Das Geniale am schlimmen System Tönnies

Sven Vaith  Foto: © 2019 by Schattenblick

Das Geniale am schlimmen System Tönnies

Freitag, der 13. in Hamburg

Der Kern ist die Ersetzung des Normalarbeitsverhältnisses durch Werksverträge und damit Sub-Unternehmer. Die Profitrate steigt dadurch nicht nur enorm sondern Tönnies schuf damit ein geniales Angst- und Brutalregime. Er ließ durch – meist rumänische Subunternehmer – Werksvertragsarbeiter aus osteuropäischen Ländern heranschaffen. Die konnten kein deutsch, können sich vom System her nicht integrieren, haben keine Rechte – sind nur pure Ware Arbeitskraft. Es gibt keine Mitbestimmung wie für deutsche ArbeitnehmerInnen in den Betrieben. Wegwerfmenschen wie Prälat Kossen sie treffend bezeichnet. Sie werden wie ihre Vorfahren (seit 1941) zum 2. mal zu Untermenschen gemacht.

Selbstbewußtsein unmöglich gemacht

Sie können keine Kollektivität und kein Selbstbewußtsein eines Lohnarbeiters im Normalarbeitsverhältnis entwickeln.

Die Auswirkungen des System Tönnies konnten wir in Kellinghusen erleben: Zwei mal wurden rumänische Werksvertragsarbeiter von Vorarbeitern zusammengeschlagen, einem rumänischen Kollegen wurde die Hand verstümmelt. Die WerksvertragsarbeiterInnen wohnten zuerst in heruntergekommenen Wohnungen in Kellinghusen, mit mehreren in einem Zimmer, zu Wuchermieten. Dann wurden sie nach Protesten des Stützkreises nach Bad Bramstedt verfrachtet, leben dort jetzt unter Aufsicht von VorarbeiterInnen. Weder in Kellinghusen noch in Bad Bramstedt ist zivilisiertes Wohnen und Integration möglich.

Tönnies schafft in seinen Großschlachtereien ein Unterschichtenproletariat, das im Dunkeln lebt, weder die Nachbarn noch die Ortsbewohner oder die Öffentlichkeit nehmen Kenntnis. Auch die Mainstream-Medien kümmern sich bisher kaum um den Skandal der Werkverträge in den Großschlachtereien. Erst, als Clemens Tönnies eine dämlich-rassistische Äußerung machte, wurde es ein Skandal. Die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen sind ja keine Sensation und kümmern sie nicht.

Tönnies läßt sich ab und zu Verbesserungen in seinem Angst- und Terrorregime abtrotzen

Unsere Praxis ist zweierlei:

Das Abtrotzen von Verbesserungen:

Wie durch die Hilfe von rumänisch sprechenden Kolleginnen, durch Zusammenarbeit mit der AWO und anbieten von Hilfen für die WerksvertragsarbeiterInnen, durch die Einrichtung einer Hilfs- und Beratungsstelle von Prälat Kossen in Lengerich.

Dann der Kampf um die Abschaffung des System Tönnies, das auf dem Werksvertragssystem beruht. Tönnies nutzt nur aus, was ihm Parlamente, Parteien und Politiker an Möglichkeiten bieten. Tönnies war nur der Rabiateste und wurde so Marktführer in Europa und Milliardär.

Tönnies und die Politik

Zum System gehört auch, und auch da ist er „Marktführer“, allerbeste Kontakte zu haben: Wie zu Gabriel (ehemaliger Ministerpräsident von Niedersachsen und Wirtschaftsminister), zu Schröder (ehemaliger Bundeskanzler), zu Carstensen (ehemaliger Ministerpräsident von Schleswig-Holstein), sogar zu Putin als Gasprom-Vermittler bei Schalke 04. Diese Politiker sind nicht nur in der Öffentlichkeit seine Fürsprecher und Beschützer, die deutschen Politiker sorgen auch dafür, daß das System Werkverträge erhalten bleibt und die Subventionen aus Brüssel weiter fließen.

Tönnies führt Krieg, gegen seine WerksvertragsarbeiterInnen und gegen seine Kritiker. Letztere läßt er bespitzeln und läßt durch die teure Medienkanzlei Schertz & Bergmann, Berlin, Unterlassungserklärungen androhen, um die Kritiker zu schädigen und einzuschüchtern. Auch das gehört zum perfekten System Tönnies.

Tönnies schafft mit seinem System, wie auch seine Kumpane aus der Paket- und Baubranche ein Subproletariat, eine Gruppe, die in einer Gesellschaft wirtschaftlich und kulturell unter den schlechtesten Bedingungen lebt und dadurch eine gesellschaftliche Randstellung einnimmt.(http://universal_lexikon.deacademic.com/126064/Subproletariat)

Marx nannte sie vor 150 Jahren Lumpenproletariat.

Marx´Beschreibung ergab sich daraus, daß er sie für unbrauchbar hielt im Kampf des Industrieproletariats gegen das kapitalistische System. Weil sie Randfiguren waren und oft nicht im Produktionsprozeß. Das ist im System Tönnies anders: In den Großschlachtereien stellen sie bis zu 80 Prozent der Beschäftigten! Sie sind tragende Säulen im Betrieb, Lohnabhängige, die durch das System Tönnies in den letzten Jahrzehnten die meist deutschen gelernten Facharbeiter verdrängten.

Eine Beschäftigung im Normalarbeitsverhältnis wäre ohne Weiteres möglich. Der Betriebsratsvorsitzende von Vion, ebenfalls einer Großschlachterei, erklärte, daß eine Produktion ganz ohne Werkvertragssystem möglich sein. Hier die Gründe, warum Tönnies an seinem System festhält:

Zusammenfassung, warum das System Tönnies genial ist

a)exorbitante Ausbeutung der WerksvertragsarbeiterInnen durch Niedrigstlöhne

b)Errichtung eines Angst- und Brutalo-Regimes

c)Tönnies kann die Schuld für Mißstände den Subunternehmern zuschieben

d)Tönnies hat ein effektives System gegen seine Kritiker entwickelt: Er bietet Runde Tische an. Er hat 2014/2015 Selbstverpflichtungen unterschrieben, auch zur Abschaffung des Werkvertragssystems – die er nicht einhält. Alles dient dazu, Zeit zu schinden!

e)Die Beziehungen von Tönnies zu Politikern auf allen Ebenen: kommunal, Land, Bund, international

f)Mitbestimmung für die Mehrzahl der bei ihm Beschäftigten ist ausgehebelt. NGG kann kaum Gewerkschaftsarbeit leisten.

Deshalb: Wenn wir das System Tönnies angreifen, greifen wir auch alle anderen Großschlachtereien an und das Werkvertragssystem und die, die dieses System für die Schlachthöfe, Baubranche und Paketdienste geschaffen haben, die Parteien und Politiker.

Es herrscht Klassenkrieg zwischen Kapital und Arbeiterklasse, seit Aufkommen des industriellen Kapitalismus im 19. Jahrhundert. Die Klasse der Kapitalisten hatte dafür immer einen Klarblick. In Deutschland ließen sich viele Lohnabhängige in der Zeit des Wirtschaftswunders einlullen, auch noch viele Jahre danach, bis jetzt! Auch durch die Sozialpartnerschaftspraxis der DGB-Gewerkschaften.

Durch das System Tönnies wird der Klassenkrieg schlaglichtartig wieder deutlich. Falls wir keinen Klarblick haben auf diese Realität, haben wir ein handicap in unserem Kampf gegen das Werkvertragssystem und für seine Opfer.

Profiteure diese Systems sind nicht nur die Milliardäre und Millionäre in der Fleisch-, Bau- und Paketbranche sondern auch ihre Helfershelfer und Beschützer in den Parteien und im Staatsapparat. Deren Interesse ist, den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken. Damit haben sie Deutschland zu einem Eldorado der Fleischfabriken in Europa gemacht. Wie von einem Magnet angezogen, kommen ausländische Schlachtereien nach Deutschland.

Freitag, der 13. – in Hamburg

Wir vom Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg engagieren uns bei den beiden Initiativen in Kellinghusen (Holstein) gegen die dortige Tönnies-Großschlachterei Stützkreis Kellinghusen und Saustarkes Kellinghusen.

Mit dem Stützkreis Kellinghusen, der IG Werkfairträge Rheda-Wiedenbrück und dem Bündnis gegen Tönnies-Erweiterung in Gütersloh haben wir im Januar ein Jour Fixe gemacht: https://gewerkschaftslinke.hamburg/veranstaltungen/archiv/page/9/

Jetzt nahmen wir die Gelegenheit wahr, daß aktion./.arbeitsunrecht für Freitag, den 13. Proteste in ganz Deutschland organisiert hatte, um auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der ausländischen Arbeiter bei Tönnies aufmerksam zu machen. Wir standen auf dem Tibarg (Niendorfer Markt) vor REWE und verteilten unser Flugblatt: https://gewerkschaftslinke.hamburg/2019/08/20/clemens-toennies-ist-nicht-nur-ein-rassist-sondern-das-system-toennies-ist-menschenschinderei-2/

Nevativ war: Nur etwa jede/r Fünfte der REWE-KundInnen oder PassantInnen nahm es. Ein junger Mann, der uns beobachtete, sagte: „Das ist ja prima, was ihr macht. Aber die haben alle den Kopf voll, die wollen nur einkaufen, die fühlen sich gestört. Warum macht ihr das überhaupt? Wer seid ihr überhaupt?“ Nach dem Gespräch nahm er gern unser gelbes Faltblatt mit der Selbstverständnis-Erklärung vom Jour Fixe:

https://gewerkschaftslinke.hamburg/ueberuns/

Das war wohl das Wichtigste: Ausführliche Gespräche mit vielen Passanten, manchmal eine halbe Stunde! Wir waren elf aus unserem Jour Fixe Umkreis, darunter auch zwei KollegInnen vom Stützkreis in Kellinghusen. Und zwei Kollegen vom Schattenblick, die Interviews machten.

Eine weitere Verteilaktion von Flugblättern war vor den Supermärkten vor der Rindermarkthalle auf St. Pauli,

organisiert von der FAU, IWW und solidarisch Wilhelmsburg.

Ein Kollege, der vor der Rindermarkthalle Flugblätter verteilte, schrieb folgendes:

Ich würde mal sagen, dass wir vielleicht zwanzig Leute waren. Die Resonanz (subjektiv, mein persönlicher Eindruck) war bis ca. halb sechs Uhr durchweg positiv; wenn ich freundlich auf die Leute zugehe, sie anspreche und nicht nur ein

Flugblatt hinhalte, haben fast alle angehalten und nachgefragt. Viele kamen direkt von der Arbeit, sei es Arbeiter vom Großmarkt, Erzieher u.a. Mit einigen habe ich mich recht lange unterhalten.

Später hat es sich etwas geändert, dann kamen viele, die anscheinend noch schnell etwas einkaufen wollten oder die ersten Vorabendbummler. Immer mehr Leute haben gleich abgewunken…

Also für mich die Erfahrung, dass sich so ein Tag durchaus nutzen lässt, um Menschen anzusprechen. Gut fand ich auch, dass wir uns nicht so sehr auf Tönnies eingeschossen haben, sondern gleich deutlich gemacht haben, dass er für ein bestimmtes Ausbeutungsmodell steht“.

Dieter Wegner (Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg)

 

* Hier die Rede von Werner Rügemer von aktion./.arbeitsunrecht, die er auf der zentralen Kundgebung in Rheda-Wiedenbrück hielt:

Das System Tönnies muß gestoppt werden!
https://www.nachdenkseiten.de/?p=54770

*Ein Bericht vom Freitag, den 13. in Weißenfels (Sachsen-Anhalt), das ist der zweitgrößte Schlachthof von Tönnies:

Proteste gegen den Fleischkonzern Tönnies in Weißenfels

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/burgenland/proteste-gegen-toennis-weissenfels-100.html

*Infos von aktion./.arbeitsunrecht zu freitag, dem13.:

https://arbeitsunrecht.de/freitag13-aktionen-gegen-system-toennies-in-35-staedten/

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