Arbeit nicht geschafft wird. Wir sind jetzt alle 5 Std. in der Woche mehr da und haben etwas Luft. Seitdem kommt die Führungskraft unangemeldet vorbei um nach dem Rechten zu schauen.

Ich selbst arbeite wie gewohnt weiter, aber es gibt dann immer wieder diese Kollegen, die meinen, über sich hinaus wachsen zu müssen und arbeiten als würde es kein Morgen geben. Halten sich nicht an Arbeitsanweisungen um schneller zu sein und bescheißen sich selbst beim Stempeln der Arbeitszeit.

Da könnte man jetzt die Diskussion der Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich einbringen. Doch wie wahrscheinlich ist es, dieses ernsthaft in die Runde zu bringen? Der Unternehmer schaut jetzt schon, wie er die Lohnkosten weiter senken kann, und das Kräfteverhältnis fällt zu seinen Gunsten aus.

Soweit erstmal, ich hoffe wir sehen uns bald wieder.

H.S.

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