„Angst essen Seele auf – auch die von Marxisten“
– ein weiterer Debattenbeitrag

Genossinnen und Genossen der Gruppe Arbeiterpolitik

eine kurze Entgegnung auf den Kommentar vom 4.6.2021: Artikel „Angst essen Seele auf – auch die von Marxisten“ – Antwort auf die Kritik der GenossInnen der Gruppe Arbeiterpolitik

Wir hatten in unserer Kritik geschrieben, dass wir es für unredlich halten, die Regierungsmaßnahmen zu kritisieren, ohne konkret vorzuschlagen und zu fordern, welche Maßnahmen die Regierung zu ergreifen hat.

.In der „Antwort“ wird uns entgegnet:

„Das sehen wir in der Tat nicht als unsere Aufgabe an, dann würden wir ähnlich argumentieren wie die Initiatoren von zero-covid: Die Regierungen der BRD, Österreichs und der Schweiz dazu auffordern, die Pandemie auf Null zu bringen. Wir sind dagegen der Meinung, daß die Gesellschaft mit Corona leben muß.“

Was bedeutet das, „die Gesellschaft muss mit Corona leben“?

  • Inzwischen müssen fast 90.000 Menschen nicht mehr mit Corona leben, sie sind bereits daran gestorben, darunter kürzlich ein Berufsschüler aus unserem Bekanntenkreis.
  • Eine möglicherweise größere Zahl muss mit Langzeitfolgen zurechtkommen.
  • Dem Virus wird ein zu großer Spielraum gelassen um Varianten zu bilden. In England steigen die Infektionszahlen gerade wieder an, wegen der höheren Infektiosität der indischen Variante. Besonders betroffen sind noch nicht oder nur einmal geimpfte Menschen.
  • Wir sehen überall, dass durch beengte Wohnverhältnisse und fehlende Aufklärung über die Pandemie die Infektionszahlen in sozial schwächeren Stadtteilen durch die Decke gegangen sind, während sie in den Villenvierteln fast bei Null lagen.
  • Die meisten Menschen in Afrika, Südamerika, Teilen von Asien werden erst deutlich später mit einer Impfung dran sein als die Bewohner der ehemaligen Kolonialmächte. Gerade sie sind auf den Schutz einer konsequenten Zero-Covid-Politik angewiesen.
  • Letztes Jahr war noch völlig unklar, ob es Impfstoffe gegen Corona geben würde. Was hätte es dann bedeutet, „mit dem Virus zu leben“, ohne eine konsequente Pandemiebekämpfung im Sinne von Zero-Covid?

Wahrscheinlich haben die meisten „Verantwortungsträger“ in Europa die Pandemie letztes Jahr sträflich unterschätzt, ganz sicher war ihnen der freie Warenverkehr und die weiter durchlaufende Produktion einige tausend Tote wert. Daraus ergab sich die Regierungslinie, nicht konsequent gegen die Pandemie vorzugehen, sondern erst einzugreifen, wenn das Gesundheitssystem kurz davor ist, in die Knie zu gehen.

Diese inkonsequente Pandemiebekämpfung der Regierung, war medial gekoppelt an die Aussage, wir müssten „lernen, mit dem Virus zu leben“.

Die Aussage ist vollkommen banal und stellt auch keinen Gegensatz zu Zero-Covid dar. Auch Zero-Covid ist ein Ansatz, mit dem Virus zu leben, aber so, dass dabei möglichst wenig Menschen zu Schaden kommen. Die Pandemie würde sich auch ohne jede Gegenmaßnahme irgendwann totlaufen, Immunität würde entstehen und die Verlaufsformen würden milder. Das würde wahrscheinlich nur deutlich länger dauern und mit Sicherheit viel mehr Tote bedeuten.

Momentan müssen wir mit einigen tausend Verkehrstoten jährlich leben: Bedeutet das, dass wir kein Tempolimit auf Autobahnen und Landstraßen fordern und keine andere Verkehrspolitik, damit dieser Zustand einmal aufhört?

Und was bedeutet es, wenn wir „mit Corona leben müssen“ und dann die sowieso schon inkonsequenten Maßnahmen der Regierung kritisieren?

Wenn man die Studie der Universität Basel liest, die in der „Antwort“ zitiert wird, kann man über die Teilnehmer der „Querdenkerdemos“ erfahren: hoher Anteil an Selbständigen, relativ alte und relativ akademische Bewegung, nach rechts offen, große Radikalisierungspotentiale, antiautoritäre und anthroposophische Züge, Neigung zu ganzheitlichem und spirituellen Denken, Unternehmen wird eher vertraut als den Medien.

Nach unserer Erfahrung mit Demonstrationen von „Querdenkern“ bilden die in der „Antwort“ „Normalos“ genannten Menschen eine ermutigende Kulisse für aggressive Personen, die Passanten die Masken vom Gesicht ziehen, sie anspucken oder schlagen. „Normalos“ sind ohne Maske massenhaft in Kaufhäuser gestürmt und haben dadurch die überraschte Bevölkerung in Gefahr gebracht, ohne zu fragen, ob sie damit einverstanden sind. Diesem übergriffigen Verhalten hat die Polizei fast nichts entgegengesetzt, im Gegenteil hat sie Gegendemonstranten geschubst und geschlagen. Auf welcher Seite stehen wir in diesem Konflikt eigentlich?

Was in der „Antwort“ „Normalos“ genannt wird, scheint eine diffuse Melange zu sein, deren gemeinsame Klammer ihr Sozialdarwinismus ist und die dabei ist, sich zu radikalisieren. Aber anscheinend nicht nach links. Wenn wir Menschen aus diesem Sog zurückgewinnen wollen, und das ist sicherlich möglich und jeder Anstrengung wert, dann doch nur, wenn wir selber einen klaren Standpunkt haben. Und der kann nicht sein, dass man eine gefährliche und tödliche Krankheit mehr oder weniger durchlaufen lässt. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten in den Krankenhäusern, den anderen Gesundheits- und Pflegebereichen aber auch den anderen produzierenden und reproduzierenden Betrieben.

Gerade im Gesundheitssystem entwickelt sich gerade eine andere Art von Bewegung. Diese zeigt in Richtung einer solidarischeren Gesellschaft. Fehlende Empathie mit den Coronaopfern und eine unklare Haltung zu Sozialdarwinisten sind da keine gute Voraussetzungen für einen freundlichen und respektvollen Umgang miteinander.

.15.06.2021

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